Soziale Hilfe:Wärmestube für Obdachlose geschlossen

Soziale Hilfe: Mehr als 20 Jahre lang hat Simone Christenn die Wärmestube der Caritas Starnberg betreut. In dem Container in der Nähe des Bahnhofs fanden Obdachlose ein Stück Heimat.

Mehr als 20 Jahre lang hat Simone Christenn die Wärmestube der Caritas Starnberg betreut. In dem Container in der Nähe des Bahnhofs fanden Obdachlose ein Stück Heimat.

(Foto: Georgine Treybal)

Im Sommer musste die Caritas den beliebten und wichtigen Rückzugsort am Starnberger Bahnhof schließen - und sucht nun händeringend nach einer Alternative.

Von Ann-Marlen Hoolt, Starnberg

Vier mit blauen Wachsdecken überzogene Tische, eine schmale Küchenzeile und eine alte Schrankwand aus Holz. Luxuriös ausgestattet war er nicht, der graue Container, den die Caritas am Bahnhofplatz in Starnberg betrieben hat. Doch für viele Obdachlose war die Wärmestube der Caritas ein wichtiger Rückzugsort. Hier konnten sie sich nicht nur aufwärmen und zur Ruhe kommen, sondern auch für wenig Geld ein Frühstück bekommen: ein Euro für Semmeln, Salami, Käse, Kaffee. Zusätzlich gab es eine Dusche und eine Waschmaschine. "Ein kleines bisschen Lebensqualität" nennt das Ulrich Walleitner, Geschäftsführer der Caritas Starnberg. Doch genau dieses Stückchen Lebensqualität gibt es inzwischen nicht mehr. Anfang August musste die Caritas das Angebot beenden.

Der über zwanzig Jahre alte Container, in dem die Wärmestube untergebracht war, entsprach nicht mehr den baurechtlichen Vorschriften. Finanziert hatte ihn 1997 der SZ-Adventskalender mit Spenden von Leserinnen und Lesern. Den Container jetzt modern aufzurüsten, lohnt sich für die Caritas nicht. Denn offenbar kann sie das städtische Grundstück am Bahnhof nur noch für kurze Zeit nutzen. Schon seit fast vier Jahren sucht der Wohlfahrtsverband daher nach einem neuen Standort für eine Wärmestube. Doch man findet keinen.

Der Landkreis und die Stadt Starnberg haben Walleitner Unterstützung zugesichert, doch die Suche dauert an. Am liebsten möchte die Caritas wieder ein städtisches Grundstück in Starnberg übernehmen, nach Möglichkeit pacht- oder mietfrei und in der Nähe eines Bahnhofs. Groß muss es nicht sein, vielleicht 50 Quadratmeter. Auf ein leeres Grundstück würde die Caritas dann einen neuen Container oder ein Tiny House aufstellen. Aber auch freie Räume in einer Immobilie wären praktisch. Walleitner sucht dafür auch auf dem privaten Markt, doch viele Vermieter wollen keine Obdachlosen in ihren Räumlichkeiten: "Da sind die Vorbehalte einfach riesengroß."

In der Wärmestube konnten die Frauen und Männer entspannen

Im Landkreis Starnberg leben etwa 50 bis 70 Menschen auf der Straße, die meisten davon in der Stadt Starnberg. Die genaue Anzahl fluktuiert, weil einige Obdachlose regelmäßig ihren Aufenthaltsort wechseln. Andere blieben - und kamen bis zum Sommer auch regelmäßig in der Wärmestube vorbei. Sozialpädagogin Simone Christenn kennt ihr Stammklientel, 30 bis 40 Menschen die zumindest einmal im Jahr bei ihr vorsprechen. Einige kamen täglich. In der Wärmestube hat sie ihnen Frühstück zubereitet, Beratungsgespräche geführt, bei Problemen geholfen oder einfach nur zugehört, wenn jemand ein offenes Ohr brauchte. "Der geschützte Rahmen, der war essenziell", erzählt sie. "Ein Obdachloser steht ja sonst 24 Stunden am Tag unter Beobachtung. Das ist purer Stress, wenn man immer in Habachtstellung ist." Bei ihr im Container konnten die Frauen und Männer entspannen.

