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Milbertshofen/Am Hart:Drei Ärzte für fast 23 000 Kinder und Jugendliche

Kinderarzt-Versorgung im Münchner Norden. Behandlungssituation mit Kinderarzt Philip Wintermeyer und seinem Sohn Benedikt (gestellt). Racheninspektion

Etwa 3000 Patienten rechnet Kinderarzt Philip Wintermeyer in seiner Gemeinschaftspraxis im Quartal bei den gesetzlichen Krankenkassen ab. Weniger wären kaum wirtschaftlich für ihn.

(Foto: Florian Peljak)

In den ärmeren Vierteln des Münchner Nordens lassen sich nur wenige Kinderärzte nieder. Was nicht nur ein Problem ist, wenn ein Kind erkrankt.

Von Johannes Korsche

Das "wollen wir so nicht hinnehmen", schreibt Gesundheitsreferentin Stephanie Jacobs. Und meint damit die "Ungleichverteilung der Haus- und Kinderarztpraxen im Münchner Stadtgebiet". Seit Jahren sind manche Münchner Stadtteile vor allem bei den Kinderärzten chronisch unterversorgt: In Milbertshofen-Am Hart ist zum Beispiel gerade mal ein Kinderarzt niedergelassen. Im Nachbarbezirk Feldmoching-Hasenbergl sind es zwei. Drei Ärzte also für fast 23 000 Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren, die dort aufwachsen. Dabei sei eine "stabile kinderärztliche Versorgung, die wohnortnah ist," doch für alle Kinder wichtig, findet Friederike Goschenhofer vom Münchner Sozialprojekt Regsam. Von genügend Kinderärzten geht man dann aus, wenn ein Kinderarzt für etwas mehr als 2000 Heranwachsende zuständig ist.

Goschenhofer begann, sich mit dem Thema zu beschäftigen, weil es schon 2015 eines der "Brennpunktthemen" der Eltern gewesen sei, erinnert sie sich. Sie wisse seither von Kindern, die keinen Kinderarzt haben. Was nicht nur ein Problem ist, wenn ein Kind erkrankt. So besuchen manche Kinder zum Beispiel keine regelmäßigen U-Untersuchungen, die die altersgerechte Entwicklung überprüfen und "mögliche Probleme oder Auffälligkeiten frühzeitig" erkennen sollen, wie das Bundesgesundheitsministerium die Relevanz der medizinischen Begleitung betont.

Schnell hatte Goschenhofer daher 1000 Unterschriften von Eltern aus dem Münchner Norden beisammen, die in der Nähe ihrer Wohnung einen Kinderarzt vermissen. Sie drückte die Liste Vertretern der Kassenärztlichen Vereinigung (KVB) in die Hände, welche die Arztniederlassungen in Bayern steuert. Das war vor drei Jahren. Geholfen hat es nicht. Zumindest nicht in den Gegenden, wo Goschenhofer es sich gewünscht hätte. Denn mehr Kinderarztpraxen als vor einigen Jahren gibt es in München durchaus: So hat sich zum Beispiel in der Altstadt und dem Lehel inzwischen ein weiterer Kinderarzt niedergelassen. Damit sind es nun im bevölkerungsärmsten Stadtbezirk Münchens sechs kassenärztliche Arztsitze.

Das hängt damit zusammen, wie die KVB auf München blickt, nämlich als Ganzes. "Eine Ermittlung von Versorgungsgraden auf einzelne Stadtbezirke bezogen erfolgt nicht", sagt Axel Heise von der KVB. Und auf das gesamte Stadtgebiet geblickt, ist München überversorgt. Demnach könnten 113 Kinder- und Jugendärzte das Stadtgebiet ausreichend versorgen, rechnet Heise vor. Derzeit seien es 160. Darüber hinaus macht die KVB keine Vorgaben, wo sich ein Arzt innerhalb Münchens niederzulassen hat. Aufgrund der "hervorragenden Verkehrsinfrastruktur" sei davon auszugehen, dass "in zumutbarer Erreichbarkeit" Patienten einen Arzt finden - auch wenn der in einem anderen Stadtbezirk praktiziere, argumentiert Heise.

