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Auf Raumsuche:Politik in der Manege

Ungewöhnliche Kulisse: Der Bezirksausschuss Bogenhausen tagte im Zirkus Baldoni.

(Foto: Markus Götzfried)

Wegen Corona sind der Stadtrat und viele Bezirksausschüsse heimatlos. Sie ziehen von Ort zu Ort - zwischen Alltagsbetrieb und erzwungener Skurrilität.

Von Heiner Effern, Nicole Graner und Stefan Mühleisen

In und für die Politik gibt es viele Sprachbilder, das Theater, den Zirkus, den Stammtisch, die Kakophonie, die sich lautmalerisch schlimmer anhört als sie eigentlich ist ("schlecht klingende Folge von Lauten", der Duden). Was bisher fehlt, ist das Pferdeballett. Doch in diesem politischen Jahr, das vom Virus vor sich her getrieben wird wie das ganz normale Leben, könnte sich diese Lücke schließen. Zumindest in München. Denn der Stadtrat muss mit seiner Vollversammlung nach dem Stop im Löwenbräukeller am Mittwoch im November nach Fröttmaning ziehen in den Showpalast, der einst für die Pferdeshow Apassionata erbaut wurde.

Denn Corona hat die Stadtpolitik in vielen Fällen heimatlos gemacht. Die Hygieneregeln sind streng und die nötigen Abstände in den gewohnten Sälen oft nicht einzuhalten. Gesucht sind neue Orte, die genügend Raum bieten und einigermaßen vernünftiges Tagen und Debattieren zulassen. Wenigstens ein paar Plätze sollen zudem für Gäste zur Verfügung stehen. Der neue Stadtrat wird bis Weihnachten fast alle Bilder live geliefert haben, die in der Politsprache existieren. Er tagte auch schon im Theater und im Konzertsaal, nur der Zirkus fehlt. Aber den hat schon der Bezirksausschuss (BA) Bogenhausen beigetragen.

An einem Dienstag im September saß die stellvertretende Vorsitzende Karin Vetterle (SPD) in der Manege des Zirkus Baldoni, Bänke und Stühle des BA-Vorstands waren auf der blauen Plane über sandigem Untergrund aufgebaut. Die Mitglieder hatten sich auf den Rängen verteilt, nachdem sie durch den schweren, roten Vorhang hereingekommen waren und die Bühne passiert hatten, auf der sonst die Band Trommelwirbel spielt. Sie habe unbedingt im Viertel tagen wollen, trotz Corona, sagt Vetterle, weil es nicht genügend große Räume gebe, sei es nun eben der Zirkus geworden.

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Zum Auftakt versammelte sich der Stadtrat im Deutschen Theater.

(Foto: Alexander Hassenstein/Getty Images)

Ein Erlebnis zwischen Alltagsbetrieb und erzwungener Skurrilität. Ganz normal wurde die Tagesordnung abgearbeitet. Manchmal - mitten in den oft langen Diskussionen - krähte ein Hahn, ein Pferd wieherte, Ziegen meckerten. Zirkusdirektor Anton Kaiser, der in Corona-Zeiten wegen der vielen ausgefallenen Vorstellungen auch von Sorgen geplagt ist, brutzelte persönlich Bratwürste am Grill und pries sie im Ton einer Zirkusattraktion an. Manch einer fühlte sich bemüßigt, die Sprachbilder gleich mitzuliefern, man solle sich nicht "zum Affen machen". Schon längst war es draußen dunkel und im Zelt ziemlich kalt. Als die Stadtteilpolitiker schließlich nach Hause gingen, brachten die Zirkus-Mitarbeiter gerade die Gänse in ihr nächtliches Schutzhäuschen.

Stadtratssitzung in München in Zeiten der Corona-Krise, 2020

Für die Vollversammlung wählte der Stadtrat die Philharmonie.

(Foto: Stephan Rumpf)

Was lustig klingt, ist für die Stadtpolitik mit viele Aufwand und hohen Kosten verbunden. "Die Hauptbelastung, und das ist die ständige Raumsuche und Organisation drum herum, tragen die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Verwaltung", sagt Oberbürgermeister Dieter Reiter (SPD). Mittlerweile habe sich der Stadtrat aber daran gewöhnt, dass die Vollversammlung zum Wanderzirkus wird, weil der große Sitzungssaal im Rathaus in Corona-Zeiten zu klein ist, auch wenn manche Sitzungsorte "kurios" klängen. Oder klischeehaft wie das Deutsche Theater mit einem roten Samtvorhang - der dort in der konstituierenden Sitzung symbolisch für den neuen Stadtrat aufging. Beziehungsweise auch gleich konkret und unerwartet zu, als die Fotografen von der Bühne herunter von dem mit neuen Stadträten besetzten Zuschauerraum Bilder machten. "Allgemeine Heiterkeit" vermerkt dazu das Sitzungsprotokoll nüchtern. Reiter selbst drehte sich um, lachte und merkte an. "Ich dachte schon, ich hätte etwas Falsches gesagt." Theater habe eben immer etwas mit Theater zu tun.

