Fairphone und Shift Warum es so schwierig ist, ein faires Handy zu bauen

Die aktuellen Smartphonemodelle der Hersteller Fairphone und Shift.

(Foto: Hersteller; Bearbeitung SZ)
  • Brutale Arbeitsbedingungen in China, giftige Abfälle bei der Rohstoffverarbeitung und Blutmineralien, die Kriege im Kongo finanzieren, stehen hinter jedem Smartphone.
  • Die Unternehmen Fairphone und Shift versuchen es besser zu machen und verfolgen dabei zwei Strategien:
  • Zum einen wollen sie die Lieferkette ihrer Smartphones offenlegen und Arbeitsbedingungen entlang der Kette verbessern.
  • Zum anderen wollen sie dem Handy in einem Kreislauf von (Eigen-)Reparatur und Recycling zu längerem Leben zu verhelfen.
Von Moritz Zajonz

Wir haben es geschafft, viele Dinge des täglichen Lebens fair zu produzieren. Es gibt T-Shirts aus Bio-Baumwolle und Fairtrade-Kaffee, aber wir schaffen es nicht, den Alltagsgegenstand fair und nachhaltig herzustellen, der für viele Menschen der wichtigste ist: das Smartphone.

Die Produktion von Handys ist ein dreckiges Geschäft. Oft werden sie unter brutalen Arbeitsbedingungen in chinesischen Fertigungshallen zusammengebaut. Bei der Verarbeitung seltener Erden, die in Touchscreens und Vibrationsmotoren stecken, entsteht radioaktives Abwasser. Für die Produktion wichtige Rohstoffe wie Zinn und Tantal sind die neuen Blutdiamanten, die Kriege von Warlords im Kongo finanzieren.

Die Arbeit in den Minen ist gefährlich: "Die Arbeitsbedingungen im handwerklichen Bergbau im Kongo sind sehr bedenklich", sagt Gudrun Franken, Arbeitsbereichsleiterin für Bergbau und Nachhaltigkeit in der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe. Die mit einfachem Gerät gegrabenen Schächte seien gefährlich. Durch Steinschlag würden Arbeiter verletzt oder sogar getötet. Trotzdem machen viele den Job: "Die Menschen verdienen dort ein Vielfaches im Vergleich zur Landwirtschaft."

Wo also ansetzen, um die problematischen Konsequenzen des Smartphone-Baus zu reduzieren? Zum Beispiel bei der Lieferkette. Die sind bei Elektronik-Produkten komplex und oft undurchsichtig. Um die Arbeitsbedingungen entlang der Kette zu verbessern, wäre erst einmal Transparenz nötig: Hersteller müssen wissen, woher Zulieferer die Rohstoffe beziehen, aus denen sie die Einzelteile bauen. Nur dann können sie überhaupt Verbesserungen vorantreiben.

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Das versucht zum Beispiel das Unternehmen Fairphone aus den Niederlanden, indem es Partnerschaften mit chinesischen Zulieferern eingeht, etwa damit Arbeiter einen Stellvertreter wählen können. So sollen diese mehr Einfluss auf ihre Arbeitsbedingungen nehmen können. Momentan arbeiten sie unter anderem zusammen mit dem Better Cobalt Programm daran, Kobalt-Minen im Kongo als "ethisch vertretbar" zertifizieren zu lassen.

Mit der Leistung aktueller Spitzen-Modelle von Apple oder Samsung können die bisherigen Modelle fairer Smartphones nicht mithalten, aber das wollen sie auch nicht. Sie bewegen sich mit ihren Geräten im oberen Mittelfeld, was angesichts der geringen Erfahrung der Anbieter bemerkenswert ist.

Neben den Bedingungen in der Lieferkette ist auch der Smartphone-Markt an sich ein Problem. Er ist ein lineares System: Ein Hersteller produziert ein Gerät, der Verbraucher kauft es, benutzt es, schmeißt es weg und kauft sich ein neues. Für jedes weggeworfene Smartphone muss ein neues produziert werden, alle Rohstoffe und noch funktionierenden Teile im alten Gerät sind mehr oder weniger verloren. 2017 wechselten die Deutschen ihr Handy einer Untersuchung der Marktanalysten von Counterpoint Research zufolge alle 21 Monate, was im weltweiten Durchschnitt liegt.

Erik Hansens Traum ist der Smartphone-Kreislauf. Er will aus dem linearen Produktionssystem ein ringförmiges machen. Er leitet an der Johannes Kepler Universität Linz das Institut für Integrierte Qualitätsgestaltung und forscht an der Leuphana Universität in Lüneburg im Innovationsverbund Nachhaltige Smartphones. So soll es gehen: Funktioniert ein Gerät nicht mehr, lässt der Kunde es zum Beispiel über den Hersteller reparieren oder recyclen, statt es wegzuwerfen. Als Ersatz kann er dann nicht nur ein neues Gerät kaufen, sondern direkt beim Hersteller auch ein gebrauchtes oder wiederaufbereitetes Gerät.

Für Hansen hat das viele Vorteile: "Die Smartphones können länger verwendet werden, was dazu führt, dass weniger Rohstoffe und weniger Energie verbraucht werden. Durch dieses System werden Arbeitsplätze geschaffen, da Hersteller für Dienstleistungen wie Reparaturen mehr Personal einstellen müssen."

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Die Lieferkette kontrollieren, die Geräte wiederverwenden: Diese beiden Strategien verfolgt neben Fairphone auch der Hersteller Shift aus dem hessischen Falkenberg. Ist ein Gerät nicht mehr zu reparieren, übernimmt Shift das Zerlegen des Geräts selbst und gibt nur kaputte Teile zum Recycling weiter an Partnerunternehmen, die sie umweltgerecht entsorgen. Dadurch kann es noch funktionstüchtige Einzelteile verwenden, um andere Shiftphones am Leben zu erhalten. Damit sie das tun können, müssen die Geräte bei ihnen landen - und nicht im Müll oder einer Schublade. Als Motivation dafür soll ein Gerätepfand dienen, das die Käufer wiederbekommen, egal in welchem Zustand sich ihr Shiftphone befindet.

Fairphone beschäftigt sich neben der Verbesserung der Lieferkette unter anderem mit effektiveren Recycling-Methoden, arbeitet für die praktische Umsetzung aber ebenfalls mit Partnerunternehmen zusammen. "Recycling ist gerade bei Elektronikprodukten sehr aufwendig - dazu braucht man hoch spezialisierte industrielle Anlagen", sagt Fabian Hühne, PR Manager von Fairphone.