Süddeutsche Zeitung

Sexismus:Was in der #MeToo-Debatte bisher ausgeblendet wird

Männern, die Frauen bedrängen oder sogar vergewaltigen, geht es nicht um Macht, sondern um Sex. Es ist töricht, die Rolle der Biologie für das Sexualverhalten völlig zu leugnen - gerade dann, wenn wir eine Gesellschaft ohne sexuelle Gewalt anstreben.

Was hat das, was Harvey Weinstein in den USA und Dieter Wedel in Deutschland vorgeworfen wird, gemein mit dem Alltagssexismus, dem sich Frauen permanent konfrontiert sehen, an der Bushaltestelle, im Ausbildungsbetrieb, in der Cocktail-Bar? Haben die Hand auf dem Knie, der Blick ins Dekolleté, die übergriffig-anzügliche Bemerkung sowie Missbrauch und Vergewaltigung eine gemeinsame Ursache?

Nein, sagen die 100 Frauen um die Schauspielerin Catherine Deneuve und die Publizistin Catherine Millet. In einem offenen Brief, der in der französischen Zeitung Le Monde abgedruckt wurde, verteidigen sie "die Freiheit, jemanden zu belästigen". Man müsse klar unterscheiden zwischen einer Vergewaltigung, die stets als Verbrechen gewertet werde und - selbst aufdringlichen - männlichen Annäherungsversuchen, die "für die sexuelle Freiheit unerlässlich" seien.

Ja, sagen viele, die sich jetzt in der #MeToo-Debatte zu Wort melden. Ihnen gelten die Vorwürfe gegen mächtige Männer wie Weinstein oder Wedel als Beleg dafür, wie ausgeprägt das ungleiche Machtverhältnis zwischen Männern und Frauen auch heute noch ist. Sowohl Ungleichbehandlung als auch Übergriffe, so viele Feministinnen, verlaufen entlang derselben Machtgrenzen. Beide Phänomene träten immer dort auf, so schreibt etwa die Kolumnistin Margarete Stokowski, "wo ein Mensch das Gefühl hat, er hätte das Recht, in die Freiheit eines anderen einzugreifen, sei es kommentierend oder tätlich".

Woher kommt dieses Gefühl? Wie entstehen Gesellschaftsstrukturen, in denen Frauen konsequent benachteiligt sind und in denen für sie grundsätzlich die Gefahr besteht, belästigt oder sogar vergewaltigt zu werden? Und wie hängt die "strukturelle Gewalt", aus der die Benachteiligung resultiert, mit der "sexuellen Gewalt" zusammen, die der Vergewaltiger oder Missbrauchstäter ausübt?

Dass es strukturelle Gewalt von Männern gegenüber Frauen gab und gibt, ist klar. Das belegt schon die Realität des Patriarchats, in dem Frauen von Männern sogar mittels Gesetzen unterdrückt und wie Eigentum behandelt wurden und mancherorts heute noch werden. Selbst in Westdeutschland konnte ein Ehemann seiner Ehefrau bis 1977 verbieten, einen Beruf auszuüben.

Über die Ursachen solcher Strukturen wird heftig diskutiert. Wichtig sind hier gesellschaftliche Faktoren, etwa Erziehung und Sozialisation, die die Rollenbilder formen. "Man wird nicht als Frau geboren, man wird es", sagte die Philosophin und Schriftstellerin Simone de Beauvoir bereits vor 70 Jahren. Manche Fachleute - insbesondere in den Genderwissenschaften - gehen sogar davon aus, dass nicht nur das Rollenbild, sondern das Geschlecht selbst ein "soziales Konstrukt" ist.

Doch diese rein soziokulturellen Erklärungen greifen zu kurz. Das "strukturelle" Problem, das zum sexuellen Fehlverhalten von Männern und letztlich zum Patriarchat führt, hat noch tiefere Ursachen als die gesellschaftlichen Verhältnisse selbst, in denen Menschen heranwachsen: Wenn wir Sexismus überwinden wollen, müssen wir berücksichtigen, dass Unterschiede zwischen Männern und Frauen auch von Natur aus existieren, weil sie sich über die Evolution entwickelt haben.

