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Anonyme Beratung:Wo Studierende ein offenes Ohr für ihre Sorgen finden

Das Angebot der Nightline ist niedrigschwellig: Die Nummer ist schnell gewählt, Anrufer können anonym über ihre Probleme reden. Illustration: Dennis Schmidt

Angst vor Seminararbeiten, Stress in der WG, ein leerer Geldbeutel: Immer mehr junge Menschen holen sich Beistand - etwa bei der Nightline, einem Hilfetelefon von Studierenden für Studierende.

Verschwiegenheit ist eine ihrer Stärken. Er, Student der Technischen Universität (TU), Sie, Studentin an der Ludwig-Maximilians-Universität (LMU), wollen eigentlich nicht darüber sprechen, warum sie alle paar Wochen erst nach Mitternacht zu Hause sind. Während der Vorlesungszeit. Kaum einer ihrer Freunde wisse, was sie an diesen Abenden machen, sagen sie. Aber weil sie möchten, dass die "Nightline" noch bekannter wird, wollen sie darüber sprechen, doch anonym bleiben. Die Nightline ist das Hilfetelefon von Studierenden für Studierende. Eine Einrichtung, die es in München nun seit zehn Jahren gibt. Immer dienstags und donnerstags von 21 bis 0.30 Uhr ist das Telefon besetzt.

Wer die Nummer der Nightline wählt, muss keinen Namen nennen und auch keine persönlichen Details preisgeben, aber er kann erzählen, was ihn bedrückt. "Wir bieten ein offenes Ohr", sagt die LMU-Studentin, die hier Lara Weiß heißen soll. Wenn sie abends ihren ehrenamtlichen Dienst antritt, weiß sie nie, mit welchen Themen sie konfrontiert wird. Die häufigsten Probleme haben etwas mit dem Studium zu tun, sagt sie. Es kann die Abgabefrist für die Seminararbeit sein, die sich wie eine existenzielle Bedrohung anfühlt. Oder der Streit in der Wohngemeinschaft, der jemanden nicht mehr schlafen lässt. Stress im Freundeskreis, ein permanent leeres Konto, schlechte Bewertungen, Kummer mit der Liebe - die Konflikte sind vielfältig.

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Oft fühlten sich Studierende unter Druck, weil sie ihren eigenen Ansprüchen nicht genügen, sagt der TU-Student, der hier Peter Kerl genannt werden soll. Er ist seit Mai 2019 bei der Nightline, weil er "etwas Zusätzliches zum Studium machen wollte, was ihn erfüllt", erzählt er.

Weiß hat schon 2017 angefangen, inzwischen ist sie im Vorstand des Vereins. Sie wolle nach dem Studium im sozialen Bereich arbeiten, sagt sie. Ihr Engagement sieht sie aber nicht als Vorbereitung auf den Beruf, eher als Bereicherung im Alltag. "Lieber sich im kleinen Kreis einbringen, als sich über große Sachen aufregen", lautet ihr Credo. Schlimm sei für sie das Gefühl der Ohnmacht, dass sie vielleicht nicht helfen konnte. Dann gehen ihr die Gespräche noch lange nach. Genau wissen die Helfer am Telefon nie, ob sie dem Anrufer einen Lösungsweg aufzeigen konnten. Auch wenn ein Gespräch eine Stunde oder länger gedauert hat, verschwindet er mit nur einem Klick wieder in der Anonymität.

Die Anmeldungen zur Erstberatung steigen jährlich

Alle Nightliner werden geschult, bevor sie ans Telefon dürfen. Prinzipiell verbringen sie den Abend zu zweit, Neulinge immer mit der Unterstützung eines erfahrenen Kommilitonen. Sie sollen lernen, in "nicht direktiver Weise" zu sprechen, das heißt keine Ratschläge zu geben. Vor allem aber sollen sie zuhören. "Man muss Stille aushalten können", sagt Kerl, der ruhig und unaufgeregt wirkt. Die Lösung müsse von der Person selber kommen. Wenn zu spüren sei, dass jemand depressiv ist, gar darüber nachdenkt, sein Leben zu beenden, werde mit Nachdruck auf professionelle Beratungsstellen verwiesen und werden Telefonnummern weitergegeben. Niemand soll das Gefühl bekommen, "sein Anliegen sei unwichtig", sagt Weiß.

Alle ein bis zwei Semester treffen sich die Mitarbeiter von Nightline zur Supervision, wo sie gemeinsam über ihre Erlebnisse sprechen können. Bei regelmäßigen Treffen kommen Vertreter der deutschsprachigen Initiativen zusammen, sogar über die österreichischen und Schweizer Grenzen hinweg. Das Konzept stammt aus England, dort formierte sich bereits im Jahr 1972 am St. Anne's College in Oxford eine Nightline als "listening, support and information service".

Das Münchner Team besteht derzeit aus 40 Studierenden aller Universitäten, gut 30 sind aktiv dabei. Es könnten mehr sein, sagt Weiß, weil mit jedem Semesterende Leute die Uni verlassen. Administrativ unterstützt werden die lokalen Nightlines durch den Verein "Förderinitiative Nightlines Deutschland", finanziert werden die Initiativen von der Nightline-Stiftung. Sie wurde im August 2017 als Verbrauchsstiftung mit jährlichen Ausschüttungen ins Leben gerufen. Ihr geringes Budget gehe überwiegend für Werbung und Schulungen drauf, sagt Weiß. Sie hätte gerne ein bisschen mehr Geld zur Verfügung, etwa um mal als Dankeschön ein Pizzaessen für die Mitarbeiter organisieren zu können.

Dass Beistand während des Studiums gefragt ist, belegen die Zahlen der Psychotherapeutischen Beratungsstelle des Studentenwerks. Dort arbeitet man mittlerweile mit acht Psychologen und zwei Ärzten. Denn immer mehr Studierende nehmen das Angebot in Anspruch. Die Anmeldungen zur Erstberatung steigen jährlich um etwa zehn Prozent. Mit Prüfungsangst, Lern- oder Schreibschwierigkeiten, Beziehungsprobleme bis hin zu Angststörungen und Depressionen seien er und seine Kollegen konfrontiert, sagt Evangelos Evangelou, seit Mai 2019 Leiter der Beratungsstelle. Zwei bis drei Wochen dauert es etwa, dort einen Termin zu bekommen.

Schneller geht es bei der sogenannten Mobilen Beratung. Meist innerhalb weniger Tage findet die Pädagogin Klara Schuster eine Lücke in ihrem Terminkalender, kommt zu einem Treffen ins Wohnheim oder in ein Café. Evangelou findet Angebote wie die Nightline gut, weil sie niederschwellig seien. Die Hürde, um professionelle Hilfe zu bitten, sei höher als in den Abendstunden eine Nummer ins Telefon zu tippen. Doch da wie dort gibt es ein Ohr, das zuhören kann.

Nightline München: Telefon 35 71 35 71, dienstags und donnerstags von 21 bis 0.30 Uhr, www.nightline-muc.de; Psychotherapeutische Beratungsstelle des Studentenwerks, Telefon 35 71 35 40, Montag bis Freitag von 9 Uhr bis 12 Uhr.

© SZ vom 22.01.2020/wean
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