Klimawandel in der Arktis:Mit Feuereifer am Hotspot

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Es fließt mehr, als es sollte: Ein schwimmender Eisberg an der Ostküste von Grönland.

Es fließt mehr, als es sollte: Ein schwimmender Eisberg an der Ostküste von Grönland.

(Foto: JONATHAN NACKSTRAND/AFP)

Mitten im schmelzenden Eis, wo die Erderwärmung besonders spürbar ist, gelobt der Arktische Rat neuen Schwung beim Klimaschutz. Doch die Mitgliedsstaaten Russland und Norwegen bohren im Polarmeer fleißig weiter nach Öl.

Von Silke Bigalke, Moskau, und Kai Strittmatter, Kopenhagen

Wem der Mai in Deutschland zu kühl ausfällt, der könnte sich nach Sibirien wünschen, in die Stadt Nischnaja Pjoscha, knapp nördlich des Polarkreises. Dort wurden am Mittwoch 30,3 Grad gemessen. 30 Grad im Mai. In der Arktis. Die Region ist der Hotspot der globalen Erwärmung. Wenn die Mitglieder des Arktischen Rates, die sich am Donnerstag in Islands Hauptstadt Reykjavik trafen, noch eines Fingerzeiges bedurft hätten: Hier war er.

Auf dem Papier zumindest reagierten sie. Zum ersten Mal in der 25-jährigen Geschichte des Rates einigten sich die versammelten Außenminister der acht arktischen Anrainerstaaten und Vertreter der indigenen Völker auf einen "Strategischen Plan". Einen Plan, der als Ziel Nummer eins die Bewahrung des Klimas beschwört, die Reduzierung von Treibhausgasen und die "Förderung sauberer Energien".

Wie ernst aber ist es den Unterzeichnern? Ratsmitglied Norwegen bohrt auch in arktischen Regionen nach Öl und Gas - und zwar aktiver als je zuvor. Und noch ambitioniertere Pläne für die Erschließung der Arktis hat Russland, das Land, das am Donnerstag den Vorsitz des Arktischen Rates für die nächsten zwei Jahre übernahm.

Die Hitzewelle war nicht der einzige Warnschuss diese Woche. Ein anderer kam vom Potsdamer Institut für Klimafolgenforschung PIK. PIK-Wissenschaftler Niklas Boers und sein norwegischer Co-Autor Martin Rypdal legten eine alarmierende Studie zum Eisschild Grönlands vor. Dort lassen sich schon länger die Folgen der arktischen Erwärmung beobachten. Die Studie von Boers und Rypdal hat nun erste Destabilisierungen in Teilen des Eises beobachtet und warnt, der Eisschild nähere sich wohl viel schneller als bislang vermutet dem Kipppunkt: Das wäre der Punkt, von dem an sich das Abtauen des grönländischen Eises nicht mehr rückgängig machen lässt.

Putin will mehr Menschen, Militär und Firmen in der Arktis

Grönland aber ist nach der Antarktis der zweitgrößte Eisspeicher der Welt. Das vollständige Abtauen würde zwar viele Jahrhunderte dauern - hätte aber dramatische Folgen: Der Meeresspiegel würde weltweit um sieben Meter ansteigen, weshalb die unser mildes europäisches Wetter bestimmenden atlantischen Umwälzströme wohl kollabieren würden.

Die Autoren fordern nun die Senkung der Treibhausgas-Emissionen noch schneller als bislang. Und sie sind damit nicht allein. Die Internationale Energieagentur (IEA) hat nur zwei Tage vor der Sitzung des Arktischen Rates ihren Bericht "Net Zero by 2050" vorgestellt. Darin fordert sie einen Stopp der Investitionen in neue Öl- oder Gasfelder. Regierungen müssten endlich "die Kluft zwischen Worten und Taten schließen".