Geschlechterunterschiede von Natur aus

Wer das fordert, stößt auf Widerspruch. Denn der evolutionäre Ansatz klingt für viele Kritiker so, als würde behauptet, Menschen wären zu einem bestimmten Verhalten verdammt, weil es ihre Natur wäre. Doch das behaupten die Anhänger dieses Ansatzes nicht und schon gar nicht können oder wollen sie eine Rechtfertigung für irgendein Verhalten liefern. Wer das denkt, begeht den sogenannten " naturalistischen Fehlschluss".

Typisch männliche oder typisch weibliche Persönlichkeitsmerkmale gibt es gar nicht, sagen die Kritiker des evolutionären Ansatzes außerdem. Und tatsächlich kommen viele dieser Merkmale in unterschiedlicher Ausprägung bei beiden Geschlechtern vor. Aber, das zeigen wissenschaftliche Untersuchungen, sie unterscheiden sich in Bezug auf die Durchschnittswerte - und das schon ganz früh. So deutet eine Studie der Cambridge University darauf hin, dass männliche Neugeborene im Schnitt etwas länger auf ein Mobile über ihrem Bettchen schauen als auf Gesichter, bei weiblichen Neugeborenen ist es eher umgekehrt.

Solche Ergebnisse dürfen nicht überinterpretiert werden. Aber es spricht einiges dafür, dass nicht nur für die Persönlichkeit sowie für die Verteilung von Talenten und Neigungen die Gene eine Rolle spielen. Auch das soziale Geschlecht entsteht nicht ausschließlich durch äußere Einflüsse. Es lässt sich zwar durch Erziehung beeinflussen, aber nicht beliebig.

Wir wissen heute, dass Menschen keineswegs als "unbeschriebenes Blatt" auf die Welt kommen, wie es der Harvard-Psychologe Steven Pinker in seinem gleichnamigen Buch dargelegt hat. "Die Weigerung, die menschliche Natur anzuerkennen ist, wie die viktorianische Verlegenheit im Hinblick auf die Sexualität, nur schlimmer", schreibt Pinker und er verweist auf den Dichter Anton Tschechow, wenn er argumentiert, dass die Anerkennung natürlicher Unterschiede zwischen den Geschlechtern ein Vorteil sei: "Der Mensch wird besser, wenn man ihm zeigt, wie er ist."

Welche Rolle der Sex spielt

Natürliche Unterschiede zwischen Frauen und Männer existieren zum Beispiel in der Frage, welche Bedeutung Sex für sie hat. Das Bedürfnis nach Sex spielt stets eine wichtige Rolle, wenn Menschen in einer Gesellschaft ihr Zusammenleben organisieren. Dabei geht es nur vordergründig um Lust. Sie ist nur der bewusste Teil eines sonst weitgehend unbewussten, aber das Leben auf der Erde beherrschenden Bedürfnisses nach Fortpflanzung. Die Lust ist letztlich nur ein Werkzeug der Evolution, das uns bewegt, selbst wenn wir bewusst gar keinen Nachwuchs wollen. (Dass Homosexualität existiert, widerspricht dem Ziel der Fortpflanzung übrigens nicht.)

Bei Säugetieren wie dem Menschen müssen sich zur Fortpflanzung zwei Geschlechter mit unterschiedlichen Aufgaben und Strategien zusammenfinden: Das Säugetierweibchen kann Nachwuchs zur Welt bringen, aber nur in relativ geringer Anzahl, egal, mit wie vielen Männchen es sich zusammentut. Es braucht nur den richtigen Partner zur richtigen Zeit. Das führt zu einer Neigung, wählerisch zu sein. Und aus Sicht der männlichen Tiere sind Weibchen deshalb eine "begrenzte Ressource". Das Männchen steuert für die Nachkommen erst einmal nur Spermien bei und kann daher theoretisch versuchen, mit möglichst vielen Weibchen seinen Fortpflanzungserfolg zu erhöhen. Das bedeutet, aus Sicht der Weibchen gibt es männliche Tiere im Überfluss.

Das hat dazu geführt, dass Männchen untereinander in permanenter Konkurrenz um das begrenzte "Angebot" stehen - einer größeren Konkurrenz, als sie unter den weiblichen Säugetieren besteht. Für Doris Bischof-Köhler, Psychologin an der LMU München und Autorin des Buches " Von Natur aus anders - die Psychologie der Geschlechtsunterschiede", leiten sich alle wesentlichen Geschlechtsunterschiede bei Säugetieren aus dieser Asymmetrie her.

