Kritik:Der Kriege müde

Die Aufführung im KZ Theresienstadt wurde verboten - das Münchner Rundfunkorchester spielt Viktor Ullmanns Opern-Einakter "Der Kaiser von Atlantis oder die Tod-Verweigerung".

Von Klaus Kalchschmid, München

"Der Kaiser von Atlantis oder die Tod-Verweigerung" ist ein bitter-sarkastischer Opern-Einakter, der von einem Herrscher handelt, der den Krieg aller gegen alle proklamiert, worauf der müde Tod seinen Dienst quittiert, am Ende aber einsieht, dass dies die Leiden der Menschheit nur ins Unermessliche steigert. 1943 wurde bis zur Generalprobe im KZ Theresienstadt geprobt, dann die Aufführung verboten, der Komponist Viktor Ullmann ein Jahr später nach Auschwitz deportiert und dort am selben Tag ermordet wie sein Textdichter, der damals 25-jährige Peter Kien. 2007 gab es eine szenische Aufführung im Jüdischen Zentrum mit dem Orchester Jakobsplatz, heute Jewish Chamber Orchestra Munich. Jetzt folgte im Prinzregententheater eine exzellente konzertante Aufführung mit dem Münchner Rundfunkorchester unter Patrick Hahn.

60 konzentrierte Minuten waren das, die unter die Haut gehen. Und doch vermisste man eine szenische Zuspitzung. Denn das Absurde, von dem hier mit mal expressiver, mal herber, aber immer prägnanter (Kammer-)Musik erzählt wird, angejazzt oder im Tanzmusik-Jargon der 1920er Jahre, drückt sich zwar deutlich in Text und Musik aus. Doch Bassist Lars Woldt, der als "Lautsprecher" fungiert, muss zwischendurch die Handlung zusammenfassen, damit der Zuhörer dranbleibt am Geschehen und es versteht: Der Tod (Tareq Nazmi) ist der Kriege müde, Harlekin (Johannes Chum) zitiert und persifliert gleich zu Beginn berührend Mahlers "Trinklied vom Jammer der Erde" aus dem "Lied von der Erde".

Bariton Adrian Eröd gibt einen fahlen, irrlichternden Kaiser, zwei feine Mezzosopranistinnen dagegen verkörpern widerstrebende Prinzipien: Christel Loetzsch ist als Trommler das sinnliche Sprachrohr der Mächtigen, Juliana Zara (Bubikopf) stellt sich naiv dem Krieg entgegen. Fazit in der Tradition barocker Lyrik und Musik: "Komm Tod, du werter Gast, in unsers Herzen Kammer, führ uns zur Rast nach Schmerz und Jammer."

© SZ/chj
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