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Stockdorf:Webastos Kampf gegen das Virus

Stockdorf Webasto Engelmann

"Es trifft die ganze Branche": Der Webasto-Vorstandsvorsitzende Holger Engelmann erklärt am Mittwoch in einer Pressekonferenz das weitere Vorgehen seines Unternehmens.

(Foto: Georgine Treybal)

Die Angestellten dürfen am Mittwoch nur noch ihre Laptops holen. Dann wird die Zentrale in Stockdorf bis Sonntag geschlossen. Bei fünf Mitarbeitern wurde das Coronavirus nachgewiesen, nun werden 90 weitere getestet.

Die Schranke ist geschlossen, zwei Sicherheitsleute haben sich am Mittwochmorgen am Eingang der Webasto-Zentrale in Stockdorf postiert. Bei drei weiteren Angestellten des Autozulieferers wurde das Coronavirus diagnostiziert, damit sind mittlerweile vier Mitarbeiter infiziert sowie eine Kollegin aus China, die vergangene Woche Schulungen in der Zentrale hielt. Auch die neuen Erkrankten werden im Klinikum Schwabing isoliert - zwei 27 und 40 Jahre alte Männer und eine 33-jährige Frau, die frei von Symptomen sind. Das starke Fieber der Kollegen sei sehr schnell gesunken, sagt der Webasto-Vorstandsvorsitzende Holger Engelmann am Mittwochnachmittag. Zum Wohnort der Mitarbeiter will er sich nicht äußern, um die Kollegen zu schützen.

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Weitere Fälle im Unternehmen wurden im Laufe des Tages nicht bekannt, auch nicht an den weltweit mehr als 50 anderen Standorten des Konzerns, der insgesamt mehr als 13 000 Mitarbeiter beschäftigt. Lediglich die Zentrale in Stockdorf, wo etwa 1000 Menschen arbeiten, sei betroffen. Dort hat das Unternehmen die Sicherheitsvorkehrungen hochgefahren: 40 Mitarbeiter haben das Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit (LGL) und ein Ärzte-Team des Starnberger Gesundheitsamts am Mittwoch hier vorsichtshalber getestet. Sie sollen in der Firma engen Kontakt zu den Erstinfizierten gehabt haben, einem 33 Jahre alten Mann aus Landsberg am Lech und der Schulungsleiterin aus China.

Die Ergebnisse werden wohl erst am Donnerstagabend vorliegen. "Die Kontaktpersonen sollen vorerst zu Hause bleiben und den Kontakt zu anderen Menschen meiden", sagt LGL-Chef Andreas Zapf. Weitere Tests aus dem Freistaat fielen laut Gesundheitsministerin Melanie Huml am Mittwoch negativ aus. Für diesen Donnerstag wurden laut Engelmann weitere 50 Mitarbeiter für Tests einbestellt, welche wiederum engen Kontakt zu den drei neu Infizierten hatten.

Der Konzern hat die Zentrale bis Sonntag geschlossen. Per E-Mail wurden die mehr als 1000 Mitarbeiter informiert, dass sie bis Mittwochmorgen um neun Uhr Zeit haben, ihre Notebooks und Arbeitsmaterialien aus den Büros zu holen, um von zu Hause aus zu arbeiten. "Dann machen wir hier erst mal zu", sagt am Morgen ein Security-Mitarbeiter.

Alle paar Minuten erreichen zwischen acht und halb neun Uhr Mitarbeiter das Bürogebäude. "Sie wissen Bescheid?", fragt sie einer der ganz in Schwarz gekleideten Wachleute, die das Gebäude gewöhnlich nur nachts absichern. "Ja, ich will nur meinen Laptop holen", sagt die Mitarbeiterin. "Tragen Sie sich am Empfang bitte in die ausliegenden Listen ein", gibt ihr der Mann vom Sicherheitsdienst noch mit auf den Weg. Alle Personen, die das Gebäude betreten, sollen erfasst werden. Kurze Zeit später verlässt die Frau das Gebäude, die Laptoptasche in der Hand. Seit fünf Uhr morgens gehe das so, sagt der Security-Mitarbeiter. "Klar, irgendwie ist's komisch", sagt eine Mitarbeiterin, die kurz in ihr Büro will. Andere schütteln vehement den Kopf, wenn man sie fragt, ob sie sich Sorgen um ihre Gesundheit machen.

Bereits am frühen Morgen hatte sich ein Krisenstab zur Abstimmung der nächsten Schritte in der Zentrale zusammengefunden. Eine "Sondersituation", wie eine Unternehmenssprecherin sagt, die Ereignisse würden sich überschlagen. Alle Dienstreisen von Mitarbeitern der Firmenzentrale sind bis Sonntag untersagt. Drei von elf Werken in China seien wegen der Neujahrsfeiern sowie der Infektionswelle geschlossen. "Es trifft die ganze Branche", so Engelmann. Glücklicherweise funktioniere die Arbeit der Verwaltungsmitarbeiter im Homeoffice "recht professionell".

Die am Dienstag noch demonstrativ gezeigte Gelassenheit ist einer großen Ernsthaftigkeit gewichen. Tags zuvor hatten Mitarbeiter noch von einer "superentspannten" Lage gesprochen, man werde jetzt nicht in einen "Panikmodus" verfallen. Nun machten sich Mitarbeiter Sorgen um ihre Kollegen, wie die Unternehmenssprecherin sagt. Laut Engelmann gibt es in der Belegschaft eine große Verunsicherung. Er hatte auch eine Antwort auf die Frage, warum das Unternehmen die Mitarbeiter am frühen Dienstagmorgen zwar freigestellt hatte, aber erst ein paar Stunden später in Kenntnis setzte, dass ein Kollege mit dem Virus infiziert ist: "Wir mussten die Lage erst mal sortieren." Die Bestätigung der Gesundheitsbehörde sei erst am späten Abend des Vortags eingetroffen.

Die Infektionen haben auch in Stockdorf Folgen: Um 13.30 Uhr hat am Mittwoch das Fitnesstudio "LifeGym" in Stockdorf bis voraussichtlich Sonntag geschlossen. Dort haben viele Webasto-Mitarbeiter trainiert, es besteht eine Kooperationsvereinbarung. Laut Mitinhaber Stefan Kürschner handelt es sich um eine Vorsichtsmaßnahme. "Es liegt nahe, dass es Überschneidungen gegeben hat", sagt er. Die Mitglieder würden mit einem Aushang an der Tür über die Schließung informiert. Im Ort sollen auch schon vereinzelt Menschen mit Mundschutz unterwegs gewesen sein. Gautings Bürgermeisterin Brigitte Kössinger sagte, man beobachte die Lage kritisch. "An einer Panikmache werden wir uns aber nicht beteiligen." Für besondere Vorsichtsmaßnahmen seitens der Gemeinde gebe es keine Veranlassung.

© SZ.de/dac/mmo/pvn
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