SZ-Adventskalender:"Es waren die schönsten Tage in meinem Leben"

SZ-Adventskalender: Ana P. konnte dank der Spenden mit ihren Töchtern nach Paris fahren.

Ana P. konnte dank der Spenden mit ihren Töchtern nach Paris fahren.

(Foto: Alessandra Schellnegger)

Ein Etagenbett für die Kinder, eine Waschmaschine - und der erste Urlaub: Was haben die Spenden der SZ-Leserinnen und -Leser bewirkt? Vier Beispiele.

Von Sabine Buchwald, Karin Kampwerth, Berthold Neff und Andrea Schlaier

Die Nachwirkungen von Corona, zusammen mit der gestiegenen Inflation und hohen Energiepreisen, das alles hat vielen Menschen im letzten Jahr zugesetzt. Wer nur ein geringes Einkommen hat, wie viele Familien, oder nur eine geringe Rente, wie immer mehr alte Leute, wer wegen Krankheit oder Behinderung Hilfe zum Lebensunterhalt benötigt oder aber nach der Flucht vor Krieg, Verfolgung und Existenznot, zunächst auf staatliche Unterstützung angewiesen ist, den trafen die schwierigeren Lebensbedingungen ganz besonders hart.

SZ-Adventskalender: Wie Spenden für den SZ-Adventskalender geholfen haben.

Wie Spenden für den SZ-Adventskalender geholfen haben.

(Foto: Jessy Asmus)

Wie die SZ-Leserinnen und -Leser mit ihrem überwältigenden Engagement für den "Adventskalender für gute Werke der Süddeutschen Zeitung" Menschen in schwierigen Lebenssituationen helfen konnten, zeigen vier Beispiele aus den Spendenaufrufen des vergangenen Jahres. Eine Woche vor dem Start der 75. Spendenaktion fragt die SZ nach: Was hat die finanzielle Unterstützung bewirkt?

Mit einem Auto ist jetzt alles leichter

SZ-Adventskalender: Julias Leben dreht sich nur um ihren Sohn.

Julias Leben dreht sich nur um ihren Sohn.

(Foto: Catherina Hess)

Vor einem Jahr hatte Julia einen Wunsch, den sie kaum auszusprechen wagte, zu groß kam er ihr vor. Und doch hoffte sie, dass er sich erfüllen würde. Julia, die eigentlich anders heißt, hat einen Sohn mit Autismus. Seit seiner Geburt vor acht Jahren dreht sich ihr Leben nur noch um ihn. Sie ist alleinerziehend, seine Krankheit fordert ihre volle Aufmerksamkeit. Tom, auch er heißt eigentlich anders, spricht wenig, fremde Menschen können nur ahnen, was er möchte. Seine Mutter aber kennt seine Nöte und Bedürfnisse. Tom geht in eine Förderschule, ein Bus steht jeden Morgen vor der Tür. Aber an manchen Tagen will er nicht einsteigen, warum weiß auch Julia nicht immer. Manchmal, wenn Tom Magenschmerzen hat, presst er seine kleine Faust an den Bauch. Manchmal aber wirft er sich auf den Gehweg und weint. Öffentliche Verkehrsmittel zu benutzen, ist für die beiden ein Horror.

Zu Toms kleinem Vokabular ist nun seit Anfang des Jahres ein neues Wort gekommen: "Auto". Ein eigenes Fahrzeug war Julias großer Wunsch. Er hat sich erfüllt. Ein privater Spender hatte sich nach dem Bericht in der SZ über Julia und Tom gemeldet und ihnen ein kleines gebrauchtes Auto samt Kindersitz und Winterreifen geschenkt. Das Schicksal von Mutter und Sohn hatte ihn so sehr berührt. "Mein Leben ist dadurch viel, viel leichter geworden", sagt Julia. Tom fährt gerne Auto. Er liebe es, aus dem Fenster zu schauen, sagt Julia. Im Auto fühle er sich sicher. Im Sommer haben die beiden viele Ausflüge gemacht. Sie waren am Chiemsee und mehrmals im Tierpark. "Sieben Jahre habe ich fast nichts anderes gesehen, als die Spielplätze in unserer Nähe", sagt Julia. Auch die Arztbesuche mit Tom sind jetzt viel besser möglich.

Etagenbett und Hoffnung

SZ-Adventskalender: Grün ist die Farbe der Hoffnung: "Das Leben geht besser als letztes Jahr", sagt Adil Gulab, der sich allein um die sechs Kinder kümmerte, als seine Frau schwer erkrankt war.

Grün ist die Farbe der Hoffnung: "Das Leben geht besser als letztes Jahr", sagt Adil Gulab, der sich allein um die sechs Kinder kümmerte, als seine Frau schwer erkrankt war.

(Foto: Robert Haas)

"Das Leben geht besser als letztes Jahr", sagt Adil Gulab. Seine Frau kann sich inzwischen auch wieder um die sechs Kinder kümmern, "ihre Depression, die sie seit der Geburt des Letzten hatte, ist nicht mehr so schlimm". Vier von ihnen bringt der 39-Jährige trotzdem jeden Morgen selbst zu den vier verschiedenen Einrichtungen und Schulen, in die sie gehen und holt sie dort auch abends wieder ab. Haushalten mit den zur Verfügung stehenden Familienkräften.

