Musik aus München:Addieren, subtrahieren, modellieren

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Musik aus München: Sogar das Bandfoto strebt bei diesem Duo in Richtung Abstraktion: Florian König (links) und Simon Popp sind "9ms".

Sogar das Bandfoto strebt bei diesem Duo in Richtung Abstraktion: Florian König (links) und Simon Popp sind "9ms".

(Foto: Johannes Brugger)

Das Münchner Schlagzeug-Duo "9ms" liebt experimentelle Töne und stellt sein neues Album "II" im Deutschen Museum beim "Festival der Zukunft" vor.

Von Jürgen Moises, München

Im Video zu "Bobby" sieht man Simon Popp und Florian König als Avatare. Zumindest sehen die beiden Schlagzeuger so aus. Das heißt, man sieht sie als digital verfremdete Figuren an ihren Instrumenten sitzen. Sie selbst bewegen sich dort nicht, sondern nur die Kamera, die sich mal langsam und mal schnell um sie herum dreht, mal zoomt oder in die Totale geht. Und man hat insgesamt eher das Gefühl, eine abstrakte Skulptur als zwei Musiker bei der Arbeit zu betrachten. Zur Musik passt das recht gut. Denn was die beiden Münchner als Duo unter dem Namen 9ms auf ihrem schlicht mit "II" betitelten zweiten Album machen, das hat etwas von Klangskulpturen. Hier wird addiert und subtrahiert, hier werden Klänge auf- und abgeschichtet. Sie werden bearbeitet und moduliert. Die elektronischen Effekte werden dabei aber nie zum Selbstzweck.

Diese Art der Klangforschung haben der auch bei der Jazz-Formation Fazer trommelnde Simon Popp und der unter anderem als Live-Schlagzeuger von Cro bekannt gewordene Florian König bereits im vergangenen Jahr auf ihrem Debütalbum "Pleats" betrieben. Auf dem abermals beim spannenden, jungen Münchner Jazz- und Elektronik-Label Squama erschienenen Nachfolger "II" führen sie das Ganze nun konsequent fort. Dass sie sich dabei tatsächlich fast eher als Experimentatoren denn als Musiker verstehen, zeigt auch das Cover, das komplett auf jeden Eyecatcher verzichtet. Stattdessen wird wie auf einem "Factsheet" oder "Waschzettel" die "generelle Info" darüber aufgelistet, welche Mikrofone, modularen Synthesizer, Kompressoren, Sensoren, Pickups, Snares, Glocken, Gongs, Bongos oder Shaker bei den Aufnahmen benutzt wurden.

Für die Titel reicht mit "Lavo", "Marine", "Bobby" oder "Dohle" je ein Wort. Da lässt sich nichts interpretieren, nichts hinein psychologisieren. Hier zählen nicht die Individuen, sondern die Rhythmen, die mit ihren Anleihen bei Krautrock, Dub, Trip-Hop oder auch der asiatischen Musik trotzdem etwas über ihre Urheber verraten. Wenn sich wie bei "Marine" oder "Sarei" eine Maschinerie aus wirbelnden, treibenden Snares, Glocken oder Gongs in Gang setzt, hat das etwas von indonesischer Gamelan-Musik. "Mink" ist geprägt von dunklen, kräftigen Schlägen, wie das Stampfen aus einer Schattenwelt. Die transponierte Handtrommel im forsch voranschreitenden "Dohle" erinnert wiederum an ein Saiteninstrument.

Auch ohne Gesang, Gitarre oder Bläser sind die acht Stücke sehr abwechslungsreich, aber auch weit jenseits des Hit-Radios. Eine gewisse Eingewöhnungszeit sollte man mitbringen. Wohl wegen ihrer experimentellen, forschenden Natur oder vielleicht, weil das sehr atmosphärische und ruhige Stück "Ada" etwas "Spaciges" hat, sind 9ms zum "Festival der Zukunft" im Deutschen Museum eingeladen. Dort geht es drei Tage lang um "Ideen und Technologien für eine bessere Zukunft". 9ms treten am 23. Juli um 20.30 Uhr zusammen mit dem Lichtkunst-Duo Lichtgestalten kostenlos im Streaming-Dome auf, dem ehemaligen Planetarium.

9ms: II (Squama Records); live am Sa., 23. Juli, 20.30 Uhr, "Festival der Zukunft", Streaming-Dome des Deutschen Museums, Museumsinsel 1, www.festivalderzukunft.com

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