Für die einmalige Vorstellung des Stadtrats dort mussten die Mitarbeiter des Rathauses ein diffiziles Hygienekonzept erstellen. Alle Besucher erhielten Tickets als Platzkarten, der Zugang für Gäste war trotz des Anlasses beschränkt. Felix Sproll wurde für die Partei Volt erstmals in den Stadtrat gewählt und saß in der sechsten Reihe. "Würde heute 'Das tapfere Schneiderlein' oder 'Der Palast des Lächelns' aufgeführt, dies wäre einer der teuersten Plätze ganz vorne im Parkett", hieß es in einem Portrait der SZ über ihn.

Der BA Maxvorstadt traf sich in der Markuskirche.

(Foto: Robert Haas)

In der nächsten Vollversammlung des Stadtrats hätte das Zusehen auf seinem zugewiesenen Platz nicht mehr ausgereicht. Er hätte spielen müssen, wohl ein Streichinstrument. Er saß im Gasteig mit seinen Kollegen dort, wo in pandemiefreien Zeiten die Münchner Philharmoniker ihre Konzerte geben. Der Innenraum wurde mit Tischen, Stühlen und Mikrofonen ausgestattet. Das Licht in der Philharmonie ist und bleibt aber für andere Auftritte gemacht. "Die Scheinwerfer sind sehr hell, daher sehe ich Sie nur schemenhaft. Beim Musikmachen mag es nett sein, wenn man das Publikum nicht sieht, bei Vollversammlungssitzungen eher nicht. Bitte machen Sie sich deutlich bemerkbar", eröffnete Reiter die Sitzung.

Wer sprechen wollte, musste mit Maske zum Pult vorlaufen. Das desinfizierten Mitarbeiter der Stadt nach jedem Redebeitrag. Ohne sie wäre Politik in Corona-Zeiten noch schwieriger. In der Kirche St. Markus etwa, in der sich der Bezirksausschuss Maxvorstadt derzeit in einem weiten Stuhlkreis zur Sitzung versammelt, muss einer mit einem Mikro quer durchs Gotteshaus eilen, damit sich alle verstehen.

Stadtparteitag der Grünen mit Neuwahl der München-Chefs in der kleinen Olympiahalle wegen Corona, damit die Abstände gewahrt bleiben können

Die Münchner Grünen sind in der kleinen Olympiahalle zusammengekommen.

(Foto: Florian Peljak)

Immerhin können Stadtrat und BAs regelmäßig tagen, den Parteien ist das nicht möglich. Sie konnten zwar digitale Stadtparteitage abhalten, aber neues Personal darf nur persönlich gewählt werden. Das Problem haben und hatten diesen Herbst die Grünen, die CSU, die SPD und die FDP. Alle sollten und sollen neue Stadtchefs wählen, gelungen ist das bisher nur den Grünen. Doch diese mussten dafür die kleine Olympiahalle mieten. Dafür war ein niedriger fünfstelliger Betrag fällig. Dazu war es sogar dort enorm schwierig, für alle angemeldeten Teilnehmer einen Platz mit ausreichendem Abstand bereitzustellen. Schließlich entschlossen sich die Organisatoren, auf dem mit Rasen bewachsenen Dach der Halle Leute zwischen weiß-roten Absperrbändern zu platzieren. Der Ton wurde hinaus gesendet und die persönliche Wahlentscheidung per elektronischem Knopfdruck zurückgeschickt.

Was bei den Parteien einen einmaligen Kraftakt bedeutet, ist für Stadtrat und Bezirksausschüsse jedes Mal neu zu bewältigen. Beschlüsse dürfen auch sie nur in persönlicher Anwesenheit treffen. Ob im Konzertsaal, im Wirtshaus oder im Pferdetheater. "Der Notbetrieb ist leider zur Normalität geworden", sagt OB Reiter.

© SZ vom 21.10.2020
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