Es ist sehr unwahrscheinlich, dass dies beim Menschen völlig anders sein sollte. Und die Erkenntnisse der Verhaltensbiologen und Evolutionspsychologen deuten darauf hin, dass sich manches Verhalten beim Homo sapiens so sehr gut erklären lässt. Zum Beispiel die Beobachtung, wieso Männer - tendenziell - eine größere Bereitschaft oder Freude daran zeigen, sich Konkurrenzsituationen auszusetzen und Rangordnungen zu etablieren. Oder warum es zwar Gesellschaften gibt, in denen ein Mann mit mehreren Frauen zusammenlebt - der umgekehrte Fall dagegen eine ganz seltene Ausnahme ist, die sich durch extreme Lebensbedingungen erklären lässt.

Biologen betonen allerdings stets, dass die biologischen Einflüsse nur einen Teil der vielen aufeinander wirkenden Faktoren ausmachen, die zur Bildung des sozialen Geschlechts führen. Das sagt auch Cordelia Fine, Autorin des Buches " Die Geschlechterlüge". Die kanadisch-britische Psychologin geht davon aus, dass diese Einflüsse nur klein sind und viele Studien zu den Unterschieden zwischen den Geschlechtern von populärwissenschaftlichen Autoren übertrieben dargestellt werden.

Dass Unterschiede schon im Gehirn existieren, leugnet sie aber nicht. So schreibt sie in ihrem jüngsten Buch " Testosteron Rex": "Um das klarzustellen: Der Punkt ist nicht, dass das Gehirn geschlechtslos wäre [...]. Wie etliche Neurowissenschaftler argumentieren, können genetische und hormonelle Unterschiede zwischen den Geschlechtern die Hirnentwicklung und -funktion auf jeder Ebene beeinflussen, [...]." (Betonung im Original.)

Andere Fachleute halten die Einflüsse eher für groß. Vor diesem Hintergrund sollte die Rolle der Biologie gerade in Bezug auf das Sexualverhalten nicht unterschätzt oder gleich ganz geleugnet werden.

"Genitalien als Waffe"

Wenn es um Vergewaltigungen und sexuelle Übergriffe geht, wie sie etwa Harvey Weinstein zur Last gelegt werden, heißt es in der Regel, solches Verhalten hätte nichts mit sexueller Lust des Täters zu tun, sondern ausschließlich mit Macht und der Lust an der Macht. Diese Überzeugung haben sich sogar die Vereinten Nationen zu Eigen gemacht, die 1994 unter anderem als Reaktion auf die Massenvergewaltigungen im Bosnienkrieg feststellten: " Es ist seit einiger Zeit bekannt, dass Vergewaltigung oder sexuelle Übergriffe nichts mit Sexualität zu tun haben; sie hängen zusammen mit Dominanz und dem offensichtlichen Bedürfnis, die angegriffene Person zu demütigen."

Für manche Männer scheint die Erniedrigung einer Frau tatsächlich einen besonderen Reiz zu haben. Bekannt ist das von Sadisten, bei bestimmten Typen von Serienvergewaltigern oder bei Sexualverbrechen im Krieg.

Wenn aber ein Vergewaltiger vor allem Macht ausleben will, und sexuelle Lust dabei keine Rolle spielt - wieso setzt er dann dabei trotzdem ausgerechnet auf etwas, das seine sexuelle Lust befriedigt? Wieso sollte der Mann gerade seine "Genitalien als Waffe" einsetzen, um Frauen zu unterdrücken, wie die US-Journalistin Susan Brownmiller 1975 in ihrem wichtigen Buch " Against Our Will" (deutsch: " Gegen unseren Willen", 1978) schrieb?

Tatsächlich ist diese seitdem weit verbreitete Vorstellung schon deshalb mehr als fragwürdig, weil sie den Wunsch der Männer nach Sex selbst unterschätzt. Es gibt eine näher liegende Erklärung als die von Brownmiller und den UN: Nicht Macht und Gewalt sind "sexualisiert". Vielmehr missbrauchen manche Männer Macht oder üben sogar Gewalt aus, um sexuelle Befriedigung zu finden (und unbewusst ihren Fortpflanzungserfolg ohne Rücksicht auf die Interessen der Frau zu erhöhen).

