Thalkirchen München hat einen neuen Kiosk

Philipp Rothhaas (Bild) und Johannes Bayerlein haben den Kiosk eröffnet.

(Foto: Robert Haas)

Die verfallene Bude an der Tierparkbrücke in Thalkirchen wurde wieder zum Leben erweckt. Und das pünktlich zu ihrem 100. Geburtstag.

Von Laura Kaufmann

Johannes Bayerlein und Philipp Rothhaas haben eine Vermutung, warum ihr vor noch nicht einmal zwei Wochen eröffneter Kiosk einen so guten Start hingelegt hat. Der Kaffee soll schuld sein. "Wir haben die einzige Siebträgermaschine Thalkirchens", sagt Bayerlein und klingt überzeugt, "zumindest im Winter".

Dann, wenn die Eisdiele "Gelatobi", einen Steinwurf entfernt, geschlossen hat. Mit Bohnen der jungen Münchner Rösterei "emilo" wird die Maschine gefüttert, und das Ergebnis hat schon eine Reihe nachbarschaftlicher Stammgäste produziert.

Kiosk Der Münchner Kiosk ist ein soziologisches Phänomen
Serie

Der Münchner Kiosk ist ein soziologisches Phänomen

Wer wissen will, was den Münchner und seine Stadt wirklich bewegt, der geht am besten in den Kiosk um die Ecke.   Von Franz Kotteder

Überhaupt, die Nachbarn. Die hatten schon länger gespannt verfolgt, was da geschah an der Tierparkbrücke. Denn der Kiosk stand dort quasi schon immer, war aber seit Ende der 1990er-Jahre außer Betrieb, verwittert und verfallen mittlerweile, mit Efeu bewachsen. Eingezäunt. Bis die neuen Betreiber kamen und mühsam restaurierten und retteten, was zu retten war.

Zufällig war Johannes Bayerlein bei einem Spaziergang mit seinem Bruder auf den alten Kiosk aufmerksam geworden. Und sie hatten sich gefragt, wem der eigentlich gehört. Warum nichts passiert mit dem verfallenden Häusl. Eine wilde Idee keimte in ihren Köpfen. Sie fanden ein Klingelschild am Kiosk: "Kalb".

Und begannen zu recherchieren. Der Kiosk, so fanden sie heraus, war über drei Generationen in Familienbesitz gewesen. Seine letzte Besitzerin hatte darin gar gewohnt. Aber die Dame war kinderlos geblieben. Und so fiel der Kiosk mitsamt Grundstück nach ihrem Tod an einen Nachlassverwalter.

Johannes Bayerlein und Philipp Rothhaas kauften ihn. Jetzt sind die beiden, ein Betriebswirtschaftler mit Gastroerfahrung und ein ehemaliger Filmausstatter, Kioskeigentümer. Vier Monate lang haben sie dafür mit Hilfe eines Architekten saniert und umgebaut. Mehr als die Wände konnten sie aber kaum erhalten; allein die neue Küche war am Ende teurer als das Grundstück selbst.

Den beiden Neugastronomen war es trotzdem wichtig, ein Stück Viertelgeschichte zu wahren. "Kiosk 1917" tauften sie es, weil die Familie Kalb im Jahr 1917 ihre Bude zum Verkauf von Limonade eröffnete. 100 Jahre ist das jetzt her, und die vielen Anekdoten um den Kiosk werden ihnen nun nach und nach durch das Verkaufsfenster erzählt.

Kiosk 1917

Auferstanden aus Ruinen

Von Thalkirchnern, die hier als Kinder ihr erstes Glas Zitronenlimo schlürften. So setzt sich ein Geschichtsmosaik zusammen für den 33-jährigen Bayerlein und den 35-jährigen Rothhaas. Die Gäste drinnen löffeln derweil Linsensuppe und kommen ob der räumlichen Enge schnell miteinander ins Gespräch.

Im Gastraum des "1917" hängen ein paar alte Bilder vom Kiosk, in Pop-Art-Manier bearbeitet. Bunte Farbflecken in dem schlicht und modern gehaltenen Gastraum. Kleine Holztische und schwarze Lampenschirme, 16 Leute finden hier Platz. Im Moment gibt es täglich ein warmes Gericht für unter fünf Euro, Linsensuppe zum Beispiel, dazu belegte Semmeln oder Croissants, Brezn. Tegernseer oder Augustiner für 2,50 Euro, Glühwein für 2,20 Euro. Der Cappuccino kostet 2,50 Euro, das Stück Kuchen dazu stammt von der Initiative "Kuchentratsch", bei der Rentner zum Backen zusammen kommen, und kostet 3,60 Euro.

Nicht gerade teuer, trotz der exklusiven Lage, die die Gastronomen ergattert haben. Direkt bei der U-Bahn Station Thalkirchen gelegen, an der Brücke, dem Hauptweg zum Tierpark Hellabrunn. Eltern kaufen eine Apfelschorle für den Zoobesuch und einen Lutscher fürs quengelnde Kind, Isar-Spaziergänger kommen auf ein Radler und einen Ratsch vorbei. Am Wochenende seien sie kaum zum Luftholen gekommen vor lauter Betrieb, berichten die beiden überraschten Betreiber.

Bei schönem Wetter bauen sie rund um den Kiosk eine kleine Terrasse auf. Momentan öffnet der um neun und schließt um 19 Uhr. Aber das soll sich noch ausdehnen. 23 Stunden am Tag darf der "1917" geöffnet haben. An Silvester lief das schon ganz gut, sagen Rothhaas und Bayerlein. Das neue Jahr, das hundertste Kiosk-Jahr, es kann kommen in Thalkirchen.

Späti Nachts im grünen Würfel

Neuer Kiosk in Schwabing

Nachts im grünen Würfel

In München ist das eben immer noch eine Attraktion: Der neue Kiosk an der Münchner Freiheit hat 23 Stunden geöffnet. Fast wie ein Späti in Berlin. Wären da nicht die Sauce von der Sternekoch-Tochter und der Bierpreis.   Von Cathrin Schmiegel