bedeckt München 13°
vgwortpixel

Stiftungs-Professuren:Ein Discounter schreibt Hochschulgeschichte

Die Kooperation zwischen der Stiftung des Lidl-Gründers Dieter Schwarz und der TU München (rechts unten Präsident Wolfgang Herrmann) dürfte die größte sein, die es in Deutschland bislang gegeben hat. Geschätzte Größenordnung: weit jenseits der 100 Millionen Euro.

(Foto: Matthew Lloyd/Bloomberg, Stephan Rumpf, Florian Peljak)
  • Die Dieter-Schwarz-Stiftung des gleichnamigen Gründers von Lidl und Kaufland finanziert vom Wintersemester 2018/19 an 20 Lehrstühle der TU.
  • 13 davon werden in Heilbronn an einer neuen Außenstelle der TU angesiedelt sein, sieben Professoren werden in München unterrichten.
  • Die Professoren, ihre Assistenten und die Studierenden werden sich mit dem Wandel durch Digitalisierung, mit Unternehmensgründung und mit Familienunternehmen beschäftigen.

Wolfgang Herrmann blickt auf den zehnstöckigen Hochhaus-Rohbau, in den seine Technische Universität (TU) München noch in diesem Jahr einziehen wird, er schmunzelt zufrieden und scherzt bestens gelaunt: "An Feiertagen werde ich hier eine bayerische Fahne hissen." Das weiß-blaue Rautenmuster mitten im baden-württembergischen Heilbronn? Es ist tatsächlich ein ungewöhnliches Projekt, das der TU-Präsident in der 120 000-Einwohner-Stadt zwischen Stuttgart und Mannheim vorantreibt: Vom Wintersemester 2018/19 an werden Professoren, die Beamte des Freistaats Bayern sind, im Nachbar-Bundesland forschen und lehren.

Der Oberste Bayerische Rechnungshof und die Steuerzahler müssen aber keine Sorge haben, denn alle Kosten trägt die Heilbronner Dieter-Schwarz-Stiftung des gleichnamigen Gründers der Einzelhandelsketten Lidl und Kaufland.

Hochschule in München Wenn Lidl-Professuren nötig sind, ist das ein Armutszeugnis für die Politik
TU München

Wenn Lidl-Professuren nötig sind, ist das ein Armutszeugnis für die Politik

Denn es bedeutet, dass der Staat nicht mehr ausreichend in der Lage ist, Forschung und Lehre zu bezahlen.   Kommentar von Jakob Wetzel

Wolfgang Herrmann und die Vertreter haben einen Stiftungsvertrag unterschrieben, den es in Deutschland so wohl noch nie gegeben hat. Die Dieter-Schwarz-Stiftung finanziert 20 komplett ausgestattete Lehrstühle. 13 davon werden in Heilbronn an einer neuen Außenstelle der TU angesiedelt sein, sieben Professoren werden in München unterrichten. Die Kooperation ist zunächst auf 30 Jahre befristet, soll aber fortgesetzt werden, wie Herrmann und Vertreter der Stiftung auf einer Pressekonferenz in Heilbronn beteuern. Über die Kosten wurde Stillschweigen vereinbart, es dürfte sich aber um einen hohen dreistelligen Millionenbetrag handeln. "Das ist saumäßig viel Geld", so Herrmann, "ich bin sicher, das ist die größte Stiftung in der deutschen Hochschulgeschichte."

Um das Ausmaß der Stiftung zu verdeutlichen: Die wirtschaftswissenschaftliche Fakultät der TU wird nun schlagartig von bisher 34 auf 54 Professuren wachsen. Während Herrmann begeistert über diese "einmalige Chance" ist, befürchten Kritiker eine unzulässige Einflussnahme der Spender auf Lehre und Forschung der staatlichen Universität.

Ist die Unabhängigkeit der TU gefährdet? Präsident Herrmann greift zu einem blauen Büchlein und wedelt damit herum. "Es wird alles genau so laufen wie es hier drin steht", ruft er. "Code of Conduct" steht auf dem Heft, die TU hat sich auf 40 Seiten Grundsätze zur Zusammenarbeit mit Unternehmen gegeben. Und auf diese werde bereits im ersten Paragrafen des Kooperationsvertrag verwiesen, betont er.

"Hochkarätige Leute bekommen wir nur, wenn sie gut ausgestattet sind und ihnen volle Freiheit gewährt wird", sagt Herrmann. Er habe durchaus schon Interessenten abgelehnt, weil sie sich nicht an den Code of Conduct halten wollten, aber Dieter Schwarz bezeichnet er als "prima Stifter". Die Stiftung habe "trotz der gigantischen Investition" nicht versucht, Einfluss auf die Ausrichtung der einzelnen Professuren zu nehmen. Es gebe nicht einmal den Wunsch, bei den Berufungsverfahren als Gast dabei zu sein, was bei Stiftungs-Professuren nicht unüblich sei.

Die Grundthemen der TU-Außenstelle hat allerdings schon die Stiftung vorgegeben. Die Professoren, ihre Assistenten und die Studierenden werden sich in Heilbronn mit dem Wandel durch Digitalisierung, mit Unternehmensgründung und mit Familienunternehmen beschäftigen. "Diese Region Heilbronn-Franken ist ja faszinierend", sagt Herrmann. "Diese Hightech-Dichte wie hier findet man in Europa kein zweites Mal." Zudem gebe es in der Region viel mehr Familienunternehmen als in München. Dieses neue Feld könne man nun vor Ort erforschen.

Heilbronns Oberbürgermeister spricht von einem "historischen Moment", da sich seine Stadt fortan Universitätsstadt nennen könne. In sieben Jahren will die TU 1000 Studierende in Heilbronn betreuen. Ziel der Dieter-Schwarz-Stiftung ist es laut Geschäftsführer Reinhold Geilsdörfer, den Standort zu stärken und regionale Firmen bei der Rekrutierung von gut ausgebildeten Führungskräften zu unterstützen. Dabei profitieren natürlich auch Schwarz' Firmen Lidl und Kaufland, die im benachbarten Neckarsulm ihre Zentralen haben.

Der Betrieb beginnt im Wintersemester 2018/19 mit zunächst zwei englischsprachigen Master-Studiengängen. Neben der bayerischen Fahne werde auf dem Campus auch die baden-württembergische wehen, kündigt Präsident Herrmann an. "So gut erzogen bin ich schon."

© SZ vom 08.02.2018/libo
Hochschule in München So fließt das Geld der Wirtschaft in die Münchner Unis

TU, LMU und Hochschule

So fließt das Geld der Wirtschaft in die Münchner Unis

BMW spendiert einen ganzen Neubau, die Baywa bezahlt eine Professur für Agrarwissenschaften: Dass Unternehmen Hochschulen finanzieren, passiert immer wieder - und oft unter Kritik.   Von Jakob Wetzel

Zur SZ-Startseite