Warum zu viel Macht gefährlich ist

Das Bedürfnis nach Sex kommt verhaltensbiologisch gesehen vor dem Bedürfnis nach Macht. Macht ist für Männer eine Möglichkeit, die Chance auf Sex zu erhöhen - auch ohne dass Gewalt im Spiel ist. Macht, die sich etwa in Führungspositionen oder Vermögen ausdrückt, so zeigen wissenschaftliche Studien und die Auswertungen der Daten von Partnerbörsen, kann die Attraktivität von Männern für Frauen erhöhen. (Umgekehrt ist das weniger der Fall).

Das klingt unromantisch. Aber ähnlich ist es zum Beispiel mit der Körpergröße: Große Männer haben bei Frauen im Durchschnitt mehr Erfolg als kleine Männer, während Männer meist Frauen bevorzugen, die kleiner sind als sie selbst.

Zu viel Macht gibt Männern aber manchmal auch die Möglichkeit, Sex (im Sinne von Geschlechtsverkehr) zu erzwingen - durch Erpressung, seelischen Missbrauch oder sogar durch physische Gewalt. Und immer wieder nutzen gewissenlose Täter ihre Möglichkeiten aus - sei es als Vorgesetzte, Politiker, Priester oder Pädagogen. Manche Männer setzen auch Drogen ein, um ihre Opfer wehrlos zu machen. Dem Täter geht es bei einem solchem "Date Rape" darum, die Kontrolle über die Frau zu bekommen, um - gegen ihren Willen - mit ihr zu schlafen. Die Vorstellung, dass er stattdessen mit ihr schläft, um Macht auszuüben, ist weit hergeholt.

"Sexuelle Gewalt", so der Soziobiologe und Philosoph Eckart Voland von der Universität Gießen auf Spiegel online, "hat evolutionäre Wurzeln, aber in der Moderne arbeiten wir daran, sie zu überwinden."

Sex ist demnach nicht ein MITTEL, mit dem solche Täter auf Macht über Frauen zielen. Es ist umgekehrt: Macht und Gewalt sind die Mittel, Sex ist das ZIEL.

Das ist wohlgemerkt die Täterperspektive. Die Frau, die Opfer einer Vergewaltigung wird, erlebt Gewalt und Erniedrigung, also etwas, das mit Sex nichts zu tun hat.

Die #MeToo-Kampagne belegt, dass viele Männer gefährlich viel Macht über Menschen besitzen, die materiell und/oder psychisch von ihnen abhängig sind. Und dass manche skrupellos davon Gebrauch machen. Auch, um andere zu sexuellen Handlungen zu zwingen. Wenn wir wollen, dass Macht nicht missbraucht wird, darf sie nicht zu groß werden und sollte kontrollierbar sein. Es ist außerdem wichtig, dass die, die zu Opfern werden können, sich organisieren und wehren, wie jene, die sich in der #MeToo-Kampagne geäußert haben. Und es wäre gut, wenn mehr Frauen Positionen mit Macht einnähmen. Das Risiko, dass sie Menschen, die von ihnen abhängig sind, sexuell missbrauchen - das zeigt die Erfahrung -, ist gering.

Selbstüberschätzung und Anmaßung aufgrund eigener Attraktivität

Besonders Prominente und Politiker sind in der Sexismus-Debatte als mutmaßliche Täter beschuldigt worden. Bei den Vorwürfen geht es überwiegend um sexuelle Belästigung, etwa aufdringliches Verhalten wie unerwünschte Berührungen, Küsse, Umarmungen, zum Teil Grapschen und unverschämte Einladungen in Hotelzimmer. Einer der ersten Fälle, die bekannt wurden, ist Kevin Spacey, der allerdings nicht Frauen sondern Männer bedrängt hat. Genau wie die entsprechenden Vorwürfe gegen die Starfotografen Mario Testino und Bruce Weber belegt sein Fall, dass es nicht nur um ein Problem zwischen den Geschlechtern geht.

Ein Faktor, der hier eine Rolle spielen dürfte, ist die Selbstwahrnehmung der Täter. Wer sich als äußerst erfolgreich und beliebt erlebt, hält sich leicht auch sexuell für besonders attraktiv - und liegt damit ja nicht grundsätzlich immer falsch. Gefährlich wird es, wenn jemand sich deshalb für unwiderstehlich hält und meint, andere müssten die Aufforderung zum Sex eher begrüßen als ablehnen. Die eigenen sexuellen Übergriffe werden von ihm vielleicht gar nicht als solche wahrgenommen.

