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Klimakolumne:Deutschland 2050

Trockener Boden am Rhein

Dürre, Hitze, Waldsterben: Schon bis 2050 wird der Klimawandel vieles in Deutschland verändern.

(Foto: Federico Gambarini/dpa)

Das Praktische an der Zukunft: Sie ist immer schön weit weg. Das ändert sich, wenn man sich konkret vor Augen führt, wie dieses Land bald aussehen könnte.

Von Alex Rühle

Woran liegt es eigentlich, dass wir die Zukunft meist für etwas halten, was in ewig diffuser Ferne liegt? Daran, dass sie, anders als die Vergangenheit, die durch erinnerte Ereignisse in unserem Gedächtnis strukturiert wird, ein offener, leerer Zahlenraum ist? 2050. Die Zahl der Zahlen in Sachen Zukunft. Bis 2050 muss... bis 2050 werden wir... 1,5 Grad... Naja, ist ja noch Zeit, sehr weit weg. Andererseits: Ist 1992 weit weg? Das ist ebenfalls 29 Jahre von heute aus. Und das war doch gerade erst. Bill Clinton wurde gewählt, Ausschreitungen von Rostock-Lichtenhagen, Eröffnung des Franz-Josef-Strauß-Flughafens.

Zweiter Grund für die seltsame psychologische Distanz: Klima ist meist etwas, das irgendwo anders passiert, Grönland, Tuvalu, Amazonas.

Nick Reimer und Toralf Staud haben nun ein Buch geschrieben, mit dem sie diese Zukunft sehr nah heranholen: Sie haben physikalische Studien und Forschungsberichte durchforstet, mehrere hundert Expertinnen und Experten aus Wissenschaft und Praxis besucht und deren Erkenntnisse umgesetzt in die möglichen konkreten Folgen: "Deutschland 2050" (Kiepenheuer und Witsch) erzählt, wie der Klimawandel unser Leben und unseren Alltag verändern wird. Nicht auf Grönland, sondern hier bei uns. Kurz gesagt: Kaufen Sie besser keine Dachgeschosswohnung (zu heiß), fragen Sie sich schonmal, wie sie an Wasser kommen (wird knapp) und wenn Sie gerne im Meer baden, dann machen Sie das lieber jetzt, 2050 könnte die Ostsee im Sommer dermaßen überschwemmt sein von lebensgefährlichen Vibrio-Bakterien, dass da wahrscheinlich niemand mehr drin schwimmen will/darf.

Reimer und Staud haben schonmal gemeinsam ein Buch geschrieben, "Wir Klimaretter", in dem sie 2007 skizzierten, wie man die Emissionen in Deutschland bis zum Jahr 2020 halbieren könnte. Naja, halbieren hätte können. Ist ja leider nicht passiert. Also gehen sie diesmal den umgekehrten Weg. Statt zu fragen, was man tun müsste, zeigen sie, was passieren wird.

Sechs Jahre Dürre, und das Grundwasser könnte knapp werden

Es wird sehr viel mehr "Naturkatastrophen" geben (ich schreibe das in Klammern, weil der Klimawandel kein Naturphänomen ist, sondern menschgemacht). Die Wirtschaft wird unter Kühlwassermangel genauso ächzen wie unter Logistikproblemen. Der Wald, wie wir ihn kennen, wird verschwunden sein, die Fichte kann nicht mehr. Die Sommer von 2018 und 2019 - gleich zwei Jahre hintereinander so großflächig so wenig Wasser - das gab es in Europa seit der Französischen Revolution nicht. Wissenschaftler am Geoforschungszentrum Potsdam ermittelten durch Satellitenauswertung, dass im Sommer 2019 in Mitteleuropa die gewaltige Menge von 145 Milliarden Tonnen Wasser fehlten. Unsere Wasserversorgung basiert aber zu 70 Prozent auf Grundwasser. Sechs Jahre Dürre, und das könnte knapp werden.

Auch das große Artensterben wird weit fortgeschritten sein. Es gibt für die meisten Tierarten eine Temperaturschwelle, oberhalb derer die Spezies sich nicht mehr anpassen kann. Ein Forscherteam des University College London hat die Lebensbedingungen von 30 000 Meeres- und Landarten analysiert sowie die Klimaverhältnisse von 1850 bis 2100. Sie prognostizieren, dass bereits vor 2030 ein abruptes Massensterben in den tropischen Ozeanen einsetzt. In den Flachwasserregionen vor der Küste Israels (die sich besonders stark erhitzen) leben heute schon nur noch fünf Prozent der dort eigentlich beheimateten Arten.

Das Schicksal der Brockenanemone wirkt fast wie ein literarisches Symbol für das, was gerade weltweit passiert: Viele Pflanzen und Tierarten versuchen wegen der steigenden Temperaturen in kältere Regionen zu kommen, die Lebensräume verschieben sich im Schnitt 17 Kilometer pro Jahrzehnt in Richtung Pole. Die Brockenanemone wächst seit Jahrtausenden nur auf dem höchsten Berg des Harzgebirges. Dort hat sie sich in den letzten Jahrzehnten immer weiter in die Höhe zurückgezogen, heute findet man sie nur noch auf dem Gipfel. Dass sie offiziell streng geschützt ist, wird ihr da oben im zu heißen Sonnenschein aber nichts nützen, sie ist da auf ihren letzten paar Hektar gefangen und wird bald verschwunden sein.

Und der Mensch? Nun ja, wir sind extrem anpassungsfähig. Und einiges an Reimers und Stauds Buch klingt sogar erstmal verlockend: Berlin wird ungefähr das Klima von Toulouse bekommen, München das von Mailand, Hamburger Sommer ähneln dann denen von Pamplona heute. Das sind doch wunderschöne Städte - deren Architektur aber anders an Hitze angepasst ist als die unsere. Und bereits heute gibt es in einem heißen Sommer in Deutschland Tausende Hitzetote.

Ungemütliche Aussichten also für Deutschland 2050? Ja. Aber da ist die Zeit ja aller Voraussicht nach nicht zu Ende. Unsere Kinder und Enkel werden auch 2070 und 2100 noch leben und alles wird davon abhängen, ob es bei den schon unvermeidlichen 1,5 Grad und den von Nick Reimer und Thoralf Staud so eindrücklich beschriebenen daraus folgenden Veränderungen bleibt oder ob alles endgültig weitersteigt, über alle tipping Points hinaus, der Meeresspiegel, die Temperaturen, die Verwüstung.

(Dieser Text stammt aus dem wöchentlichen Newsletter Klimafreitag, den Sie hier kostenfrei bestellen können.)

© SZ/weis
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