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Hochschulen in München:Das Studium verlagert sich ins Internet

Mit Abstand hätten im Audimax nur 78 statt 800 Leute Platz gefunden.

(Foto: Stephan Rumpf)

Die LMU will im Wintersemester Präsenz-Veranstaltungen nur in Ausnahmefällen zulassen. Die TU verzeichnet einen Einschreiberekord, viele Studierende werden sich aber vom Ausland aus in die Vorlesungen zuschalten.

Von Sabine Buchwald

An den beiden großen Münchner Universitäten beginnt nun offiziell das Wintersemester. Ein Semester, an dem für Studierende und Dozenten vieles anders laufen wird als im Jahr zuvor. Absehbar ist, dass überwiegend digital gelehrt werden wird. Coronabedingt wurde der Start an der Ludwig-Maximilians-Universität (LMU) und der Technischen Universität München (TUM) um zwei Wochen nach hinten verschoben. Statt Kappen oder Baumwolltaschen mit den Logos der Unis werden in diesem Jahr zur Begrüßung der Erstsemester Mund-Nase-Masken verschenkt.

Da man sich noch bis in den November hinein immatrikulieren kann, gibt es derzeit noch keine exakten Zahlen. Aber es lassen sich Tendenzen ablesen: An der TUM steigt die Zahl der Studierenden, an der LMU sinkt sie leicht ab.

Die TUM hat in diesem Wintersemester so viele Studentinnen und Studenten wie noch nie. Das liegt mit daran, dass die Universität ihre Standorte außerhalb Münchens ausbaut und dort mit neuen Studiengängen lockt. In Straubing beispielsweise sind das der Bachelorstudiengang "Biogene Werkstoffe" oder der Masterstudiengang "Bioeconomy".

Gut 14 000 Studenten haben sich neu an der TUM eingeschrieben. Insgesamt liegt die Zahl nun bei 44 000 an den Campus in der Arcisstraße, in Garching, Freising, Straubing und Heilbronn, dem ersten deutschen Standort der TUM außerhalb Bayerns. Mit 7200 Erstsemestern beginnen etwa so viele junge Leute ihr Bachelor-Studium wie im Jahr zuvor. Die Zahl der Masterstudierenden im Erstsemester ist um 17 Prozent gestiegen. 5600 jungen Leute haben sich dafür eingeschrieben.

Erstmalig kommen mehr als die Hälfte der Master-Erstsemester aus dem Ausland. Viele Studenten aus Übersee müssen sich allerdings aus ihren Heimatländern online dazu schalten, da sie aktuell nicht nach Deutschland einreisen können. Die Immatrikulationen seien ein tausendfacher Beweis des Vertrauens in die TUM, dass sie auch in der derzeitigen Lage hervorragende Studienbedingungen und einen gewissenhaften Umgang mit der Pandemie anbiete, interpretiert Präsident Thomas Hofmann die positiven Zahlen.

Mal mehr, mal weniger „Erstis“

Die Hochschule München (HM) hat bereits Anfang Oktober begonnen. Dort zählt man etwas mehr als 4900 Studienanfänger. Bei den Bachelorstudiengängen gibt es drei Prozent weniger als im Jahr zuvor, aber mehr Bewerbungen für die Masterstudiengänge. Grund dafür könnte die aktuelle Situation auf dem Arbeitsmarkt sein, spekuliert die HM. An der Bundeswehr-Uni in Neubiberg wurden 1000 neue Studierende zugelassen. Nach anfänglichem Präsenzbetrieb wird dort nun nur noch digital unterrichtet. An der Hochschule für Philosophie gibt es über 610 Studierende - so viele wie noch nie. Etwa so hoch ist die Zahl an der Katholischen Stiftungshochschule in Haidhausen und Benediktbeuern. An der Kunstakademie sind 150 Erstsemester gestartet. Insgesamt studieren dort 800 junge Leute. Dort hofft man, die Ateliers offen halten zu können. bub

An der LMU zählt man gut 51 500 Neuanmeldungen und Rückmeldungen. Das ist nicht ganz die Zahl vom Vorjahr. Erstsemester erwarte man nach derzeitigem Stand 8000, 2019 seien es etwa 1000 mehr gewesen. Der Anteil von Studierenden aus dem Ausland liege unverändert bei 17,7 Prozent bezogen auf die absoluten Zahlen. Die Medizin sei hochattraktiv geworden, erklärt Vizepräsident Oliver Jahraus, zuständig für die Lehre. Hier werden nun 900 Studierende mit dem ersten Semester beginnen. Beworben hatten sich deutlich mehr.

