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SZ-Adventskalender:"Wenn ich Corona kriege, überlebe ich das nicht"

Gauting: SZ Adventskalender Knut Theilig

Nach wenigen Minuten schon erschöpft: Knut Theilig, 61, beim Training auf dem Gymnastikball. Der Gautinger kann seit vier Jahren nicht mehr in seinem Beruf arbeiten.

(Foto: Nila Thiel)

Für Knut Theilig sollte es nach Herzinfarkt und Lungenerkrankung bergauf gehen. Dann kam die Pandemie. Der Frührentner hat seine Wohnung seit Wochen nicht verlassen.

Von Carolin Fries

Seit Wochen schon hat Knut Theilig seine kleine Wohnung nicht mehr verlassen. Der 61-Jährige ist schwer lungenkrank, "wenn ich Corona kriege, überlebe ich das nicht", sagt er. Darum sei er sehr vorsichtig und meide Kontakte. Die Einkäufe erledigen seine getrennt lebende Frau und die Kinder für ihn. "Ich hasse es, auf andere angewiesen zu sein", sagt Theilig. Doch was soll er schon machen? Manchmal sehnt er sich danach, selbst im Supermarkt zu stehen und zu entscheiden, was er in den Korb legt, oder mal wieder die Ortsmitte zu sehen, andere Menschen. Doch einfach alleine losmarschieren - "dafür würde die Kraft gar nicht reichen". Und ein Auto steht ihm nicht zur Verfügung.

Dabei hat Knut Theilig ein wenig zugelegt im vergangenen Jahr. Stolz zeigt er eine kleine Speckschicht am Bauch, die er mit der Hand greifen kann. Eigentlich wollte er auch Muskeln aufbauen, sich mehr bewegen. Das jedenfalls war der Plan, als ihn die Starnberger SZ im vergangenen Jahr besucht hat. Doch dann kam Corona, und Theilig bleibt jetzt nur noch der große blaue Gymnastikball, um seine Muskeln zu trainieren. Er wippt mit dem Oberkörper und bewegt die Arme versetzt vor und zurück. Nur wenige Minuten, dann ist er erschöpft, muss schnaufen. "Wie soll ich so den Weg vom Supermarkt zurück in die Wohnung schaffen, bergauf?"

COPD haben die Ärzte vor einigen Jahren diagnostiziert, die Lunge von Knut Theilig ist geschädigt, die Atemwege verengt. Nachts presst ein Sauerstoffgerät Luft in seine Lunge, so kommt er tagsüber meist ohne Beatmung über die Runden. Außerdem leidet er unter Morbus Bechterew, einer rheumatischen Erkrankung, die ihm schwere Rückenschmerzen bereitet. Vor vier Jahren hat er einen Herzinfarkt gehabt, seither arbeitet er nicht mehr. "Ich würde wirklich gerne etwas tun", sagt er. Der Frührentner bastelt gern, liebt das Filigrane, ist geschickt mit den Fingern. "Es müsste halt Heimarbeit sein."

Bis vor wenigen Wochen hat er noch ein Auto gehabt - für Knut Theilig die einzige Möglichkeit, den eigenen vier Wände einmal zu entkommen. Doch das ist inzwischen kaputt, und Geld für eine Neuanschaffung hat der Gautinger nicht. Mit der Erwerbsunfähigkeitsrente kommt er gerade so über die Runden. "Ich spare jeden Cent, viel ist es trotzdem nicht", sagt er. Soziale Kontakte hat er kaum, mit seinem Betreuer von Condrobs in Starnberg telefoniert er regelmäßig. Die Suchtberatungsstelle begleitet Theilig weiter, nachdem der gelernte Bäcker und spätere Montagearbeiter ein paar Jahre lang versucht hatte, seinen Stress im Alkohol zu ertränken. "Es ist bewundernswert, wie positiv er immer ist", sagt der Mitarbeiter über Theilig. Tatsächlich jammert Theilig wenig, erzählt lieber von seinen Kindern, die ihm Freude bereiten. Auf seiner Fensterbank hat er zwei kleine Grünpflanzen, "selbst gepäppelt", und das Gefrierfach sei voll. "Es könnte viel schlimmer sein."

Anfang Dezember muss er wieder für ein paar Tage in die Klinik. Dann will er mit der Ärztin über eine Reha sprechen, die ihn weg von den Zigaretten bringt. "Zuletzt sind es wieder mehr geworden. Alleine schaffe ich das nicht", sagt er. Vorher aber steht noch das Weihnachtsfest an, und wie bereits im vergangenen Jahr, überlegt Theilig, ob er die Einladung seiner Frau und der Kinder überhaupt annehmen soll. Er zögert nicht wegen Corona. "Es ist einfach kein schönes Gefühl, mit leeren Händen dazustehen", sagt er.

Jahr für Jahr unterstützt das Spendenhilfswerk der Süddeutschen Zeitung bedürftige Menschen im Landkreis, sich längst notwendige Anschaffungen leisten oder sich einmal einen kleinen Wunsch erfüllen zu können. Auch soziale Einrichtungen erhalten Geld, um Aufgaben zu finanzieren, die sie sich sonst nicht oder nur schwer leisten können. Insgesamt 8,2 Millionen Euro sind bei der 71. Spendenaktion im vergangenen Jahr eingegangen, davon ist ein Teil auch in den Landkreis Starnberg geflossen.

In diesem Jahr stehen Menschen im Mittelpunkt, die es im Corona-Jahr besonders schwer haben. Etwa weil der Job weggefallen ist, das Gehalt gekürzt wurde oder die Ausbildung ins Stocken geraten ist. Alte und kranke Menschen wiederum hat das Virus isoliert, so auch Knut Theilig. Damit hatte er nicht gerechnet, 2020 sollte es eigentlich bergauf gehen. Seine Pläne hat der 61-Jährige nun aufs neue Jahr verschoben. Jemanden kennenlernen zum Beispiel, Kontakte knüpfen. "Solange ich hier nicht wegkomme, muss ich damit gar nicht anfangen."

© SZ vom 21.11.2020

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