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Wirtschaft im Oberland:Das Grün im Business-Plan

Roche Diagnostics

Roche ist mit seiner Gesundheitssparte in Penzberg daheim - und plant, den Standort zu erweitern.

(Foto: Roche Diagnostics)

Der Pharma-Riese Roche will in Penzberg großflächig erweitern. Im benachbarten Wald sollen gut 13 Hektar zugebaut werden. Diesen Eingriff in die Natur will der Konzern gerne ökologisch ausgleichen - mit Froschrettung, Blühwiesen und einem reinen Elektro-Fuhrpark.

Von Alexandra Vecchiato

Es ist nicht lange her, da initiierte ein schwedisches Mädchen eine globale Bewegung zum Schutz des Klimas. Still ist es um Greta Thunberg geworden, die Corona-Pandemie bestimmt die Schlagzeilen. Was nichts daran ändert, dass laut Experten die konsequente Einhaltung der Klimaziele weltweit zwingend erforderlich ist. "Global denken, lokal handeln" lautet demnach das Credo von Klimaschutzaktivisten. Auch Unternehmen schreiben sich diesen Satz gerne auf die Fahnen. Der Pharmakonzern Roche versucht gleich das Rundumpaket in Nachhaltigkeit - bis in Details, etwa wenn ein Rochianer in der Penzberger Werkskantine einen Schuss Milch in seinen Kaffee gibt.

Was Milch mit Klimaschutz zu tun hat? Die Frage ist schnell beantwortet. Nachhaltig ist, was nicht einmal quer um den Globus transportiert werden muss. Milch sollte aus der Region kommen, darauf achte man, sagt Georg Sindlhauser, laut Visitenkarte der Leiter der Real-Estate-Strategie und der Services am Roche-Standort Penzberg. Angesichts von fünf Tonnen Kaffeebohnen pro Jahr, mit denen sich die Roche-Mitarbeiter ihren Koffeinschub verpassen, gehe es da schließlich um eine große Menge Milch. Ein kleiner Baustein zugegeben, allerdings ist da noch das große Ganze. Was das weltweit tätige Unternehmen für Ziele beim Klima- und Umweltschutz verfolgt, ist nachzulesen in der Umwelterklärung. Der Standort Penzberg hat seine eigene. 74 Seiten ist die Erklärung stark, die Werkleiter Ulrich Opitz im Juli 2020 unterzeichnet hat. Es geht um Energieeinsparung oder Reduzierung von Abwasser, aber auch um die soziale Verantwortung für die Mitarbeiter. Solche Papiere stehen Unternehmen gut zu Gesicht, bleiben aber oftmals nur leere Versprechungen. Bei Roche sei das nicht so, versichert Sindlhauser.

Man wolle die Ziele mit Leben füllen. Daran mag nicht jeder glauben. Die Penzberger Grünen etwa sind nicht glücklich über den Umgang des Unternehmens mit Mutter Natur. Roche möchte im Nonnenwald 13,4 Hektar von den Bayerischen Staatsforsten erwerben, um Erweiterungsflächen in petto zu haben. Das Areal schließt sich im Norden an das Werksgelände an. Die Kritiker der Erweiterungspläne plädierten für eine Innenverdichtung und lehnten eine weitere Versiegelung im Außenbereich ab. "Kritische Stimmen aus der Lokalpolitik und der Bevölkerung sind grundsätzlich legitim - und wir nehmen sie ernst", sagt Sindlhauser. "Wenn es sie nicht gäbe, würde ich mir Sorgen machen." Doch gehe es schlicht um die Zukunft des Penzberger Standorts und die Möglichkeit, wenn nötig, Flächen für neue Produktionsstätten und ähnliches anbieten zu können. Die Erweiterungsoption ist für das Penzberger Werk im Wettbewerb mit den übrigen Roche-Standorten ein Pfund, mit dem es beim Mutterkonzern wuchern kann. Was nicht bedeute, erklärt Sindlhauser weiter, dass die gut 13 Hektar sofort zugebaut würden. Es habe immer Zukäufe gegeben, die stets maß- und sinnvoll entwickelt worden seien.

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Roche steht auf einer ehemaligen Abraumhalde. Deswegen muss vor der Expansion erst einmal der Untergrund untersucht werden.

(Foto: Dr. Jörg Bodenbender; Roche/OH)

1971 hatte damals noch Boehringer Mannheim circa 21 Hektar von der Bayerischen Oberkohle gekauft. 1990 erfolgte die erste größere Erweiterung im Süden und Westen. Acht Jahre später - Roche hatte das Werk übernommen - kamen weitere Flächen hinzu. Das habe nichts mit Grundstücksspekulation zu tun, so Sindlhauser. Es sei wichtig, Flächen und damit die erforderliche Flexibilität für die strategische Entwicklung zu haben. In den vergangenen Wochen war schweres Gerät im Wald zugange. Eine Spezialfirma untersuchte im Auftrag von Roche den Untergrund. Künftige Gebäude können nur dort errichtet werden, wo der Boden tragfähig ist. 60 Bohrpunkte wurden in die Tiefe getrieben. Torf, Abraum, aber auch harte Schichten förderte die Maschine zutage.

