Designausstellung in der Pinakothek der Moderne in München:Schönes Design mit nachhaltigem Auftrag

Lesezeit: 3 min

Designausstellung in der Pinakothek der Moderne in München: Das Sea-Clear-System sammelt Müll aus dem Wasser und vom Meeresboden auf. In der Ausstellung steht das Projekt von Stefan Sosnowski für das Jahr 2022.

Das Sea-Clear-System sammelt Müll aus dem Wasser und vom Meeresboden auf. In der Ausstellung steht das Projekt von Stefan Sosnowski für das Jahr 2022.

(Foto: Sea Clear Project)

20 Jahre - 21 Objekte: Zum runden Geburtstag der Pinakothek der Moderne hat Die Neue Sammlung 21 Objekte ausgewählt, die als "Phänomene der Zeitgeschichte" gelten.

Von Evelyn Vogel, München

Es sind ökologische Aspekte wie Nachhaltigkeit, Klima und Umwelt, soziale Themen wie Inklusion, Gesundheit und Diversität, aber auch technologische Entwicklungen wie KI, VR und 3-D-Druck, die in den vergangenen 20 Jahren eine große Rolle im gesellschaftlichen Diskurs gespielt haben. Ein Diskurs, der sich auch im Design widerspiegelt, wie die aktuelle Ausstellung des Münchner Designmuseums "Die Neue Sammlung" zum 20. Jubiläum der Pinakothek der Moderne zeigt.

"20 Jahre Pinakothek der Moderne - 21 Objekte" heißt die Schau, die auf der großen Treppe vor der Neuen Sammlung aufgebaut ist. Ein gesellschaftsrelevantes Thema jeden Jahres soll hier anhand eines ausgewählten Entwurfs vorgestellt werden. Oder, wie Sammlungsleiterin Angelika Nollert, die die Schau zusammen mit Rosa Carole Rodeck kuratiert hat, sagt: "Jedes Objekt ist ein Phänomen der Zeitgeschichte."

Dass Designprodukte seit den Nullerjahren dabei farblich von Understatement in Weiß, Silber und Schwarz geprägt waren - die Geräte mit dem angebissenen Apfel hatten es vorgemacht -, wird hier mehr als deutlich. Da tut es gut, dass die Objekte auf leuchtend magentafarbenen Sockeln aufgebaut wurden und so wie Solitäre auf der grauen Steintreppe leuchten. Ein Apple-Gerät sucht man hier allerdings vergeblich, wenngleich iPhone und iPad durchaus in den Zeitrahmen gepasst hätten. Stattdessen wird beispielsweise das "Fairphone" von 2013 vorgestellt. Ein Fair-Trade-Smartphone, bei dem auf gerechte Arbeitsbedingungen und recycelte Rohstoffe bei der Herstellung geachtet wird. Zudem ist es so einfach aufgebaut, dass man es selbst reparieren können soll.

Rechtzeitig, wenn man so will, kam 2019 der chemiefreie Luftreiniger Steriwhite Air Q115 der deutschen Firma Hönle auf den Markt. Er ist nicht nur hübsch anzusehen, er filtert auch Viren, indem er mit UV-C-Strahlen die Virushüllen zerstört. Als die Corona-Pandemie begann, war der Luftreiniger gefragt wie nie. In den Bereich Gesundheit gehören auch die speziell gebogenen Ganymed-Krücken von 2012, mit deren Hilfe man sich deutlich fließender fortbewegen kann.

Designausstellung in der Pinakothek der Moderne in München: Der Sneaker Go Fly Ease (Werksentwurf Tobie Hatfield) steht für das Jahr 2021.

Der Sneaker Go Fly Ease (Werksentwurf Tobie Hatfield) steht für das Jahr 2021.

(Foto: Die Neue Sammlung - The Design Museum, Kai Mewes)

Ein schicker Sneaker mit einem Klappmechanismus an der Ferse, den man ohne Hilfe der Hände anziehen kann, ist der Go Fly Ease, den Nike 2021 auf den Markt brachte. Hübsch anzusehen ist auch das Armband UP, das über eine App Schlaf-, Ess- und Bewegungsverhalten aufzeichnet und Verbesserungsvorschläge für ein gesünderes Leben macht. Bei dem Armband von 2011 wird einem noch einmal bewusst, wie lange uns schon ein durch KI-gestützter Selbstoptimierungsdruck begleitet.

Designausstellung in der Pinakothek der Moderne in München: Das Armband UP wird von einer App begleitet, über die sich beim Tragen Schlaf-, Ess- und Bewegungsverhalten nachvollziehen lassen (Fuseproject, Yves Béhar).

Das Armband UP wird von einer App begleitet, über die sich beim Tragen Schlaf-, Ess- und Bewegungsverhalten nachvollziehen lassen (Fuseproject, Yves Béhar).