Alle Klimaziele, die der neue Ratspräsident Russland sich gesetzt hat, sind bisher kosmetisch. Für Wladimir Putin ist die dünn besiedelte, rohstoffreiche Arktis Chance und Herausforderung zugleich. Putin möchte die Region zugänglicher machen, mehr Menschen, mehr Militär, mehr Unternehmen dorthin bringen. Im vorigen Jahr veröffentlichte er eine neue Arktis-Strategie; bis zum Jahr 2035 sind darin etwa Pläne für neue Eisbrecher und Eisenbahnlinien im Norden vorgesehen.

Der Klimawandel legt neue Routen im Polarmeer frei, verkürzt die Wege zwischen Russland und den Nato-Staaten: neue Grenzen entstehen, die es zu sichern gilt. Das russische Militär hat in der Arktis stark aufgerüstet, verlassene Häfen renoviert, neue gebaut. Das dient nicht nur der Abschreckung, es soll auch helfen, diese Regionen bewohnbarer zu machen, Jobs zu schaffen.

Der Präsident setzt dafür neben dem Militär auf die Mineralölindustrie. In der Arktis baut Russland schon jetzt 90 Prozent seines Erdgases und beinahe ein Fünftel seines Erdöls ab. Konzerne, die in arktische Projekte investieren, erhalten Steuererlasse in Milliardenhöhe. Eines dieser geplanten Megaprojekte ist Vostok-Oil auf der Taimyr-Halbinsel. Dort will Rosneft gleich mehrere Ölfelder ausbeuten, dafür ganze Industriestädte bauen, samt Hafen und Eisbrecherflotte. 100 000 Jobs sollen entstehen.

Millionen Tonnen Fracht für die Nordostpassage

Das bisher erfolgreichste Projekt betreibt das private Unternehmen Novatek auf der Halbinsel Jamal. Dort produziert es seit Ende 2017 Flüssig-Erdgas, LNG. Novatek hat gemeinsam mit anderen Investoren einen Industriehafen und eine Flotte von Tankschiffen gebaut, die Flüssiggas bis nach China bringen. Und es entwickelt zwei weitere Produktionsstätten für LNG. Damit allein liefert es mehrere Millionen Tonnen Fracht für die Nordostpassage, den zunehmend eisfreien nördlichen Seeweg zwischen Europa und China. Putin möchte den Verkehr auf dieser Strecke deutlich erhöhen. Wer sie befahren möchte, braucht vorher die Zustimmung der russischen Behörden. Geht es nach Putin, sollen bis 2035 jährlich 130 Millionen Tonnen Fracht über diesen Weg verschifft werden, 2019 waren es nicht mal ein Viertel davon.

Umweltschützer beklagen die Kluft zwischen Wort und Tat aber nicht nur bei Russland. Norwegen präsentiert sich gern als Vorbild in der Klimapolitik, erwirtschaftet jedoch einen großen Teil seines Wohlstandes mit der Förderung von Öl und Gas. Auch Norwegen sucht nach neuen Ölfeldern und hat 2020 neue Lizenzen für Bohrungen in arktischen Gewässern ausgewiesen.

Diesen März erst verkündete der norwegische Ölkonzern Equinor einen Ölfund nahe des Johan-Castberg-Ölfeldes in der Barentssee. Die Industrie jubelte von einem "sehnlichst erwarteten Schub" für Norwegens arktische Ölprojekte. Und Premierministerin Erna Solberg nahm Ende April zwar teil an US-Präsident Joe Bidens virtuellem Klimagipfel. Doch befragt nach Bidens Forderung nach einem Ölbohrstopp in der Arktis, sagte sie hinterher, das habe "wenig Bedeutung" für Norwegen, das Land werde weiterbohren.

Die "Verletzlichkeit der Arktis" solle in Zukunft "ein wichtiger Antrieb" der Aktivitäten des Arktischen Rates werden, steht im neuen Strategiepapier, das nun in Reykjavik vorgestellt wurde. Vielleicht sollten die Mitgliedsstaaten das Papier auch beherzigen.

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