Sexismus Was in der #MeToo-Debatte bisher ausgeblendet wird

Das "strukturelle" Problem, das zum sexuellen Fehlverhalten von Männern und letztlich zum Patriarchat führt, hat noch tiefere Ursachen als die gesellschaftlichen Verhältnisse selbst, in denen Menschen heranwachsen.

(Foto: Illustration Jessy Asmus)

Männern, die Frauen bedrängen oder sogar vergewaltigen, geht es nicht um Macht, sondern um Sex. Es ist töricht, die Rolle der Biologie für das Sexualverhalten völlig zu leugnen - gerade dann, wenn wir eine Gesellschaft ohne sexuelle Gewalt anstreben.

Essay von Markus C. Schulte von Drach

Was hat das, was Harvey Weinstein in den USA und Dieter Wedel in Deutschland vorgeworfen wird, gemein mit dem Alltagssexismus, dem sich Frauen permanent konfrontiert sehen, an der Bushaltestelle, im Ausbildungsbetrieb, in der Cocktail-Bar? Haben die Hand auf dem Knie, der Blick ins Dekolleté, die übergriffig-anzügliche Bemerkung sowie Missbrauch und Vergewaltigung eine gemeinsame Ursache?

Nein, sagen die 100 Frauen um die Schauspielerin Catherine Deneuve und die Publizistin Catherine Millet. In einem offenen Brief, der in der französischen Zeitung Le Monde abgedruckt wurde, verteidigen sie "die Freiheit, jemanden zu belästigen". Man müsse klar unterscheiden zwischen einer Vergewaltigung, die stets als Verbrechen gewertet werde und - selbst aufdringlichen - männlichen Annäherungsversuchen, die "für die sexuelle Freiheit unerlässlich" seien.

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Ja, sagen viele, die sich jetzt in der #MeToo-Debatte zu Wort melden. Ihnen gelten die Vorwürfe gegen mächtige Männer wie Weinstein oder Wedel als Beleg dafür, wie ausgeprägt das ungleiche Machtverhältnis zwischen Männern und Frauen auch heute noch ist. Sowohl Ungleichbehandlung als auch Übergriffe, so viele Feministinnen, verlaufen entlang derselben Machtgrenzen. Beide Phänomene träten immer dort auf, so schreibt etwa die Kolumnistin Margarete Stokowski, "wo ein Mensch das Gefühl hat, er hätte das Recht, in die Freiheit eines anderen einzugreifen, sei es kommentierend oder tätlich".

Woher kommt dieses Gefühl? Wie entstehen Gesellschaftsstrukturen, in denen Frauen konsequent benachteiligt sind und in denen für sie grundsätzlich die Gefahr besteht, belästigt oder sogar vergewaltigt zu werden? Und wie hängt die "strukturelle Gewalt", aus der die Benachteiligung resultiert, mit der "sexuellen Gewalt" zusammen, die der Vergewaltiger oder Missbrauchstäter ausübt?

Dass es strukturelle Gewalt von Männern gegenüber Frauen gab und gibt, ist klar. Das belegt schon die Realität des Patriarchats, in dem Frauen von Männern sogar mittels Gesetzen unterdrückt und wie Eigentum behandelt wurden und mancherorts heute noch werden. Selbst in Westdeutschland konnte ein Ehemann seiner Ehefrau bis 1977 verbieten, einen Beruf auszuüben.

Über die Ursachen solcher Strukturen wird heftig diskutiert. Wichtig sind hier gesellschaftliche Faktoren, etwa Erziehung und Sozialisation, die die Rollenbilder formen. "Man wird nicht als Frau geboren, man wird es", sagte die Philosophin und Schriftstellerin Simone de Beauvoir bereits vor 70 Jahren. Manche Fachleute - insbesondere in den Genderwissenschaften - gehen sogar davon aus, dass nicht nur das Rollenbild, sondern das Geschlecht selbst ein "soziales Konstrukt" ist.

Doch diese rein soziokulturellen Erklärungen greifen zu kurz. Das "strukturelle" Problem, das zum sexuellen Fehlverhalten von Männern und letztlich zum Patriarchat führt, hat noch tiefere Ursachen als die gesellschaftlichen Verhältnisse selbst, in denen Menschen heranwachsen: Wenn wir Sexismus überwinden wollen, müssen wir berücksichtigen, dass Unterschiede zwischen Männern und Frauen auch von Natur aus existieren, weil sie sich über die Evolution entwickelt haben.

Geschlechterunterschiede von Natur aus

Wer das fordert, stößt auf Widerspruch. Denn der evolutionäre Ansatz klingt für viele Kritiker so, als würde behauptet, Menschen wären zu einem bestimmten Verhalten verdammt, weil es ihre Natur wäre. Doch das behaupten die Anhänger dieses Ansatzes nicht und schon gar nicht können oder wollen sie eine Rechtfertigung für irgendein Verhalten liefern. Wer das denkt, begeht den sogenannten "naturalistischen Fehlschluss".

Typisch männliche oder typisch weibliche Persönlichkeitsmerkmale gibt es gar nicht, sagen die Kritiker des evolutionären Ansatzes außerdem. Und tatsächlich kommen viele dieser Merkmale in unterschiedlicher Ausprägung bei beiden Geschlechtern vor. Aber, das zeigen wissenschaftliche Untersuchungen, sie unterscheiden sich in Bezug auf die Durchschnittswerte - und das schon ganz früh. So deutet eine Studie der Cambridge University darauf hin, dass männliche Neugeborene im Schnitt etwas länger auf ein Mobile über ihrem Bettchen schauen als auf Gesichter, bei weiblichen Neugeborenen ist es eher umgekehrt.

Solche Ergebnisse dürfen nicht überinterpretiert werden. Aber es spricht einiges dafür, dass nicht nur für die Persönlichkeit sowie für die Verteilung von Talenten und Neigungen die Gene eine Rolle spielen. Auch das soziale Geschlecht entsteht nicht ausschließlich durch äußere Einflüsse. Es lässt sich zwar durch Erziehung beeinflussen, aber nicht beliebig.

Wir wissen heute, dass Menschen keineswegs als "unbeschriebenes Blatt" auf die Welt kommen, wie es der Harvard-Psychologe Steven Pinker in seinem gleichnamigen Buch dargelegt hat. "Die Weigerung, die menschliche Natur anzuerkennen ist, wie die viktorianische Verlegenheit im Hinblick auf die Sexualität, nur schlimmer", schreibt Pinker und er verweist auf den Dichter Anton Tschechow, wenn er argumentiert, dass die Anerkennung natürlicher Unterschiede zwischen den Geschlechtern ein Vorteil sei: "Der Mensch wird besser, wenn man ihm zeigt, wie er ist."