Deutlich zu sehen ist das etwa bei dem US-Komiker Louis C.K., der vor Frauen masturbierte. Er habe gedacht, es sei in Ordnung, erklärte C.K.. " Die Macht, die ich über diese Frauen hatte, bestand darin, dass sie mich bewundert haben." Ein weiteres Beispiel ist US-Präsident Donald Trump. "When you're a star", sagte Trump vor einigen Jahren, "they [die Frauen] let you do it. You can do anything. [...] Grab 'em by the pussy. You can do anything."

Bei einer solchen Selbstüberschätzung ist auch nicht mit einem schlechten Gewissen zu rechnen - bis die Täter wie im Rahmen der #MeToo-Kampagne erfahren, dass ihre Opfer nur aus Scham oder aus Angst geschwiegen haben. Manche, wie C.K., Dustin Hoffman oder Spacey, zeigen danach Reue. Andere, wie Trump, tun weiterhin so, als sei ihr Verhalten eigentlich kein Problem.

Häufig kommt hier die Frage auf, wieso viele Menschen im Umfeld der Täter wissen, was vor sich geht, oder zumindest eine Ahnung davon haben, aber nichts unternehmen. Eine mögliche Antwort: Wenn ihr eigener Job und Erfolg von den Tätern abhängt, haben ihre eigenen Interessen für sie mehr Gewicht als das Leid der Opfer. Es wird also aufgrund von Egoismus, Opportunismus und Verdrängung geschwiegen. Die Mitwisser müssen deshalb nicht zwingend sexistisch oder Anhänger des Patriarchats sein.

Signale der Frauen, verhaltensbiologisch betrachtet

Es gibt jenseits der Machtverhältnisse und der Selbstüberschätzung noch eine andere Ursache dafür, dass es immer wieder zu aufdringlichem oder übergriffigem Verhalten kommt: Ein grundsätzliches Missverständnis zwischen den Geschlechtern darüber, was bestimmte Signale bedeuten.

Wenn Frauen ihre Attraktivität und ihren Sexappeal erhöhen - etwa durch Make-up, Kleidung, hohe Schuhe oder die Betonung der Brust -, erregen sie bei Männern Aufmerksamkeit. Das ist trivial, und schließlich auch erwünscht. "Gut aussehen", schreibt die Soziologin Barbara Kuchler von der Universität Bielefeld in der Zeit, "ist per Definitionem etwas, das man für andere oder anderen gegenüber macht." Frauen machen sich nicht für sich selbst schön.

Das Bedürfnis, attraktiv zu sein, bedeutet aber nicht, dass eine Frau von jedem x-beliebigen Mann angesprochen werden will oder sich Komplimente von ihm wünscht. Ob er gemeint ist, kann jeder Mann nur durch vorsichtiges Herantasten für sich herausfinden. Das kann über Blicke und Komplimente gehen und schließlich zu eindeutigen Avancen führen.

Die Signale der Frauen bedeuten verhaltensbiologisch betrachtet: "Das habe ich zu bieten - aber nur für den Richtigen." Es besteht aber die Gefahr, dass Männer diese Signale anders wahrnehmen (wollen): "Das habe ich zu bieten - und du bist (wahrscheinlich) der Richtige." Und je deutlicher und direkter die Signale sind - je freizügiger etwa die Kleidung ist -, desto eher neigen Männer dazu, sie als Aufforderung zu interpretieren, einer Frau sexuelle Avancen zu machen.

Auch die Umstände spielen hier eine Rolle. Im Büro tragen wir meist etwas anderes als im Nachtclub, und eine Frau, die sich für das Gespräch mit dem heterosexuellen Chef aufreizend kleidet, muss damit rechnen, dass er auf die Idee kommen könnte, dass es ihr noch um etwas anderes geht als um eine Gehaltserhöhung. Die Erfahrung zeigt darüber hinaus, dass auch Alkohol und Drogen den Verstand vernebeln und die Impulskontrolle aushebeln können. Dass man im betrunkenen Zustand Dinge tut, die man später bereut, wissen Frauen so gut wie Männer.

