Musik aus München:Im Rhythmus der Göttin

Musik aus München: Simon Popp hat für jedes Stück ein eigenes Drumset aufgebaut.

Simon Popp hat für jedes Stück ein eigenes Drumset aufgebaut.

(Foto: Manuel Nieberle)

Simon Popp hat sich als Jazz-Schlagzeuger einen Namen gemacht. Auf seinem neuen Solo-Album vereint er Percussion-Kunst und Weltmusik-Klänge. Wegweisend waren Lehren aus dem Hinduismus.

Von Jürgen Moises, München

Licht und Schatten. Gut und Böse. Die Welt besteht aus Dualismen. Selbst alles Digitale ist auf dem Gegensatz von Nullen und Einsen aufgebaut. Im Hinduismus sieht man das an der Göttin Devi, die für das Schöpferische, den Urgrund allen Daseins steht, gleichzeitig aber in schrecklichen Erscheinungsformen auftritt. So ist etwa im "Devi Bhagavata Purana" davon die Rede, dass Devi Tausend Köpfe hat und ihre Zähne das Universum zermahlen. Das alles muss man nicht wissen, wenn man sich das zweite Soloalbum "Devi" des Münchner Schlagzeugers Simon Popp unter dem Künstlernamen Popp anhört. Aber dass die Göttin "eine wohlwollende, weichere und eine dunkle, unheimliche" Seite hat, das passe, sagt der Musiker in einem Statement, als Beschreibung doch sehr gut zu seinem Album.

Was der Titel ebenfalls aufzeigt, ist, dass sich Popp hier wie schon auf seinem vor zwei Jahren erschienen Debüt "Laya" musikalisch weit hinaus wagt. Percussion-Instrumente wie Balafon, Kalabasse, Steel Drum, allerhand Glocken oder Klangschalen weiten den Raum nach Afrika, Indien oder in die Karibik aus. Aber ohne dass es folkloristisch, gewollt exotisch oder gar esoterisch klingt. Denn Popp, der in München Jazz-Drums studiert hat und zu dessen weiteren Projekten das Jazzquintett Fazer und das Schlagzeug-Duo 9ms gehören, hat nicht nur für jedes Stück ein eigenes Drumset aufgebaut. Er hat bei den Aufnahmen auch mit Mitteln wie Hall-Kontrolle, Tonhöhen-Variation und "Limitern" gearbeitet.

Dadurch haben die acht Instrumentalstücke einen sehr modernen Vibe. Und ein Stück wie der Opener "Pingo" könnte trotz seiner anspruchsvollen Polyrhythmik sogar auf dem Dancefloor funktionieren. Das meditative "Gunle" lässt mit seiner ebenfalls vertrackten Rhythmik und gleichzeitig sehr eingängigen Klangschalen-Melodie an südostasiatische Gamelanmusik denken. Ähnlich ist es bei "Holort", das in der zweiten Hälfte einen atmosphärischen Ambient-Touch entwickelt. Das flotte "Jilu" dockt gefühlt an Genres wie Jungle oder Drum'n'Bass an, "Xolotl" hat etwas von komplexer afrikanischer Rhythmik und mit "Higlehasn" klingt das Album wieder vergleichsweise meditativ aus.

Insgesamt erweist sich "Devi" als höchst abwechslungsreich und vielstimmig. Und genauso wie bei Popps Debüt oder seinem Projekt 9ms ist beeindruckend, wie das alles wirklich vom Schlagzeug her gedacht und entwickelt ist. Das heißt ohne dass Popp etwa "krampfhaft" Saiten- oder Tasteninstrumente einbaut, um den Radius zu erweitern. Nein, auch so entsteht eine vielfältige Klangwelt, die ihre Stärke gerade daraus schöpft, dass sie sich zwischen Jazz, Pop oder Weltmusik bewusst nicht klar verortet. Und genau das macht Simon Popp zu einem der derzeit spannendsten Münchner Schlagzeuger.

Popp: "Devi", erschienen bei Squama, simonpopp.bandcamp.com

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