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Unesco-Weltkulturerbe:Der Wiesn-Rausch - ein schützenswertes Objekt?

Oktoberfest 2015

Die Wiesn würden manche gerne als immaterielles Kulturerbe der Menschheit geschützt wissen.

(Foto: Sven Hoppe/dpa)

München hat schon über viele Vorschläge für das Unesco-Weltkulturerbe nachgedacht - die meisten wurden schnell wieder beerdigt.

Von Martin Hammer und Günther Knoll

42 Stätten in Deutschland sind in der Welterbeliste eingetragen - von der Hamburger Speicherstadt über den Aachener Dom bis zur Wieskirche. Allein Bayern darf sich mit sieben Titeln schmücken, doch keiner davon gehört München. Und das wird sich zumindest in den nächsten Jahren nicht ändern, denn auch auf der aktuellen Vorschlagsliste hat der Freistaat andere Bewerber ins Rennen geschickt: Die Königsschlösser Neuschwanstein, Linderhof und Herrenchiemsee sowie "die Alpinen und voralpinen Wiesen- und Moorlandschaften".

2010 habe es eine bayernweite Ausschreibung zu einer öffentlichen Interessenbekundung gegeben, heißt es beim Kultusministerium. Die Stadt München habe in diesem Verfahren aber keinen Vorschlag abgegeben. Dabei gab es Ideen für mögliche Kandidaten in der Vergangenheit schon einige:

Das königliche Erbe

Die beiden aussichtsreichste Vorstöße liegen lange zurück: Im Jahr 1984 wurden gleich zwei Münchner Bewerber auf die sogenannte Tentativliste, also die offizielle Vorschlagsliste Deutschlands gesetzt: der Schlosspark Nymphenburg und das Ensemble Ludwigstraße, Königsplatz, Odeonsplatz und Feldherrnhalle. Beide aber wurden 1996 wieder gestrichen. Ähnliche Objekte wie die Museumsinsel Berlin oder die Potsdamer Schlösser nebst Parkanlagen waren in den Jahren danach dagegen erfolgreich.

Im Jahr 2004 griff dann die CSU-Stadträtin Elisabeth Schosser die Schloss-Idee noch einmal auf und forderte die Stadtverwaltung in einem Antrag auf, "bei der Unesco in Paris mit dem Ziel vorstellig zu werden, die Münchner Residenz und das Ensemble Nymphenburg zum Weltkulturerbe zu erklären". Wegen der kulturellen Bedeutung natürlich, offiziell, aber doch auch, unausgesprochen, um einen Hebel zu haben, die geplanten Hochhäuser am Birketweg zu verhindern, die die Sichtachse vom Schlossrondell hätten stören können. Da die Stadt aber gar nicht zuständig war für dieses Anliegen, wurde die Bitte an das Wissenschaftsministerium überwiesen, das dann ablehnte.

Das große Grün

Die persischen Gärten, das Gartenreich Dessau-Wörlitz, der Botanische Garten in Singapur - alle gehören zum Weltkulturerbe. Warum nicht auch der Englische Garten in München, dachten sich im Juli 2011 die Mitglieder des Schwabinger Bezirksausschusses und votierten mit großer Mehrheit dafür, ihren Park auf Unesco-Tauglichkeit prüfen zu lassen. Mit einem Hintergedanken, dass sich damit vielleicht indirekt die Tunnelpläne zur Wiedervereinigung des Gartens ein bisschen unterstützen ließen.

Wie sich herausstellte, waren die Schwabinger aber nicht die ersten, die auf die Idee kamen. Schon 1999 beschloss die CSU im Bayerischen Landtag, den Englischen Garten als mögliches Weltkulturerbe untersuchen zu lassen. Auch hier nicht ohne politisches Kalkül, ging es doch auch darum, die ungeliebten Trampläne durch den Park zu verhindern. Der damalige Kultusminister Hans Zehetmair aber lehnte den Antrag ab und vereitelte den Plan. Den Schwabinger Lokalpolitikern war zehn Jahre später auch kein Erfolg beschieden. Dabei ist der Vorsitzende Werner Lederer-Piloty noch immer überzeugt, dass der Titel "dringend notwendig wäre", um den Englischen Garten vor Eingriffen zu schützen.

Die teure Mass

Auch der rauschhafte Zustand auf dem Oktoberfest gehört unter den Schutz der Unesco gestellt, zumindest wenn es nach dem Willen der ehemaligen Wiesnchefin Gabriele Weißhäupl und dem deutschen Schaustellerbund geht. Vor knapp zehn Jahren tauchte der Vorschlag auf, das Oktoberfest und andere Volksfeste mit Tradition zum immateriellen Weltkulturerbe erklären zu lassen, ähnlich wie die Kosakenlieder der Dnipropetrowsk-Region zum Beispiel. "Dann wäre die Wiesn so etwas wie ein denkmalgeschütztes Gebäude, mit dem man behutsam umgehen muss", lautete das Kalkül der Wiesn-Chefin.

Gegenwehr gab es allerdings im Stadtrat: "Ich halte das für einen ausg'machten Schmarrn", wetterte der ehemalige SPD-Fraktionsvize Helmut Schmid und beantragte, dass das Oktoberfest bitte nicht zum Weltkulturerbe werden möge. Sonst würde die Wiesn zum Stillstand verdammt.

Das gute Essen

Können Radieserl Weltkulturerbe-Status erlangen? Nein natürlich nicht. Dass der Viktualienmarkt es immerhin auf die bayerische Landesliste als immaterielles Kulturerbe geschafft hat, das hat er auch nicht so handfesten Dingen wie Obst, Gemüse oder anderen dort gehandelten Lebensmitteln zu verdanken, sondern der Tatsache, dass dort seit mehr als 200 Jahren "Markttradition als Handelsbrauch" gepflegt wird, wie es in der Begründung heißt.

Und natürlich dem Engagement der Standbetreiber, die um das Flair und die damit verbundene Anziehungskraft für Touristen fürchteten, seit bekannt wurde, dass die Stadt Umbaumaßnahmen vorhatte. Das aber gehört für den Markt ebenfalls zur Tradition, die meisten Stände in ihrer jetzigen Form zum Beispiel wurden vor knapp 50 Jahren komplett renoviert und saniert. Nun hat der Markt also seinen Platz auf der bayerischen Liste inmitten prominenter Gesellschaft wie dem Further Drachenstich, der Landshuter Hochzeit oder dem Reinheitsgebot für bayerisches Bier, für die Nennung auf der "Repräsentativen Liste des immateriellen Kulturerbes der Menschheit" aber hat es nicht gereicht.

© SZ vom 30.11.2017/imei
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