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Album "Pleats" von "9ms":Mit sanfter Maschinenhilfe

Das Debütalbum "Pleats" der Münchner Band "9ms"

Von Jürgen Moises

Wenn Mensch und Maschine aufeinandertreffen, dann geht das, wie wir aus Filmen wie "Terminator" wissen, nicht immer gut aus. Wobei man deren Verhältnis hier im dialektischen Sinne von Herr und Knecht denkt, verbunden mit Unterdrückung und Konfrontation. Dass es auch anders geht, im Sinne eines spielerischen Umgangs, zeigt das Debütalbum "Pleats" von 9ms. Hier sind es die Münchner Schlagzeuger Simon Popp und Florian König, die mittels analoger und elektronischer Schallwandler, Magnetfeld- und Infrarotsensoren mit unterschiedlichen Echo- und Hallgeräten, Effekten und einem monofonen Synthesizer interagieren. Das Ergebnis sind sieben Instrumentalstücke, die sich in einem stilistisch weiten Feld irgendwo zwischen Krautrock, World und Minimal Music bewegen.

"Pleats" bedeutet auf Englisch Falten oder Bundfalten. Und über "Bundfalten" heißt es, dass durch diese mehr Bewegungsfreiheit und eine großzügigere Weite entstehen. Bei 9ms ergibt sich die Freiheit und Weite durch die erwähnten Klangwandler und Sensoren, welche die analogen Schlagzeug-Sounds durch elektronische Texturen ergänzen oder modulieren. Ein Spiel über elektronische Bande, das live auf der Bühne keine Instrumentenwechsel, keine Unterbrechung braucht und dadurch organisch und im Flow bleibt. Und tatsächlich wurden die Stücke von Popp und dem unter anderem auch für Cro und Lena Meyer Landrut trommelnden König "live" im holzverkleideten Saal eines Gasthauses in den bayrischen Alpen eingespielt.

9ms Band

Loten als 9ms musikalische Grenzen neu aus: die Münchner Simon Popp (links) und Florian König.

(Foto: Manuel Nieberle)

Trotz der Effekte wirkt das Ganze niemals künstlich oder überladen. Im Gegenteil: Hier ist alles Rhythmus und vom Schlagzeug her gedacht. So beginnt denn auch der Opener "Tome" eher tastend, während in Hintergrund leise ein ambient-artiger Ton schwingt. Auch "Kii" fängt dezent mit leiser Percussion an. Man hört Gongs, die fernöstlich anmuten, und einen Bass-Sound, der räumliche Tiefe schafft. Bei "Carla" wird es jazzig-rockiger, vertrackter und in "Rosi" geht es sanft schwingend durch den Echoraum. Die Uptempo-Nummer "John" überrascht mit kräftigen Grooves, das ruhige "Carom" mit einer Vielfalt an Percussion-Klängen und in "Joan" geht es wieder etwas deftiger im Krautrock-Modus Richtung Ausgang.

Erschienen ist "Pleats" Ende Februar beim jungen Münchner Label Squama, das 2019 vom Musiker und Produzenten Martin Brugger und dem Designer Maximilian Schachtner gegründet wurde. Vor dem Debüt von 9ms, was man als "neun Millisekunden" ausspricht, kam dort neben Alben von Paul Brändle oder Fazer unter anderem auch das Debüt von Simon Popps Soloprojekt Popp heraus. Insgesamt steht Squama für eine Gruppe junger Musiker, die in verschiedenen Projekten die Grenzen zwischen Jazz, Pop, Disco oder Weltmusik auf spannende Weise neu ausloten. Und genau das ist es, was Popp und König mit sanfter Maschinenhilfe auch hier auf "Pleats" tun.

9ms: Pleats (Squama), digital und auf Vinyl erhältlich über squamarecordings.bandcamp.com

© SZ vom 12.04.2021/van
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