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Karneval:Meins bleibt meins

Ist das Gegrapsche und Gesaufe an Fasching wirklich schlimmer geworden? Oder scheint das nur so, weil alle darüber reden? Über die Grenzen des närrischen Treibens in Zeiten der "Me Too"-Debatte.

Es war gegen zwei Uhr nachts in der Bonner Südstadt, als Susanne E. Abschied vom Karneval nahm. Gut 25 Jahre lang hatte sie als überzeugte Rheinländerin mitgefeiert, aber: "Zuletzt waren viel mehr Leute dabei, die mit Ansage die Sau rauslassen wollen. Die denken, ab einem gewissen Wodkapegel dürfen sie alles." So wie der junge Mann, der sich neben sie drängte, sie anlallte, "dubisssesuschön", und "mir ins Dekolleté gefallen ist". Sie schüttelte ihn irgendwie ab und ging: "Das war's für mich mit dem Karneval."

Ihre Freundin Christine K. dagegen feiert seit Jahren Karneval unverdrossen in Kölner Kneipen und sagt: "Ich habe noch nie ein Problem gehabt. Die Leute kennen sich, und man muss das natürlich wollen, dass es eng und laut ist und man auch mal flirtet." Sie mag die Kostüme, das Ausgelassene und hat mit einem bärtigen jungen Mann getanzt, der als "Bezaubernde Jeannie" verkleidet war. Wer so etwas nicht mag, für den sei der Karneval auch nichts. Dennoch, zu späterer Stunde machen Christine K. und ihre Freundinnen einen Bogen um die großen Plätze in der City und um die seit der Silversternacht 2015 berüchtigte Domplatte - man weiß nie.

„Bützen macht nur Spaß, wenn der Gegenüber nicht gerade ein Mettbrötchen mit Zwiebeln gegessen hat."

Ina Harder, Beueler "Obermöhn"

Facetten des Karnevals. Ina Harder hat für feiernde Frauen einen Rat parat: "Da wird ein Mädchen ungewollt gebützt und schmiert dem Jungen dann eine. Ist ja auch richtig so. Nein heißt Nein. Und wenn ein Nein nicht akzeptiert wird, kann man das ruhig mal energischer durchsetzen." Sie ist als Beueler "Obermöhn" so etwas wie die Königin des Damenkarnevals im rechtsrheinischen Bonn. Als Bützen gilt im Rheinland ein erlaubtes Küsschen auf die Wange. Obermöhn Ina Harder: "Bützen gehört zum Karneval dazu, aber nur auf die Wange. Früher war es üblich, jemanden auf den Mund zu küssen. Und bützen macht sowieso nur dann Spaß, wenn der Gegenüber nicht gerade ein Mettbrötchen mit Zwiebeln gegessen hat." An Weiberfastnacht schneiden die närrischen Weiber den Männern traditionell die Krawatten ab, und was übergriffige Anmache betrifft, sagt sie: "Bei mir traut sich das keiner."

Die "Me Too"-Debatte konfrontiert den Karneval, den Fasching, die Fastnacht mit Fragen nach den Grenzen der Feierlust und des Erlaubten, vor allem dann, wenn Sexismus noch im Gewand des Scherzes daherkommt. Wenn auf der TV-Prunksitzung "Fastnacht in Franken" eine Komödiantentruppe Brigitte Macron als "gut eingefahr'nen Schlitten" und "schärfste alte Hütte" bezeichnet und viele Zuhörer tun, als hätten sie nie etwas Lustigeres gehört, dann illustrieren solche Entgleisungen unfreiwillig das wachsende Imageproblem der "tollen Tage". Nur weil die Frau des französischen Präsidenten deutlich älter ist als er, wird sie vor einem Millionenpublikum zum Objekt tumber Zoten.

Reception of German carnival societies at the Chancellery in Berlin

„Damen waren nur in Form knapp beschürzter Funkemariechen zugelassen“, schrieb ein Reporter in den Achtzigern. Und heute?