An beiden Universitäten hat man sich den Sommer über intensiv Gedanken über die Vorgaben aus dem Wissenschaftsministerium für Präsenzunterricht gemacht. Man hat Sitzplätze in Lehrsälen gezählt und sich ein Leitsystem überlegt, damit die Menschen möglichst gut aneinander vorbeikommen. An der LMU stellte man fest, dass gemäß den Abstandsregeln etwa im Audimax des Hauptgebäudes nur 78 statt 800 Leute Platz nehmen könnten. Die TUM hat Zelte als Ersatz für Hörsäle aufgestellt. Durch die just zum Studienbeginn geltenden neuen Corona-Maßnahmen werden viele Überlegungen nun hinfällig. "Sie zwingen uns jetzt zu einer klaren Entscheidung", sagt Jahraus.

Es werde Präsenzveranstaltungen nur in Ausnahmen geben, zum Beispiel bei den Medizinern, die für praktische Übungen ins Labor dürfen. "Die Universitäten hätten schneller eine klare Linie benötigt, als deutlich wurde, dass die vom Wissenschaftsministerium im Sommer gemachten Vorgaben nicht umzusetzen sind", kritisiert er. Mit der Ankündigung, das Wintersemester 2020/21 werde ein Hybridsemester, hat Wissenschaftsminister Bernd Sibler Erwartungen bei den Studierenden geweckt, die nun kaum erfüllen werden können.

Wohlweislich hat die LMU ihre traditionelle, für alle offene Ringvorlesung diesen Herbst gleich als virtuelle Veranstaltung geplant und "Corona Lectures" getauft. Einwählen kann sich dazu jeder über die LMU-Webseite. "Mit den "Corona Lectures" wollen wir ein Zeichen in der aktuellen Diskussion rund um Corona setzen", sagt Jahraus, der die neunteilige Reihe moderiert. Geladen sind LMU-Wissenschaftler aus unterschiedlichen Bereichen, die über ihre Forschung berichten werden. Den Auftakt macht Oliver Keppler, Inhaber des Lehrstuhls für Virologie am Max von Pettenkofer-Institut, am Dienstag, 17. November, zum Thema "Im Bann der Pandemie - Lösungsansätze aus Sicht eines Virologen".

Besonderer Fokus gilt an allen Hochschulen den Erstsemestern, damit sie sich in die neue Situation möglichst rasch einfinden. Oder überhaupt erst ihren Weg über das Uni-Gelände finden. Die LMU hat dazu die "O-Phase App" entwickelt. Initiationsspielchen, wie sie etwa in England oder Belgien stattfinden, sind hierzulande selten üblich. Zur Kontaktaufnahme werden unter normalen Umständen von den Fachschaften in der ersten Woche meist Partys und Treffen veranstaltet. Seit einigen Jahren gibt es am ersten Tag auch eine mehrstündige Veranstaltung in den Hauptgebäuden. In der Vergangenheit standen die Neulinge dabei dicht an dicht.

In diesem Jahr haben LMU und TUM ein Online-Programm vorbereitet. Nun werden Tausende Studierende vor ihren Rechnern sitzen und die Willkommensworte der Präsidenten hören. An der LMU läuft die Übertragung der Videobotschaften von 16 bis 20 Uhr, eingebettet in Livemusik aus dem Club Harry Klein. "Unsere Botschaft an die Studierende ist: Ihr seid herzlich willkommen, auch wenn ihr nicht physisch anwesend seid. Wir sind froh, dass ihr bei uns seid, wir sind für euch da", sagt Jahraus. An der TUM ist die virtuelle Veranstaltung kompakter. Sie läuft von 15 bis 16.30 Uhr. Präsident Hofmann nimmt die "Erstis" mit auf einen Rundgang durch die Gebäude und unterhält sich mit TUM-Studierenden über "The Future of Learning". Alles auf Englisch.

© SZ vom 02.11.2020/imei/flud
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