Nachruf Trauer um Besitzer des 24-Stunden-Kiosks an der Münchner Freiheit

Alexander Vesely betrieb den "Kiosk im Deubl Glass Cube", wie sein kleiner Laden an der Münchner Freiheit offiziell heißt.

(Foto: Stephan Rumpf)

Alexander Vesely betrieb neben dem Kiosk auch das erste Schwulencafé Schwabings. Nun ist er nach einem Herzstillstand gestorben.

Von Laura Kaufmann

Wer die Münchner Freiheit kennt, der kennt auch den Kiosk dort, der grün durch die Nacht leuchtet, als wolle er den im Dunkeln Verlaufenen den Weg weisen. Der Kiosk hatte ein Gesicht, wie Gastronomen es ausdrücken, und dieses Gesicht war Alexander Vesely.

Veselys Eltern waren während des Prager Frühlings aus der Tschechoslowakei nach München geflohen. Im gleichen Jahr, am 5. Oktober 1968, kam dort der kleine Alex als jüngstes von fünf Geschwistern auf die Welt. Ein Schwabinger durch und durch, dort geboren, dort lebend, immer voller Tatendrang und Ideen für sein Viertel. Neben dem 24-Stunden-Kiosk betrieb er das Gaumenspiel in der Haimhauserstraße, und zuletzt noch nebenan das For Friends, das erste Schwulencafé Schwabings.

Jetzt ist Alexander Vesely in Schwabing gestorben. Dienstagnacht, im Klinikum, umgeben von Familie. Er ist nur 48 Jahre alt geworden.

Nachts im grünen Würfel

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Es wurde so plötzlich aus dem Leben gerissen, dass sein langjähriger Lebensgefährte Matthias Kehr jetzt beinahe noch erwartet, Alexander Vesely würde doch wieder durch die Tür des "Gaumenspiel" kommen und die Gäste bespaßen. Immer einen Spruch parat, immer voller Energie, voller Leben; wie immer eben.

Das erste Gaumenspiel eröffnete er 2009 im Viertel, als Feinkostladen mit Café. Er wollte etwas kleines, eigenes, nach Jahren im Marketing und als Unternehmensberater. Das Gaumenspiel zog später in die Haimhauserstraße um, wurde zum Restaurant und Feinkostgeschäft.

Nach langen Jahren der Planung kam Ende 2014 der Kiosk dazu. Erst hatten Nachbarn sogar eine Unterschriftenliste dagegen gestartet; sie hatten Angst, der Kiosk könnte zum Saufbude verkommen. Aber das Gegenteil war der Fall: "Viele Mädels erzählen mir, dass sie sich jetzt sicherer fühlen, wenn sie nachts auf den Bus warten", sagte Vesely vor einem Jahr in einem Interview.

Der Kiosk entwickelte sich zu einer Art Nachtwache der Münchner Freiheit, der Bezirksausschuss verlieh Vesely sogar eine Urkunde dafür: "das Schwabinger Lächeln".

Alexander Vesely war immer voller Ideen und einer, der seine Ideen auch umsetzte. Ausspannen, das war für ihn ein wenig auf der Couch liegen, klassische Musik hören oder Harry-Potter-Hörbücher. Aber eigentlich war er ein Arbeitstier, auch wenn es zwischenzeitlich sehr viel Arbeit war. Er mochte das Gegensätzliche an seinen Läden. "Im Gaumenspiel serviere ich abends Jakobsmuscheln und ein Glas Wein, dann gehe ich an den Kiosk und verkaufe Schnitzelsemmel und Snickers."

Eben hatten Alex Vesely und Matthias Kehr, der über die Jahre von seinem Lebens- auch zu seinem Geschäftspartner geworden war, einen schweren Wasserschaden im Gaumenspiel überstanden. Im Januar kam die Decke runter, drei Monate mussten sie schließen. Aber es lief jetzt wieder. Gerade so sehr, dass an eine Auszeit zu denken war. Alex Vesely hatte sich einen Flug nach Spanien gebucht. Er wollte das Stück Küste bei Valencia besuchen, wo er früher mit seinen Eltern oft gecampt hatte; er dachte daran, sich später einmal eine kleine Ferienwohnung dort zu kaufen.

Über Ostern sollte es erst einmal zu Matthias Kehrs Familie im Rheinland gehen. "Alex hat sich wahnsinnig gefreut", sagt Kehr. "Das erste Mal seit sechs Jahren, dass wir zusammen wegfahren konnten." Ein riesiger Stoffhase für den zweijährigen Neffen war schon im Auto, und alles Gepäck der beiden. Bevor es losging, lief Alex Vesely noch schnell zum For Friends zurück; es gab ein Problem mit der Kaffeemaschine. Er brach im Laden zusammen. Plötzlicher Herzstillstand.

Als in den Tagen danach klar wurde, dass sich nichts regenerieren würde, dass er nie zurückkommen würde, entschloss sich die Familie, ihn gehen zu lassen. "Wir saßen alle an seinem Bett", sagt Kehr. Alexander Vesely wird wohl an der Seite seines Bruders beigesetzt werden, der vier Jahre zuvor an Krebs starb.

Der Kiosk blieb keine Minute geschlossen. Und er leuchtet weiter durch die Nächte Schwabings, grün wie die Hoffnung.

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