Inzwischen beschränkt sich Simone Christenns Kontakt zu den meisten ihrer Klienten nur noch auf das Notwendigste. Die Beratungen finden noch statt, jetzt in ihrem Büro in der Caritas-Geschäftsstelle, aber viele Obdachlose sind nicht gut darin, Termine einzuhalten. Die meisten Gespräche dauern dann auch nun nur noch ein paar Minuten: Post abholen und den Tagessatz vom Bürgergeld, Danke, Tschüss. Der ungezwungene Umgang in der Wärmestube hat besser funktioniert, da konnte die Sozialpädagogin auch mal spontan Hilfe anbieten. Erst vor zwei Wochen hat ihr ein Klient gesagt: "Im Container war alles besser."

Obdachlose haben nur wenig Angebote im Landkreis

"Das ist eine Katastrophe", klagt Christenn. "Die Leute übernachten auch im Winter draußen und können sich dann in der Früh nicht mal aufwärmen." Die Wärmestube war zwar nur am Vormittag geöffnet, von 9 bis 12 Uhr, doch bei Minusgraden hat die Sozialarbeiterin den Container länger geöffnet, damit sich ihre Klienten auch nachmittags aufwärmen können. Jetzt müssten sie eine der Obdachlosenunterkünfte aufsuchen, die die Städte und Gemeinden im Landkreis betreiben. Doch das geht nicht spontan. Außerdem weigern sich einige ihrer Klienten, eine Unterkunft aufzusuchen. Auch wenn es draußen friert.

Das erzählt auch Caritas-Geschäftsführer Walleitner. Die Gründe dafür seien vielfältig - psychische Probleme, Drogen, Traumata. "Das sind Einzelschicksale, die zu riesigen Hemmschwellen führen." Einige Obdachlose haben auch schlechte Erfahrungen in Unterkünften gemacht, wurden vielleicht beklaut oder bedrängt. Zudem gibt es bei den Unterkünften große Qualitätsunterschiede. Manche sind dreckig, marode oder kaputt.

Auch deshalb braucht es nach Walleitners Auffassung die Wärmestube. Ein niedrigschwelliges Angebot, von dem auch diejenigen profitieren, die sich anderen Hilfsangeboten entziehen. Denn viel mehr Angebote gibt es nicht für die Obdachlosen im Landkreis Starnberg. Großstädte wie München sind da besser aufgestellt. Hier fahren in den Wintermonaten Kältebusse durch die Straßen, bei denen Passanten anrufen können, wenn ihnen Obdachlose auf der Straße begegnen. Die Kältebusse fahren dann zu ihnen, bieten Schlafsäcke an, Isomatten, heißen Tee - und bei Bedarf auch eine Fahrt zur nächsten Notunterkunft. Auch die fehlt im Landkreis Starnberg.

Immerhin die Wärmekammer der Caritas soll es so schnell wie möglich wieder geben. Walleitner hat die Hoffnung bisher nicht aufgegeben, einen neuen Standort zu finden: "Wer einen Tipp hat, wo wir hinpassen, kann sich jederzeit bei mir melden."

Zur SZ-Startseite

SZ PlusBauernproteste
:"Wir haben ein Recht darauf, auf die Straße zu gehen"

Vor der Aktionswoche der Landwirte dreht sich die Debatte vor allem um den Angriff auf Robert Habeck. Dabei geht es den Landwirten um ganz andere Sachen - und längst nicht nur um Subventionen für Agrardiesel und die Kfz-Steuer, erklärt die Starnberger Kreisbäuerin Sonja Frey.

Lesen Sie mehr zum Thema

Jetzt entdecken

Gutscheine: