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Russland:Rätsel um das unbekannte Gift

KAMCHATKA TERRITORY, RUSSIA - OCTOBER 4, 2020: An octopus and marine animals on the shore of the Spaseniya Bay. Dead ma

Hunderte Seeigel, Seesterne, Oktopusse, aber auch größere Fische und Robben bilden an der Küste Kamtschatkas einen Teppich aus Kadavern.

(Foto: Anna Strelchenko/Itar-Tass/Imago)

Auf der russischen Halbinsel Kamtschatka bedecken tote Meerestiere ganze Strände. Über die Ursache für das Massensterben kursieren verschiedene Theorien.

Von Silke Bigalke, Moskau

Die Wellen spülen an den Strand, was längst tot ist. Hunderte Seeigel, Seesterne, verendete Tintenfische liegen wie ein modernder Teppich im Sand. Das Wasser hat seine Farbe geändert, es ist gelblich. Surfer klagen über einen chemischen Gestank und über Halsschmerzen, wenn sie die Meeresluft nur einatmen. Anwohner finden auch tote Robben und größere Fische am Strand.

All das lässt erahnen, welche Katastrophe sich unter Wasser abgespielt haben muss, vor der Küste Kamtschatkas in Russlands fernem Osten. Taucher haben nachgesehen und an einigen Stellen gar kein Leben mehr im tieferen Wasser und auf dem Meeresgrund gefunden. "100 Prozent Todesfälle" meldet einer der Wissenschaftler und meint die kleineren Meerestiere und Organismen, die in zehn bis 15 Metern Tiefe leben.

Was sie getötet hat, weiß niemand sicher. Vermutlich irgendein Giftstoff. Woher die Substanz kommt, ist ungeklärt. Noch beängstigender: Niemand weiß, wie viel davon ins Wasser gelangt ist und ob der Stoff womöglich weiterhin ins Meer fließt.

Ganze Populationen sind in Gefahr

Was immer es ist, es bedroht eines der sensibelsten Naturrefugien der Welt. Die Folgen sind unmöglich abzusehen, sagt Daria Panitschewa, wissenschaftliche Leiterin im Kronozkij-Naturreservat. "Die Wechselbeziehungen in der Natur sind so komplex und vielfältig, dass kein einziger Mensch, kein einziger Computer sie vorhersehen kann." Wenn alle Organismen auf dem Meeresgrund sterben, verschwinden sie aus der Nahrungskette für andere Meeresbewohner. Es könnte sogar sein, dass ganze Populationen nach neuen Lebensräumen suchen müssen oder aussterben, sagt die Forscherin.

Vor der Küste haben Forscher nun aus der Luft eine 40 Kilometer lange verfärbte Fläche entdeckt, dort ist das Wasser trüb, auf den Wellen treibt Schaum. Doch anders als bei einem Ölteppich schwimmt diese Verschmutzung nicht auf der Wasseroberfläche, sie dringt in die Tiefe. Und sie bewegt sich nach Süden, in Richtung einer Vulkangruppe, die Unesco-Weltkulturerbe ist und zum Kronozkij-Naturreservat gehört. Das ist so sensibel, dass jährlich nur eine bestimmte Anzahl Touristen gegen einen hohen Preis hineingelassen wird.

Tiersterben an der Halbinsel Kamtschatka

Umweltschützer von Greenpeace in der Nähe des Chalaktyrskij-Strandes. Dort hatten Surfer Mitte September über Halsschmerzen, Übelkeit und brennende Augen geklagt.

(Foto: Elena Safronova/Greenpeace/dpa)

Alles begann vermutlich Mitte September. Damals klagten Surfer am beliebten Chalaktyrskij-Strand über Halsschmerzen, über Übelkeit und brennende Augen, nachdem sie im Wasser waren. Etwa 200 Betroffene soll es gegeben haben, offiziellen Stellen zufolge wurden elf wegen leichter chemischer Verbrennungen an der Hornhaut behandelt.

Die regionale Umweltbehörde nahm daraufhin Wasserproben. Sie fand, dass sich die Menge an Ölprodukten im Wasser beinahe um das Vierfache erhöht hat, die von Phenol und anderen chemischen Stoffen um das Zweieinhalbfache. Trotzdem passierte nichts. Erst als immer mehr Anwohner Videos von toten Meerestieren im Internet teilten und die Medien den Skandal aufgegriffen, sagt Elena Sakirko von Greenpeace in Russland, hätten sich auch die Behörden bewegt. Trotzdem sammeln nun ihre Kollegen eigenhändig tote Meerestiere und Wasserproben ein.

Als wahrscheinlichste Quelle gilt inzwischen eine alte Deponie für giftige Chemikalien. Sie liegen am Fuße des Koselskij-Vulkans begraben, und zwar bereits seit Anfang der Achtzigerjahre: mehr als hundert Tonnen Pestizide aus der Sowjetzeit, Gift, für das sich heute niemand mehr zuständig fühlt. Die Deponie hat keinen Besitzer.

Von dort fließt ein Fluss ins Meer, etwa 30 Kilometer sind es bis zur Küste. Greenpeace-Mitarbeiter fanden einen gelben Film auf dem Flusswasser. Auch der Gouverneur der Region, Wladimir Solodow, hält die Deponie für die "nächstliegende Antwort". Vor einigen Tagen hatte er noch davon gesprochen, dass die Katastrophe womöglich gar nicht von Menschen gemacht sei, dass Vulkanaktivität oder giftige Algen dahinterstecken könnten. Auch ein nahe gelegenes militärisches Trainingsgelände stand im Verdacht, doch dort soll es nach Angaben der Pazifikflotte seit Juni keine Übungen mehr gegeben haben.

Die Koselskij-Giftmülldeponie werde nun gründlich untersucht, Proben würden entnommen, verspricht der Gouverneur, auch aus dem Fluss. Dass jetzt etwas vorwärtsgeht, könnte daran liegen, dass Moskau inzwischen reagiert und der nationale Ermittlungsausschuss Ermittlungen gegen unbekannt eingeleitet hat.

Viele Unglücke in abgelegenen Gebieten werden gar nicht erst entdeckt

Greenpeace-Mitarbeiterin Elena Sakirko findet das alles reichlich spät. "Es ist nicht normal, wenn die ersten Berichte über eine Umweltkatastrophe von Surfern kommen", sagt sie. Wenn es ein besseres Beobachtungssystem in Russland gäbe, sagt sie, "könnte man diese Dinge früher aufdecken". Für Greenpeace hat sie jahrelang Ölverschmutzungen untersucht, in abgelegenen Gebieten des riesigen Landes viele Lecks und Öllachen gefunden, die einfach nicht entdeckt oder aber ignoriert wurden. Dasselbe könnte mit alten Müll- und Giftstoffdeponien passieren. Die Katastrophe in Kamtschatka sei aufgefallen, weil sie eine gut besuchte Bucht betreffe. "Aber viele Unglücke in abgelegenen Gebieten werden nicht aufgezeichnet oder beachtet", sagt die Umweltschützerin.

Wie lange es wohl dauern wird, bis sich Kamtschatkas Küste erholt? Alles hänge davon ab, sagt Meeresbiologe Iwan Usatow, leitender Forscher des Kronozkij-Schutzgebietes, wie viele der Organismen auf dem Meeresboden abgestorben seien. "Im Moment können wir nur sagen, dass es Tod gibt", sagt er, aber das genaue Ausmaß sei noch unbekannt. Wann das Leben zurückkehrt in die Unterwasserwelt, das kann er beim besten Willen nicht vorhersagen.

© SZ/nas
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