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Berliner Wohnungsmarkt:Hoffnung First

Bilder des Tages Obdachloser versucht sein Hab und Gut vor dem Starkregen in Sicherheit zu bringen B

Wie kann Obdachlosen geholfen werden? Ein wohnungsloser Mann in Berlin bringt sein Hab und Gut vor dem Regen in Sicherheit.

(Foto: Andreas Gora/Imago)

In Finnland wird bald kaum ein Einwohner mehr ohne Wohnung sein. Dafür musste die Sozialpolitik neu gedacht werden. Ein Modell für Deutschlands Metropolen?

Von Jan Heidtmann, Berlin

Obdachlose gehören zum Stadtbild vieler deutscher Metropolen, in den zentralen Bezirken Berlins hinterlassen sie oft einen prägenden Eindruck. Sei es rund um den Zoologischen Garten, am Alexanderplatz oder auf den S-Bahnstrecken dazwischen. Geschätzt 2000 bis 4000 Menschen leben in der Hauptstadt auf der Straße. Dazu kommen diejenigen, die vielleicht Obdach bei Freunden haben, aber eine eigene Unterkunft suchen. Oder ehemals Geflüchtete, die längst bleiben dürfen, aber immer noch ein trostloses Dasein in einer Flüchtlingsunterkunft fristen. Insgesamt sind das rund 50 000 Menschen, schätzt der Berliner Senat.

Über eine Woche lang haben nun Betroffene, Politiker und Vertreter lokaler Initiativen in Berlin virtuell darüber diskutiert, wie die Stadt mit der Wohnungslosigkeit umgehen kann. Es ging um angemessene medizinische Versorgung der Obdachlosen oder um Wohnungsräumungen, weil die Bewohner die Miete nicht mehr zahlen konnten. 2019 wurden demnach rund 3000 Mieter vor die Tür gesetzt, also ungefähr acht pro Tag. Das Kernthema der inzwischen fünften Strategiekonferenz zur Wohnungslosenhilfe aber war grundsätzlicher: "Es geht um ein selbstbestimmtes Leben", sagte Elke Breitenbach, Berlins Sozialsenatorin von der Linken. "Es kann nicht sein, dass dies bei Menschen aufhört, die wohnungslos sind."

Einer der prominentesten Gäste der Tagung war Juha Kaakinen, Chef der finnischen Y-Foundation. Er war auch einer der wichtigsten Gäste, denn mithilfe seiner Initiative ist es Finnland in den vergangenen Jahren gelungen, die Zahl der Wohnungslosen von einst 17 000 auf rund 4000 zu verringern. In der Hauptstadt Helsinki gebe es nur eine Notunterkunft für Obdachlose mit rund 52 Plätzen, die meisten Betroffenen seien inzwischen in betreuten Wohneinrichtungen untergebracht. "Jeder als eigenständiger Mieter", betont Kaakinen.

Erst die Wohnung, dann das Konto

Das Konzept dazu lautet "Housing First", und das hat es in sich: "Es muss ein Paradigmenwechsel stattfinden", sagt Kaakinen. Denn bislang ist es ein weiter und komplizierter Weg, bis Obdachlose an eine Wohnung gelangen. Sie müssen nachweisen, dass sie nicht suchtkrank sind, sie benötigen ein Konto, sie brauchen all das, was Obdachlose meist nicht haben. In Finnland läuft es andersherum, hier bekommen sie erst mal eine Wohnung. Dafür hat die Y-Foundation Häuser angemietet und auch selbst gebaut. Das würde erst einmal viel Geld kosten, sagt Kaakinen. Am Ende aber "rechnet es sich auf jeden Fall". Housing First sei wesentlich effektiver als all die einzelnen Hilfen, die vorher notwendig waren. Deshalb koste es auch weniger.

In Berlin laufen seit drei Jahren zwei Housing-First-Pilotprojekte, und bislang sind die Erfahrungen damit gut. Das liegt sicherlich auch daran, dass die Bewohner umfassende Unterstützung in ihrem neuen Leben bekommen, von Behördengängen bis zur therapeutischen Betreuung. In einer ersten Befragung gaben drei Viertel der ehemals Obdachlosen an, dass sie wieder zuversichtlicher seien. Die Stadt zahle Jahr für Jahr Millionen für die notdürftige Unterbringung von Wohnungslosen, sagt Senatorin Breitenbach. Nach den Erfahrungen mit Housing First sei ihr klar: "Wir wollen Wohnungslosigkeit nicht weiter verwalten, wir wollen sie beenden."

Wohnungslose sind die letzten in der Kette

Die größte Schwierigkeit ist der Mangel an bezahlbarem Wohnraum, der Markt ist in Berlin genauso umkämpft wie in vielen anderen deutschen Großstädten. "Da stehen die Wohnungslosen ganz am Ende der Konkurrenzkette", meint Breitenbach. Deshalb könne sie sich vorstellen, Vereinbarungen mit den städtischen Immobiliengesellschaften zu treffen, um Teile der Wohnungen für Bedürftige zurückzuhalten. "Dafür müssen wir aber zu einem gesellschaftlichen Konsens kommen, dass dies der richtige Weg ist."

Das Vorbild dafür sei abermals Finnland, meint Breitenbach. Dort habe die Regierung seit Beginn von Housing First mehrfach gewechselt und "keine hat das Programm infrage gestellt". Das ist für die Sozialsenatorin vermutlich auch deshalb interessant, weil in Berlin im September gewählt wird.

© SZ/segi
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