Das Gelände ist nicht ursprünglich gewachsen, wie man denken könnte. Es ist von Menschenhand geschaffen. Es handelt sich um Abraum aus der Bergwerkszeit, der vor vielen Jahrzehnten dort im Norden aufgeschüttet worden war und zuwucherte. Das ursprüngliche Bodenniveau liegt teils sechs bis sieben Meter tiefer, weshalb eine einschneidende Neumodellierung nötig ist. Das Areal muss aufgeschüttet werden, um es bebauen zu können. Das werde sicher dem ein oder anderen nicht gefallen, sagt Sindlhauser. Aber Roche greife nicht willkürlich in die Natur ein. Begleitet wird der Prozess von Experten und den zuständigen Behörden, die unter anderem Gutachten über schützenswerte Flora und Fauna erstellen. "Es gibt nahezu überall alles", so Sindlhauser. "Gelbbauchunke und Zauneidechse können uns sicher wieder begegnen und ein Thema werden." Roche kooperiert dabei mit der Unteren Naturschutzbehörde am Landratsamt Weilheim-Schongau und den Staatsforsten. "Wir schaffen den nötigen Ausgleich und siedeln vorhandene Tiere auch rechtzeitig um." Man lege Wert darauf, mit langjährigen Kooperationspartnern aus der Region zusammenzuarbeiten, sagt Sindlhauser. Die Fachbüros würden das Gebiet kennen. Auch dies sei ein Aspekt der Nachhaltigkeit. Die Kosten für Expertisen und die Aufstellung des Bebauungsplans trägt das Unternehmen - ein "mittlerer sechsstelliger Betrag".

Weil der Staatsforst ein Wirtschaftsgut verliert, kauft Roche für ihn eine adäquate Ersatzfläche. Da der Markt sehr begrenzt sei, werde Roche wohl einen höheren Preis zahlen müssen als die offiziellen Bewertungsgutachten ausweisen, sagt Sindlhauser. Umgestaltet werden nicht nur jene 13,4 Hektar, die Roche als Erweiterungsfläche erwerben möchte. Der Gesamtumgriff umfasst gut 26 Hektar. Die zweite Hälfte bleibt im Besitz der Bayerischen Staatsforsten, wird allerdings ökologisch aufgewertet. Auch das übernimmt Roche. "Es ist uns wichtig, dass wir in der Region und im gleichen Naturraum einen nachhaltigen Ausgleich schaffen - und nicht irgendwo in Mecklenburg einen See renaturieren."

Bei einer Bohrung wurde der Boden im Nonnenwald untersucht.

(Foto: Harry Wolfsbauer)

Was die Innenverdichtung angehe, so sei diese schon "mitgedacht", sagt Sindlhauser. "Gebäude, die 50 Jahre alt sind, haben meist das Ende ihres Lebenszyklus erreicht. Sie sind nicht mehr so effizient und nachhaltig im Betrieb." Regelmäßig würden die Einrichtungen auf ihre Nachhaltigkeit hin überprüft. Ist eine Sanierung nicht mehr wirtschaftlich, geht es an den Abriss. "Wir müssen je nach Gebäudetyp bis zu vier Jahre vor Abriss beginnen, ein neues Gebäude zu planen."

Ebenfalls im Fokus steht der sogenannte Masterplan, der die Entwicklung des Penzberger Werks aufzeigt. "Alle fünf Jahre schauen wir den Standort-Masterplan an, ob die Grundzüge und die Zielsetzung noch stimmen." Das circa 46 Hektar große Werksgelände ist in 100-mal-100-Meter-Raster eingeteilt. Viel Zeit und Energie würden in die "sinnvolle" Entwicklung fließen, betont Sindlhauser.

Ob Baumkonzept, maximale Flächenentsiegelung auf dem Werksgelände oder das Anlegen von Blühwiesen - vieles wurde schon umgesetzt oder ist in Planung. Dabei sind auch die Mitarbeiter gefragt, Ideen einzubringen. "Wir wollen auf Initiative eines Mitarbeiters jetzt auch Bienen im Werk etablieren", erzählt Sindlhauser, während Michael Bauer, der Gefahrgutbeauftragte im Werk Penzberg, auf die 8000 Quadratmeter begrünte Dachflächen verweist. "Wir sind begeistert vom Engagement der Mitarbeiter", sagt er, besonders die interne Gerätetauschbörse laufe sehr gut an. Was wiederum Elektroschrott zu vermeiden hilft. Großes Ziel des Unternehmens ist es, den Individualverkehr zu reduzieren. Im Roche-Fuhrpark gibt es nur noch E-Autos. Selbst Hybridfahrzeuge sind verboten.

© SZ vom 06.03.2021
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