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Alternativen zum Oktoberfest:Ozapft wird überall

Sommer in der Stadt - Kettenkarussell

Unter dem Motto "Sommer in der Stadt" sind Fahrgeschäfte über ganz München verteilt.

(Foto: dpa)

Weil das abgesagte Oktoberfest eine Lücke reißt, fahren Stadt und Wirte ein Ersatzprogramm auf. Neben dem "Sommer in der Stadt" gibt es 16 Tage lang die Wirtshaus-Wiesn - aber ohne Halligalli.

Von Franz Kotteder

Ob man das Oktoberfest, wie das in der Stadt so üblich ist, nun liebt oder hasst, eines scheint klar zu sein: Die Münchner leiden in diesem Jahr unter Phantomschmerzen, was die Wiesn angeht. Die einen, weil sie nicht schimpfen können auf das ihrer Ansicht nach größte Massenbesäufnis des Planeten mit all seinen unerfreulichen Begleiterscheinungen. Die anderen, weil ihnen die Gaudi fehlt, nicht nur in den Bierzelten, sondern auch im Riesenrad oder im Toboggan, beim Dosenwerfen oder an der Mandelhütte, und weil sie den Duft der Brathendl und den Geschmack von Zuckerwatte vermissen.

Es war also durchaus abzusehen, dass sich das Bedürfnis nach Wiesnsurrogaten Bahn brechen würde nach der Absage des Oktoberfests. Der bayerische Wirtschaftsminister Hubert Aiwanger (Freie Wähler) war ja schon in seiner ersten Reaktion vorgeprescht mit dem Vorschlag, doch einfach eine abgespeckte Version der Wiesn zu veranstalten. Das war allerdings ein wenig zu vorlaut gewesen; in Corona-Zeiten dürfe man kein Risiko eingehen, hieß es sofort, einen Ersatz für die Wiesn dürfe und könne es nicht geben. Seitdem bemühen sich alle, die auch nur ansatzweise ein Ersatzprogramm zur Wiesn bieten wollen, eilfertigst zu versichern, dass es sich dabei natürlich keinesfalls um ein Ersatzprogramm zur Wiesn handelt.

Das beginnt bereits bei der Stadt selbst. Das Referat für Arbeit und Wirtschaft erfand den "Sommer in der Stadt", um den Schaustellern und Marktkaufleuten, denen in diesem Jahr praktisch sämtliche Einnahmen wegbrachen, wenigstens etwas Verdienst zu ermöglichen. An verschiedenen Plätzen und Orten der Stadt stehen nun seit zwölf Tagen Fahrgeschäfte und Buden in gebührendem Abstand und jedweden Anschein von Ballung vermeidend.

Auf der Theresienwiese - ja, sogar dort! - hat man ein paar Süßigkeitenstände großzügig übers weite Rund verteilt. Das sieht aus, als wären sie von einem Ufo willkürlich irgendwo abgesetzt worden. Dazu gibt es eine kleine Palmenallee mit Liegestühlen. Daneben hat das städtische Sportreferat ein Podest aufgebaut. Man lädt dort nach Feierabend gelegentlich zum Rudel-Turnen mit Anleitung durch Trainer. Nein, an Wiesn denkt man da eher nicht. Und am Mariahilfplatz, wo sonst dreimal im Jahr die Auer Dult stattfindet, hat man hinter Bauzäunen eine kompakte und sehr reduzierte Form des traditionellen Jahrmarkts aufgebaut, bestehend aus einem Karussell, einer Süßigkeitenbude, einer Rahmbrothütte und einem CD- und Kassettenstandl. Der Andrang scheint bisher überschaubar zu sein.

Das alles wirkt ein bisschen so, als habe - zum Vergleich - der Bauernverband aus dem ebenfalls abgesagten Zentral-Landwirtschaftsfest ein Dezentral-Landwirtschaftsfest gemacht, mit Dackel-Parade im Englischen Garten statt Zuchtstierprämierung im Zelt und Geländewagenrennen auf der Landsberger Straße statt Traktorenschau auf dem Freigelände.

Wirtschaftsreferent Clemens Baumgärtner (CSU) ist bislang "total zufrieden" mit dem "Sommer in der Stadt". An manchen Plätzen müsse man nachjustieren, aber eine normale Dult, beispielsweise, sei unter Corona-Bedingungen nicht zu haben.

Gregor Lemke winkt beinahe erschrocken ab, wenn man ihn darauf anspricht, dass er und seine Kollegen ja wohl eine Art Ersatzprogramm zur Wiesn planten. "Nein, nein", sagt der Wirt vom Augustiner Klosterwirt am Dom, "ein Ersatz soll das auf keinen Fall werden." Lemke ist der Sprecher der Münchner Innenstadtwirte, und die planen zusammen mit den Wiesnwirten, die ja fast alle auch größere Gaststätten betreiben, unter dem Signum "Wirtshaus-Wiesn" eine Veranstaltungsreihe zwischen dem 19. September und dem 4. Oktober. In jenen 16 Tagen also, in denen normalerweise die Wiesn stattgefunden hätte. Insgesamt werden um die 50 Gaststätten mitmachen, schätzt Lemke. "Die Wiesn ist kein Ort, sondern ein Münchner Lebensgefühl", sagt er, "schon 1810, beim ersten Oktoberfest, sind die Menschen nach dem Pferderennen in die Stadt gekommen, um in den Wirtshäusern zu feiern." König Max I. Joseph habe das Volk dazu eingeladen. "Ob König Markus das auch macht", witzelt Lemke, "weiß ich allerdings nicht."

Man kann wohl davon ausgehen, dass das Publikum der Wirtshaus-Wiesn seine Zeche selber zahlen darf. Dafür gibt es nicht nur Wiesnhendl, große Brezn, Steckerlfisch, Haxen, das traditionelle Wiesnbier der jeweiligen Brauerei sowie einschlägige Dekoration. Die Brauereien lassen ihre Gespanne auffahren, und zum Wiesnauftakt am 19. September werden überall Fässer angezapft. Es spielen Oktoberfestkapellen, und die Gäste werden gebeten, in Tracht zu erscheinen. Für Wirte und Personal herrscht sowieso Lederhosen- und Dirndlpflicht. Man ist mit den Trachtenverbänden noch im Gespräch, auch sie werden sich wohl irgendwie beteiligen.

Das Programm steht im Detail noch nicht fest. Peter Inselkammer, Sprecher der Wiesnwirte, sagt, man sei immer noch am Planen, wie die "Wirtshaus-Wiesn" ablaufen könnte. Die Tradition werde eine gewisse Rolle spielen, partiell könne man vielleicht auch mit dem "Sommer in der Stadt" zusammenarbeiten. Von einem Ersatz für die Wiesn will natürlich auch Inselkammer nicht sprechen: "Wir können hier ja schließlich nicht Halligalli machen." Allzu sehr ausarten dürfte die Sache schon wegen der Teilnehmerzahl nicht. Lemke spricht von "einigen tausend Gästen", verteilt auf alle Lokale. Da ist die Wiesn natürlich schon ein ganz anderes Kaliber.

© SZ vom 06.08.2020/aner

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