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Schwabing:In München muss niemand draußen schlafen

In der Schillerstraße betreibt das Evangelische Hilfswerk im Auftrag der Stadt eine neue Anlaufstelle für Arbeitsmigranten, die keine Wohnung haben.

(Foto: Stephan Rumpf)
  • Viele Menschen finden nur schwierig eine Ersatzwohnung, wenn sie ihre verlieren.
  • Rund 8600 Menschen sind in München laut Sozialreferat derzeit in städtischen Notunterkünften untergebracht.
  • Bald soll in Schwabing ein neues Beratungszentrum für Menschen ohne Wohnung eröffnet werden

München ist eine teure Stadt. Die Mieten sind hoch und es gibt nicht genug Sozialwohnungen - weshalb Menschen, die ihr Dach über dem Kopf verlieren, nur schwer Ersatzwohnraum finden und dann auf städtische Hilfe angewiesen sind. Rund 8600 Menschen sind in der bayerischen Landeshauptstadt laut Sozialreferat derzeit in städtischen Notunterkünften untergebracht, etwa 550 leben auf der Straße. "Die Zahl hat sich in den vergangenen zehn Jahren mehr als verdreifacht, bleibt aber seit drei Jahren relativ konstant", sagt Pressesprecherin Edith Petry.

Auf der Straße nächtigen muss in München dennoch niemand - für Obdachlose gibt es in der Bayernkaserne 850 Not-Übernachtungsplätze, die abends um 17 Uhr bezogen werden können und am nächsten Morgen um neun Uhr geräumt werden müssen. "Das Angebot soll den Menschen Schutz bieten", sagt Anton Auer. Schutz vor dem Erfrieren, aber auch Schutz vor nächtlichen Überfällen im Schlaf. Ins Leben gerufen wurde das Konzept 2012 als sogenanntes "Kälteschutzprogramm" für die Wintermonate, vergangenes Jahr lief es erstmals im Sommer weiter und soll nun zur Dauereinrichtung werden.

Auer ist Bereichsleiter beim Evangelischen Hilfswerk, er managt seit 20 Jahren die Wohnungslosenhilfe bei der Inneren Mission. "Man muss keine Angst haben vor Menschen, die in diesem Haus der Bayernkaserne übernachten", betont er. "Das sind ganz normale Leute wie Du und ich." Der 55-Jährige sagt das aus gutem Grund: Denn in der Destouchesstraße in Schwabing soll am 3. März ein Beratungszentrum eröffnen, das obdachlosen Menschen ein umfangreiches Hilfs- und Unterstützungsangebot gibt. Und einige Nachbarn haben bereits ihre Bedenken kundgetan, sie sorgen sich vor allem um die Sicherheit ihrer Kinder.

Er verstehe die Ängste der Anwohner, so Auer. "Aber in der Klientel gibt es nicht mehr Kriminalität als sonst in der Münchner Bevölkerung." Die meisten Menschen, die das künftige Beratungszentrum besuchten, arbeiteten tagsüber, sie verdienten nur nicht genug, um sich den Münchner Wohnungsmarkt leisten zu können. Sehr viele Deutsche seien darunter, aber auch wohnungslose EU-Bürger, die Fragen zur Arbeitssuche, zu legalen Arbeitsverträgen, zu Wohnmöglichkeiten, zur medizinischen Versorgung und zum Sozialsystem hätten. "Die Deutschen könnten auch das System der Wohnungslosenhilfe nutzen, tun es aber oft nicht, aus Scham, oder weil sie psychische Probleme haben", weiß Auer. Migranten sind oft in ihrer Heimat gemeldet, sie haben daher keinen Anspruch auf eine städtische Unterkunft.

Das Beratungszentrum "Destouches 89" in Räumlichkeiten der städtischen Wohnungsbaugesellschaft Gewofag dient der Ergänzung der bisherigen Anlaufstelle "Schiller 25". Das Haus an der Schillerstraße 25 im südlichen Bahnhofsviertel wird auch weiterhin als Clearing- und Einweisungsstelle fungieren: Wer einen Berechtigungsschein für eines der 850 Betten im Haus 12 der Bayernkaserne möchte, muss ihn sich dort holen. Die Beratung der Menschen aber soll nun vorrangig in Schwabing stattfinden, denn dafür sind die Räume an der Schillerstraße zu eng. Für vertrauliche Gespräche fehlt dort der Platz, außerdem mussten Besucher des "Schiller 25" in den vergangenen Jahren im Winter wegen des großen Andrangs für die Kälteschutzeinweisungen oft draußen auf der Straße warten.

"Wir gehen davon aus, dass der Andrang in Schwabing weniger groß sein wird als im Bahnhofsviertel", sagt Auer. Die Schillerstraße besuchten täglich an die zweihundert Menschen, schätzt er. Beim "Destouches 89" rechnet der Bereichsleiter jedoch mit nur maximal 50 Personen. Dazu sollen Gäste zählen, die lediglich ihre Post abholen wollen - denn die Anlaufstelle nahe dem Hohenzollernplatz ist gleichzeitig Postadresse für die Menschen, die ja keine feste Adresse haben. Das Evangelische Hilfswerk habe das Einweisungszentrum "ganz bewusst" am Hauptbahnhof belassen, "um die Wege kurz zu halten und Schwabing nicht zu sehr zu belasten", betont Auer. Die Destouchesstraße bleibt auch dann Beratungszentrum, wenn die Bayernkaserne voraussichtlich 2023 aufgelöst sein wird und die Schlafplätze in einem Neubau an der Lotte-Branz-Straße im Euro-Industriepark zu finden sein werden.

Montags bis freitags von neun bis 17 Uhr soll das "Destouches 89" erreichbar sein, am 25. März, von 15 Uhr an, soll es einen Tag der offenen Tür für Anwohner und Interessierte geben - "um den Nachbarn die Ängste zu nehmen und ihnen zu erklären, was hinter der Wohnungslosigkeit steckt".

© SZ vom 24.02.2020/vewo
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