(Foto: Hannibal Hanschke/Reuters)

Susanne E. hat immer gern gefeiert, gern auch die Nächte durch: "Mit den Männern in meiner Clique war das nie ein Problem. Aber es gibt eine feine Grenze zwischen Ausgelassenheit und dem Missverständnis, alles ist erlaubt." Kritisch kann es heute aus ihrer Sicht vor allem werden, wenn viele Wildfremde aufeinandertreffen und schon viel Alkohol geflossen ist.

In diesem Jahr hat der Karneval deshalb mehr Gegenwind bekommen. Kölns Oberbürgermeisterin Henriette Reker beklagt öffentliche Saufgelage, der Friedenspreisträger des Deutschen Buchhandels, Navid Kermani, die "Verballermannisierung". Und das ist nicht die Stimme des Puritanismus, der anderen den Spaß verderben will: Beide sind als Kölner sehr karnevalsaffin, aber, so Kermani in einem Interview: "Früher hatte es eben eine Bedeutung, dass man drei, vier Tage im Jahr feiern und die Sorgen vergessen konnte" - heute zeichne sich eine "Wohlstandsverwahrlosung" ab.

Christoph Kuckelkorn, Präsident des Festkomitees Kölner Karneval, hat Reker in einer Brandrede widersprochen, er fragt sich: "Warum sollten sich der Karneval und die Forderungen der "Me Too"-Debatte überhaupt widersprechen? Ich sehe das gar nicht so. Bützen, schunkeln, in den Arm nehmen - wenn alle daran Spaß haben, ist das nicht übergriffig. Aber ein Nein ist natürlich auch im Karneval ein Nein."

Und natürlich, Karneval ist nicht gleich Karneval. Das Volksvergnügen für Millionen wurde im Rheinland vor gut 200 Jahren mit seinen Fantasieuniformen zur Verhöhnung der verhassten preußischen Besatzungsmacht ersonnen: "Keine Wunder, keine Witze, keine Heiligen in Stein / immer alles ernst gemeint, das passt nicht an den Rhein", sangen die Jecken damals. Der Karneval ist auf Dörfern und in den Kiezen zu Hause, allein in Köln gibt es mehr als 120 organisierte Vereine, und es machen so viele Frauen mit wie Männer. Oberkarnevalist Kuckelkorn war mit seiner Truppe auf einer Palliativstation, beim Kinderkarneval, im Frauengefängnis und beim Verein der Roadies, die bei Konzerten die Bühne aufbauen; "harte Jungs", sagt Kuckelkorn, "aber sie haben sich beschwert, weil das Kölner Kinder-Dreigestirn diesmal nicht mitkam. Das ist doch die Hauptsache am Karneval: das Verbindende".

„Die Frauen haben mit der Stripperin kein Problem. Die machen auch die Kasse bei der Herrensitzung."

Kurt Fenn, Präsident der "närrischen Schmetterlinge"

Kaum ein Karnevalist dürfte da widersprechen. Andererseits trägt gerade der organisierte Karneval vielleicht schwerer an seiner Geschichte, als er sich eingestehen mag; 1990, als erstmals eine Frau ins Kölner Festkomitee berufen wurde, war es gerade erst ein paar Jahre her, dass karnevalistisch besonders engagierte Damen den "Aschenblödel"- und den "Schneeflittchen"-Orden überreicht bekamen, wie der Autor Wolfgang Hippe in seinem Buch "Alaaf und Helau" berichtet. Noch immer gibt es vielfach "Herrensitzungen" wie jene, über die in den Achtzigern einmal der Lokalreporter Andreas Jasper spottete: "Damen waren nur in Form knapp beschürzter Funkenmariechen zugelassen, Ausnahme: die Ehefrauen, die am Ende die stark bezechten Gatten mit dem Auto abholen durften." Sein entsetzter Ressortleiter hat den Text sofort gekippt.

Schnee von gestern? Das zu beweisen, liegt an den Karnevalisten selbst. Erst kürzlich trat bei der Herrensitzung der "närrischen Schmetterlinge" aus Düsseldorf eine Stripperin auf. Als es kritische Berichte gab, sagte deren Präsident Kurt Fenn in einem Interview: "Die Frauen haben damit kein Problem. Die machen ja sogar die Kasse bei der Herrensitzung."