Wohnungsmarkt in Berlin:Konflikt, Konflikt und nochmals Konflikt

Wohnungsmarkt in Berlin: Erst am Wochenende gab es in Berlin wieder Proteste gegen steigende Mieten.

Erst am Wochenende gab es in Berlin wieder Proteste gegen steigende Mieten.

(Foto: John Macdougall/AFP)

Noch höhere Mieten in der Hauptstadt? Die größten deutschen Wohnkonzerne geben sich vor ihrer Fusion versöhnlich. Die fast schon revolutionäre Stimmung in Berlin zeigt Wirkung - ein Signal für das ganze Land.

Kommentar von Jan Heidtmann, Berlin

Konflikt, Konflikt und nochmals Konflikt lautet einer der wichtigsten Lehrsätze für angehende Drehbuchautoren. So gesehen taugt das, was sich gerade auf dem Berliner Wohnungsmarkt abspielt, für die nächste Netflix-Serie. Am Pfingstsonntag noch demonstrierten Tausende Menschen auf den Straßen Berlins. Mit Plakaten und Trommeln bewehrt zogen sie quer durch die Innenstadt, um gegen die rabiate Steigerung der Mieten zu protestieren. An diesem Dienstag dann verkündeten die zwei größten börsennotierten Wohnungsunternehmen Deutschlands, dass sie sich zusammenschließen wollen. Allein im Großraum Berlin würde das neue Unternehmen mehr als 150 000 Wohnungen besitzen - an die zehn Prozent des gesamten Bestandes in der Stadt.

Es ist eine weitere Zuspitzung in dem Drama, das bei der Berlin-Wahl im September seinen vorläufigen Höhepunkt erreichen wird. Dann können die Berliner voraussichtlich auch darüber entscheiden, ob große Wohnungsunternehmen verstaatlicht werden sollen.

Die offensichtliche Ohnmacht der Mieter gegenüber den Vermietern ist die soziale Frage, die die Städter derzeit mobilisiert, nicht nur in Berlin. Doch in der Hauptstadt hat sich das Problem in kürzester Zeit drastisch verschärft. Wegen der enormen Nachfrage sind die Wohnkosten gestiegen wie in keiner anderen deutschen Metropole; zugleich wird in Berlin so wenig verdient wie in kaum einer anderen Großstadt. Den Versuch des Berliner Senats, die Preisspirale über einen Mietendeckel zu stoppen, verwarf das Bundesverfassungsgericht Anfang April.

So ist eine fast revolutionäre Stimmung in der Stadt entstanden. Nahezu die Hälfte der Berliner findet es inzwischen überlegenswert, große Wohnungsunternehmen gegen Entschädigung zu vergesellschaften. Derzeit sammelt die Initiative "Deutsche Wohnen & Co enteignen" Stimmen für einen Volksentscheid im Herbst. Und das mit Erfolg. Die Ankündigung der Immobilienfirma Deutsche Wohnen, nun mit der Vonovia zu fusionieren, wird das Vorhaben weiter befeuern.

So viel ist klar: Vonovia und Deutsche Wohnen machen ihre Zugeständnisse nicht aus Nächstenliebe

Die Chefs der beiden Unternehmen geben sich nun konziliant. Die Fusion sei "kein smarter Deal", sondern ein "Angebot an die Stadt": 20 000 Wohnungen des neuen Konzerns würden an den Senat verkauft werden, in den verbleibenden würden die Mieten in den kommenden drei Jahren nur um ein Prozent steigen. Zugleich wolle man 13 000 neue Wohnungen bauen, ein Drittel davon als Sozialwohnungen. Beide Unternehmen wollten mit dem Zusammenschluss die Stadt befrieden, sagt der Chef der Deutsche Wohnen, Michael Zahn.

Tatsächlich würden genau solche Verpflichtungen helfen, die Mieten bezahlbar zu halten. Offen ist aber noch, was tatsächlich dran ist an dem Friedensangebot. Zum Beispiel, ob die Mieten über Modernisierungskosten trotzdem steigen kräftig werden. Oder, was nach dem selbstauferlegten Mietendeckel geschieht. Und welche Wohnungen genau sollen an die Stadt verkauft werden? Diese Fragen müssen jetzt detailliert geklärt werden.

Klar ist nur, dass Vonovia und Deutsche Wohnen diese Zugeständnisse nicht aus reiner Nächstenliebe machen. Der vielstimmige Protest auf der Straße, Initiativen wie die Forderung nach Enteignung und selbst der gescheiterte Mietendeckel haben den politischen Druck auf die Vermieter stetig erhöht. Es ist ein Interessenkonflikt, der kaum aufzulösen ist. Er muss deshalb am Leben gehalten werden - zum Schutz der Mieter.

© SZ
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