"Die Spende hat uns letztes Jahr extrem gerettet", erzählt Gulab am Telefon. "Ein Etagenbett für die Kinder, Kleider, Schulsachen, eine neue Waschmaschine, das war eine große Hilfe." Die Familie, die um ihre Töchter und Söhne öffentlich zu schützen, einen anderen Namen wählt, ist seit Frühsommer in Privat-Insolvenz. Die städtische Schuldner- und Insolvenzberatung hat sie auf dem Weg dorthin begleitet. Vordringliches Ziel ist es dabei, dass die Klienten in ihrer Wohnung bleiben können. Das hat bislang geklappt.

Soweit gekommen ist es, weil Adil Gulab in der Pandemie als Taxi-Fahrer und im Nebenjob als Kellner erhebliche Verdienst-Einbußen hatte. Als seine Frau schwer krank wurde, musste er ganz aufhören, sich um sie und die Kinder kümmern. "Ich fange jetzt wieder bei einem Supermarkt im Verkauf und Lager an", erzählt er. Und mit einem "etwas freieren Kopf" will er auch den noch ausstehenden Teil seines Lkw-Führerscheins in Angriff nehmen.

Die Welt der Gulabs bleibt brüchig. Der Familienvater sorgt sich um die gesundheitliche Stabilität seiner Frau, wenn er wieder weniger daheim ist. Und um die eigene. Der 39-Jährige hat Krebs und vor zwei Monaten die Medikamente abgesetzt, weil Blutdruck, Cholesterin und Zucker in die Höhe geschnellt sind. "Ich muss mich mal wieder untersuchen lassen." Dazu fehlte ihm zuletzt die Zeit.

Im Anhänger zur Krippe

Es gibt Momente, die eine Journalistin froh stimmen, selbst wenn es um Menschen geht, die nicht auf der Sonnenseite des Lebens stehen. Aber Daniella M. hört sich am Telefon wirklich zufrieden an, ja, man kann auch fast sagen: glücklich. Nach einer Odyssee mit traumatisierenden Erfahrungen, über die die 30-Jährige bis heute nicht sprechen kann, deren Narben an ihrem Körper aber eine eigene Geschichte erzählen, ist sie in ihrem Leben in München angekommen. Noch immer plagen sie zwar Rückenschmerzen, die vor einem Jahr nach der Schwangerschaft und der Geburt ihrer Tochter beinahe unerträglich waren. Doch eine neue Matratze, die sie dank der Spenden der SZ-Leserinnen und -Leser anschaffen konnte, habe Linderung gebracht. "Ich habe auch eine schöne Wohnung für meine Tochter und mich im Hasenbergl gefunden", erzählt Daniella M. erleichtert.

SZ-Adventskalender: Daniella M.s Tochter findet ihren Fahrradanhänger als Krippen-Taxi durchaus gemütlich.

Daniella M.s Tochter findet ihren Fahrradanhänger als Krippen-Taxi durchaus gemütlich.

(Foto: privat)

Und einen Krippenplatz hat sie für ihre Kleine ebenfalls bekommen. Im Fahrradanhänger, den die alleinerziehende junge Mutter gebraucht von den Adventskalender-Spenden kaufen konnte, fährt sie ihre Tochter jeden Morgen in die Kita. Nun kann sie sich um ihre berufliche Zukunft kümmern. Daniella M. möchte eine Ausbildung zur Kinderpflegerin machen.

Fahrräder für die Kinder

Unter dem Titel "Die kleine Kämpferin" schilderte der Adventskalender vor einem Jahr, wie sich Ana P. aufopferungsvoll um ihre beiden Mädchen kümmert und hart arbeitet, um ihnen alles zu geben, was Kinder brauchen, um eine Zukunft zu haben. SZ-Leserinnen und -Leser haben ihr daraufhin geholfen, sie konnte für Victoria, die bald elf Jahre alt wird, ein Fahrrad kaufen, für sich selbst bekam sie eines geschenkt. Und es blieb noch etwas übrig für die ersten Ferien für die Kinder, auch wenn der Besuch in Disney World in Paris nur drei Tage dauerte und die Unterkunft im Keller war, ohne Heizung und Warmwasser.

SZ-Adventskalender: Die beiden Töchter von Ana P. bekamen Fahrräder.

Die beiden Töchter von Ana P. bekamen Fahrräder.

(Foto: Alessandra Schellnegger)

"Es waren trotzdem die schönsten Tage in meinem Leben", sagt Ana P. Und dann kam noch ein schönerer: Sie wurde Mutter eines Jungen, geboren Ende Oktober. Vom Vater, mit dem sie zunächst zusammenlebte, ist sie inzwischen getrennt, sie wird den Kleinen wohl alleine großziehen. Aber sie kann dabei auf einen unverhofften Helfer zählen, den sie nach langer Suche ausfindig machte: Sie hat ihren Bruder wieder, den die Eltern wegen der Armut in Rumänien einst ins Waisenhaus gaben, von wo ihn eine Familie adoptierte.

"Ich danke Gott, dass ich ihn gefunden habe", sagt Ana P. Er arbeitet bereits als Reinigungskraft ein paar S-Bahn-Stationen weiter und hilft ihr, so gut er kann. Sie selbst hat trotz der Schwangerschaft im Seniorenheim am Westkreuz so lange als Reinigungskraft gearbeitet, wie es eben ging. Wenn der Kleine in die Krippe kann, wird sie wieder arbeiten gehen. Denn trotz aller Veränderungen in ihrem Leben ist eines, das Wichtigste, gleich geblieben: Sie ist eine "kleine Kämpferin".

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