Kommentar:Fatales Gerede vom Hybridsemester

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Die Universität ist ein Ort mit täglich neuen Massenveranstaltungen. Eine klare Ansage aus dem Wissenschaftsministerium in Richtung Online-Lehre hätte allen Beteiligten viel Mühe erspart.

Von Sabine Buchwald

Erhofft hatten sich das viele Studierende noch kurz vor Beginn dieses Wintersemesters: Vorlesungen im Hörsaal, persönlicher Austausch mit Dozenten, Kennlern-Treffen mit Kommilitonen. Ein normales Studentenleben eben. Das wird es vorerst nicht geben, das ist nun klar. Die Ersti-Woche wird ohne Partys vorübergehen, das Wintersemester wohl kein "Hybrid" aus Präsenz- und Online-Unterricht, wie es Wissenschaftsminister Bernd Sibler monatelang zuversichtlich angekündigt und noch vor einer Woche bei einer Pressekonferenz zum Semesterstart davon gesprochen hatte. Er hatte es den Hochschulen überlassen, wie sie diese kühne Vorgabe umsetzen.

Das war eine Fehleinschätzung, die die Hochschulen Kraft gekostet hat. In den vergangenen Monaten haben sie viel Zeit darauf verwendet, Konzepte auszuarbeiten, die nun nicht mehr taugen. Sie wollten vorbereitet sein für den Fall, dass die Zahl der mit dem Coronavirus Infizierten auch ohne Impfstoff im Herbst niedrig bleibt. Wider besseres Virologen-Wissen sollten und wollten sie so viel Präsenzlehre wie möglich bieten. Man hat Sitzplätze in Hörsälen ausgezählt, Abstände gemessen, Raumbelegungspläne immer wieder umgeschrieben und Lehrende in Risikogruppen eingeteilt. Professoren fragten sich, wie sie selbst, aber vor allem die Studierenden etwa zwischen einer Video-Vorlesung am Schreibtisch und einem Hörsaal pendeln können. Per Teleportation, wäre wohl die beste Antwort gewesen. Manche Dozenten verzweifelten fast, weil sie nicht wussten, in welcher Form sie ihre Veranstaltungen planen sollten.

Natürlich wäre mehr Präsenz-Lehre wünschenswert, eine Universität braucht den unmittelbaren Kontakt. Realistisch aber war das alles nicht. Die Universität ist keine Schule, wo immer dieselben Menschen zusammentreffen. Sie ist ein Ort mit täglich neuen Massenveranstaltungen. Eine klare, vorausschauende Ansage aus dem Ministerium in Richtung Online-Lehre hätte allen viel Mühe erspart. Und die Studierenden? Die hocken jetzt in ihren Zimmern, dürfen weder Cafés noch Kneipen betreten. Vielen geht der Nebenjob und somit die Existenzsicherung verloren. Immerhin bleiben die Uni-Gebäude und die Bibliotheken vorerst offen, so dass man dort ein warmes Studiereckchen finden kann.

Besonders hart aber trifft es die Erstsemester. Wer sich erinnert, wie erhebend es ist, zum ersten Mal in einem Hörsaal zu sitzen, wird mitfühlen mit ihnen. Aber, und das sollten sich alle Studierenden sagen: Wer gesund bleibt, kann lernen. Und auf das, was man weiß, kann man eine Zukunft bauen.

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