bedeckt München 21°

Afghanistan:Dutzende Tote bei Anschlag vor deutscher Botschaft

Bei einer Terrorattacke in Kabul sterben mindestens 90 Menschen. Innenminister de Maizière stoppt einen Abschiebeflug nach Afghanistan - aber nur vorläufig.

Beim schwersten Anschlag in der afghanischen Hauptstadt Kabul seit etwa einem Jahr sind am Mittwoch mindestens 90 Menschen gestorben, mehr als 400 weitere Menschen wurden verletzt. Nach ersten Erkenntnissen der afghanischen Behörden hatte ein Attentäter einen mit Sprengstoff beladenen Wasser-Tanklaster unmittelbar vor dem Diplomatenviertel in die Luft gejagt. Dabei wurde auch die deutsche Botschaft beschädigt. Unter den Toten ist ein afghanischer Wachmann der diplomatischen Vertretung. Auch die chinesische und die japanische Botschaft meldeten Schäden an ihren Gebäuden.

Wegen des Anschlags begann in Berlin eine Debatte über die Abschiebungen abgelehnter Asylbewerber nach Afghanistan. Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU) setzte zwar einen für Mittwochabend geplanten Abschiebeflug nach Kabul aus. Dieser solle aber nachgeholt werden, sagte der Minister. Grüne und Linke forderten dagegen einen Stopp der Abschiebungen, da der Anschlag beweise, dass Afghanistan nicht sicher genug sei.

Das Kabuler Diplomatenviertel ist stark gesichert, dem Attentäter gelang es nach offizieller Darstellung nicht, in das Gebiet einzufahren. Die Wucht der Detonation war allerdings so stark, dass Büros und Häuser im Umkreis von einem Kilometer beschädigt wurden. Die Taliban bestritten, für die Attacke verantwortlich zu sein, zunächst bekannte sich auch keine andere Extremistengruppe zu der Tat.

Der afghanische Präsident Aschraf Ghani verurteilte den Anschlag. Bundeskanzlerin Angela Merkel rief die Weltgemeinschaft auf, entschlossen gegen den Terrorismus zu kämpfen: "Wir alle gemeinsam, die wir an das Recht, die Freiheit und die Würde des Menschen glauben - in Europa, in Amerika, in Afrika, ja und natürlich auch in Afghanistan - werden den Kampf gegen die Terroristen führen", sagte sie. "Und wir werden ihn gewinnen."

Der Anschlag fällt in eine Phase, in der die US-Regierung erwägt, wegen der angespannten Sicherheitslage bis zu 5000 Soldaten zusätzlich nach Afghanistan zu schicken. Derzeit sind etwa 13 000 ausländische Soldaten am Hindukusch stationiert, unter ihnen knapp 1000 deutsche.

Die Bundesregierung will trotz des Anschlags abgelehnte Asylbewerber wie bisher nach Afghanistan abschieben. De Maizière sagte, an der "generellen Linie" der Regierung werde sich nichts ändern. Außenminister Sigmar Gabriel (SPD) und er seien sich "einig, dass in maßvoller, bestimmter Weise Rückführungen nach Afghanistan zumutbar und notwendig sind".

Linken-Chefin Katja Kipping und die Spitzenkandidatin der Grünen, Katrin Göring-Eckardt, forderten dagegen einen Abschiebestopp sowie eine Neubewertung der Sicherheitslage in Afghanistan. Baden-Württembergs Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) sagte, es liege in der Kompetenz von Gabriels Außenministerium, die Lage in Afghanistan zu beurteilen. Eine Sprecherin Gabriels wollte sich jedoch nicht dazu äußern, ob ihr Ressort die Bewertung ändern wird.

Asylbewerber

Abschiebungen nach Kabul: Aufgeschoben, nicht aufgehoben

Nach dem Anschlag von Kabul stoppt die Bundesregierung zwar eine Sammelabschiebung nach Afghanistan, generell hält sie aber an den Rückführungen fest. Die Opposition ist empört - die SPD uneins.   Von Robert Roßmann