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Münchner Spaziergang:"Sieht fast normal aus"

Die Alte Utting in München.

Ein Bier auf der Alten Utting, das ist nun wieder möglich. Allerdings nur, wenn man Name, Telefonnummer und Zeit des Besuchs auf einem Zettel hinterlässt.

(Foto: Catherina Hess)

Aber: Ob beim fröhlichen Essen auf der Alten Utting oder beim Anstehen für die Lebensmittelausgabe der Tafel - auch in Sendling macht sich der Mindestabstand überall bemerkbar.

Der junge Mann am Fuß der Treppe ersetzt nun also wohl die Kontakt-Tracing-App, die der Gesundheitsminister seit Monaten ankündigt und die dann vielleicht im Jahr 2054 zur nächsten Pandemie in den App-Store kommt. Wer in den vergangenen Monaten sehnsüchtig darauf gewartet hat, wieder mal auf der Alten Utting ein Bier zu trinken, mit einem gefühlten Schiffsschaukeln unter dem Po, der kann das jetzt wieder tun, muss dafür aber erst mal an dem jungen Mann vorbei. Der Gast füllt einen Zettel aus: Name, Telefonnummer, Zeit des Besuchs. Der Mann erklärt dann die nicht unkomplizierten Regeln, man bekommt einen Tisch zugewiesen. Ihm ist anzusehen, wie er überlegt: Hab' ich was vergessen? Ach ja: beim Verlassen des Schiffs den Zettel in eine Box werfen.

Es ist dann sehr ruhig auf der Utting, sehr entspannt. Die Leute sitzen hinten im Biergarten auf den ihnen zugewiesenen Plätzen, ganz à la Aiwanger jeder Kumpel mit seinem Kumpel, mit einsfuchzig Abstand zum nächsten Kumpel mit seinem Kumpel, sogar Frauen sind da neben all den Kumpeln. Das Schiff ist ein angemessener Abschluss eines Sendling-Spaziergangs, der am Harras startet und über die Pfeuferstraße zur mächtigen Margaretenkirche führt, dann einmal um die Stemmerwiese herum. "Sieht fast normal aus" ist der Gedanke, den man immer wieder denkt, jetzt, da sich von Tag zu Tag mehr Menschen nach draußen wagen. Auf dem Bürgersteig vor dem Stemmerhof verkauft der Steckerlfischmann seine Steckerlfische.

Weiter die Lindwurmstraße hinab, dann rechts in die Daiserstraße. Jemand hat eine Waage vors Haus gestellt. Aussortiert, weil der Blick auf die Zahlen unerfreulich war nach zwei Monaten Zuhausebleibens? Verständlich wär's. Die alten Männer im Albanien-Urlaub kommen einem in den Sinn, die auf der Straße mit der Vermietung einer Waage versuchen, ein paar Groschen zu verdienen.

Vor der Trattoria an der Großmarkthalle sind alle Tische reserviert, einer - kein Witz - auf "Heulsuse". Dass auch in München in der Corona-Zeit nicht jeder daheim im kulinarischen Take-Away-Überfluss gelebt hat, davon zeugen die Eins-fünfzig-Markierungen auf dem Gehsteig neben der Großmarkthalle. Sie führen die ganze Straße entlang, um die Ecke und weiter bis fast zur Alten Utting. Hier stehen jene Menschen an, die ihre Lebensmittel von der Tafel bekommen.

© SZ vom 22.05.2020/syn
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