(Foto: Die Neue Sammlung - The Design Museum, Kai Mewes)

Spiel und Spaß kommen natürlich auch nicht zu kurz in der Ausstellung: So ist der Unterhaltungsroboter Aibo ERS 210 ausgestellt, einer der ersten seiner Art, der wirklich Furore machte, wie Angelika Nollert erklärt. Der hündchenartige Roboter reagiert auf Sprache und Berührungen - und half in der Pandemie vielen Menschen in Japan über die Corona-Einsamkeit hinweg. Für 1300 Euro war er 2002 - dem Eröffnungsjahr der Pinakothek der Moderne - zu haben. Fast schon Lichtjahre weiterentwickelt wirkt dagegen das Virtual-Reality-Headset Oculus Quest von 2017. Ohne Konsole, ohne Computer und kabellos kann man hier in VR-Welten eintauchen.

Designausstellung in der Pinakothek der Moderne in München: Mit dem Unterhaltungsroboter Aibo ERS 210 von Sony beginnt der Rückblick auf 20 Jahre Pinakothek der Moderne.

Mit dem Unterhaltungsroboter Aibo ERS 210 von Sony beginnt der Rückblick auf 20 Jahre Pinakothek der Moderne.

(Foto: Die Neue Sammlung - The Design Museum, Kai Mewes)

Ein niedliches Teil mit ernstem Hintergrund ist der Sozialroboter AV1 aus dem Jahr 2015. Im Klassenzimmer aufgestellt soll der büstenförmige Roboter Kindern, die beispielsweise wegen Krankheit oder Rehamaßnahmen nicht zur Schule gehen können, eine Teilnahme am Unterricht in Echtzeit ermöglichen und so einem Isolationsgefühl vorbeugen. 1500 Schülerinnen und Schüler nutzten im Jahr 2020 an 20 000 Schultagen den Sozialroboter aus Norwegen, den man kaufen oder mieten kann. Der AV1 ist das einzige ausgestellte Objekt, das eingeschaltet ist und sich in seinem Glaskubus bewegt.

Designausstellung in der Pinakothek der Moderne in München: Ein Stuhl aus einem 3-D-Drucker: Patrick Jouins Entwurf Solid C2, 2004.

Ein Stuhl aus einem 3-D-Drucker: Patrick Jouins Entwurf Solid C2, 2004.

(Foto: Die Neue Sammlung - The Design Museum, Kai Mewes)

Beispiele für die Kombination von Handwerk und digitalen Techniken sind natürlich auch zu sehen. So der digital entworfene und produzierte Cinderella Table von 2005, der 2007 entworfene Plopp-Hocker aus Metall, der dank der Fidu-Technik wie ein Blow-up-Objekt wirkt, oder der 2004 vollständig im 3-D-Druck gefertigte Stuhl Solid C2. Neun Tage brauchte der Drucker für das wie aus Bändern gewebte Möbelstück, von dem nur 30 Stück aus Epoxidharz produziert wurden. Ein hochaktuelles Serienstück ist hingegen das Poweregg, eine eiförmige Drohne, die 2016 in China entworfen wurde und die ihre Ausleger erst nach dem Einschalten ausklappt. Übrigens: In Deutschland sind nach Angaben des Luftfahrtverbands BDL mehr 400 000 Drohnen im Umlauf, 385 000 davon in privatem Besitz - Tendenz steigend.

Designausstellung in der Pinakothek der Moderne in München: Steht für die Vielfalt der LGBTQIA+-Gemeinschaft: Das Lego-Set "Everyone Is Awesome", 2020.

Steht für die Vielfalt der LGBTQIA+-Gemeinschaft: Das Lego-Set "Everyone Is Awesome", 2020.

(Foto: Die Neue Sammlung - The Design Museum, Kai Mewes)

Zwei Themen, die seit einigen Jahren den gesellschaftlichen Diskurs beherrschen sind Diversity und die Verschmutzung der Meere durch Plastikmüll. Auch hier hat die Neue Sammlung zwei schöne Bespiele ausgestellt. Das regenbogenfarbene Lego-Set "Everyone Is Awesome" steht im Jahr 2020 für die Vielfalt der LGBTQIA+-Gemeinschaft. Von der TUM kommt der KI-gesteuerte Roboter Sea Clear, der Müll im Wasser orten und einsammeln soll. Auf die von der EU geförderte Idee von Stefan Sosnowski war Angelika Nollert durch einen Bericht in der Süddeutschen Zeitung aufmerksam geworden. Sea Clear steht stellvertretend für das aktuelle Jubiläumsjahr der Pinakothek der Moderne. Doch man kann sich sicher sein, dass das leuchtend gelbe Gefährt weit über 2022 Relevanz besitzen wird. Leider, muss man sagen.

20 Jahre Pinakothek der Moderne - 21 Objekte, Die Neue Sammlung in der Pinakothek der Moderne, Barer Str. 40, Eröffnung: 14. Juli, 19 Uhr, bis 15. Januar 2023

Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Abo kündigen
  • Kontakt und Impressum
  • AGB