An dieser Stelle ist häufig der Vorwurf des " Victim Blaming" zu hören. Darum geht es nicht. Egal, welche Rolle etwa freizügige Kleidung bei sexuellen Übergriffen spielen kann - nichts rechtfertigt sexuelle Belästigung oder sogar Missbrauch. Ein Nein ist ein Nein. Es wäre aber hilfreich, sich diese Dinge bewusst zu machen. Das gilt nicht nur für Frauen, sondern selbstverständlich auch für Männer. Selbst dann, wenn eine Frau ihre sexuelle Attraktivität gezielt einsetzt, um sich Vorteile zu verschaffen, muss jeder Mann wissen, dass es eine Grenze gibt, die nur mit ihrem Einverständnis überschritten werden darf.

Sex ist komplizierter als viele annehmen

Ein Versuch, sexuelles Fehlverhalten, Übergriffe oder gar Vergewaltigungen zu erklären, ist keine Rechtfertigung. Die riesige Zahl der Vorwürfe der #MeToo-Kampagne weist auf gravierende Probleme hin. Wir dürfen das Leid der Opfer nicht mehr ignorieren oder relativieren, wie es lange Zeit getan wurde.

Es ist aber zu einfach zu behaupten, die Zustände wären nur die Konsequenz der strukturellen, sexualisierten Gewalt und des allgegenwärtigen Sexismus in den westlichen Gesellschaften. Es ist zu einfach zu behaupten, es gebe eine "Selbstverständlichkeit bei Männern, Frauen als knackige Körper und leichte Beute" zu betrachten, und Frauen zu empfehlen, sich nicht mehr in hautenge Hosen zu zwängen, wie die Soziologin Barbara Kuchler es tut.

Es ist viel zu einfach, auf Übergriffe wie die von Harvey Weinstein mit dem Hinweis zu reagieren, "Männer sind eben so", wie es die Performance-Künstlerin Dita Von Teese in Hollywood erlebt hat. Manche Männer sind so, andere nicht. Die Biologie spielt eine Rolle. Aber kein Mann muss Sexist sein. "Wir sollten Männer nicht mit der Unterstellung beleidigen, dass sie nur zu aggressivem, autokratischem und gefühllosem Verhalten fähig sind", sagt Psychologin Cordelia Fine im Magazin Spiked.

Die Welt ist komplizierter, das Verhältnis zwischen Männern und Frauen ist komplizierter, Sex ist komplizierter als viele annehmen.

Ein wichtiger Schritt, um sexistische "Missverständnisse" zu verhindern, ist, sich bewusst zu sein, dass die eigene Wahrnehmung häufig nicht mit der Wahrnehmung anderer übereinstimmt. Das gilt gerade zwischen Männern und Frauen. Ein entsprechendes Maß an Zurückhaltung führt nicht dazu, dass am Ende kein hemmungsloser, aber auf jeden Fall einvernehmlicher Sex stehen kann.

Es sind außerdem dringend strukturelle Veränderungen notwendig, so dass die Chancen und Möglichkeiten für alle Menschen gleich verteilt sind, zu tun, was sie wollen. Das ist die berechtigte Forderung der "Gleichheits- oder Genderfeministinnen", wie sie die US-Philosophin Christine Hoff Sommers nennt. Kein Mann sollte jemals in der Position sein, jemanden zu Sex drängen oder sogar zwingen zu können.

Ein weiterer Schritt ist der richtige Umgang mit unseren Kindern. Wir müssen Mädchen und Jungen dafür allerdings nicht behandeln, als gäbe es keine Geschlechter, wie es die "Radikalfeministinnen" fordern. Diese Unterschiede gibt es und das macht sich bei Kindern auch bemerkbar. Wir müssen ihnen nur beibringen, dass alle das gleiche Recht haben, ihre Neigungen und Fähigkeiten zu entdecken und sich entsprechend zu entwickeln - völlig unabhängig vom Geschlecht oder der sexuellen Orientierung.

Bestens informiert mit SZ Plus – 14 Tage kostenlos zur Probe lesen. Jetzt bestellen unter: www.sz.de/szplus-testen

URL:
www.sz.de/1.3840457
Copyright:
Süddeutsche Zeitung Digitale Medien GmbH / Süddeutsche Zeitung GmbH
Quelle:
SZ.de/lala/gal/olkl/cat
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über Süddeutsche Zeitung Content. Bitte senden Sie Ihre Nutzungsanfrage an syndication@sueddeutsche.de.