Es ist "festgelegt, dass die durchschnittliche Erreichbarkeit von Kinderärztinnen und Kinderärzten innerhalb von 30 Pkw-Fahrminuten ausreichend ist", teilt das Gesundheitsreferat dazu mit. Allerdings nicht, ohne Kritik zu äußern: "Diese Regelung entspricht jedoch nicht den Realitäten" in einer Großstadt, führt ein Sprecher des Referats aus. Schließlich haben viele Familien gar kein Auto - vor allem jene Familien, für die sich Friederike Goschenhofer einsetzt. Oft sei das den prekären Lebenssituationen geschuldet, sagt die Regsam-Beauftragte. Letztlich führe das dazu, dass gerade Familien mit besonderen "Risikofaktoren" wie finanzieller Armut nicht nur einen weiteren Weg zum Arzt hätten, sondern dieser ohne Auto auch noch schwieriger sei als für wohlhabendere Familien, sagt Goschenhofer.

Doch nicht nur Gesundheitsreferat, Sozialvereine und Eltern sind unzufrieden mit der ungleichen Verteilung von Arztpraxen. Auch Kinderarzt Philip Wintermeyer, der eine Praxis an der Ingolstädter Straße betreibt, erkennt darin ein grundsätzliches Problem. Dabei gehört er auf den ersten Blick zu denen, die mit der derzeitigen Situation ganz gut leben können. Wenn andere davon sprechen, dass die Kinder ja auch in andere Bezirke zur Behandlung fahren könnten, dann meinen sie damit Praxen wie die von Wintermeyer. Offiziell rechnet die Kassenärztliche Vereinigung ihn nach Schwabing-Freimann, Harthof beginnt auf der gegenüberliegenden Straßenseite seiner Praxistür. De facto kommen seine Patienten aber zu einem großen Teil aus Milbertshofen, Am Hart, dem Hasenbergl und Feldmoching, wie er berichtet. Etwa 3000 Patienten rechnet er in der Gemeinschaftspraxis im Quartal bei den gesetzlichen Krankenkassen ab. "Relativ viel", sagt Wintermeyer. Sehr viel weniger sollten es allerdings auch nicht sein: "Mit der Hälfte der Patienten reicht es mir nicht mehr."

Das liege daran, dass nur etwa zehn Prozent privatversicherte Patienten in seine Praxis kommen. "Bei 20 Prozent sagt man: Das ist ein guter Anteil", so ordnet es Wintermeyer ein. Letztlich sei das auch der Grund, warum in manchen Bezirken kaum Kinderärzte und in anderen überdurchschnittlich viele praktizieren: "Eine Praxis ist auch ein Betrieb, der sich irgendwie rechnen muss." Mit Kassenpatienten sei das einzig über die Masse an Patienten möglich. Vor allem, wenn man bedenke, dass sich Ärzte als Berufseinsteiger in die Praxis quasi einkaufen müssen. Das sei "vergleichbar damit, ein Haus zu kaufen", sagt Wintermeyer, ohne genaue Beträge zu nennen. Erst wenn sich Kassenmedizin wirtschaftlich lohnt, würden sich Ärzte auch wieder in ärmeren Vierteln niederlassen. "Das ist in meinen Augen der einzige Grund, warum es dort kaum Kinderärzte gibt", sagt er mit Blick auf strukturell ärmere Bezirke. Die "tiefere Frage" sei daher, "ob die Teilung in ,Privat' und ,Kasse' nicht dazu führt, dass gewisse Bereiche nicht versorgt werden".

Das Gesundheitsreferat versucht, auf anderem Weg eine gleichmäßigere Verteilung der Ärzte in München zu erreichen. Die KVB soll künftig mit einer "kleinräumigeren Bedarfsplanung" arbeiten, also nicht mehr nur die Situation fürs gesamte Stadtgebiet beurteilen. Allerdings hat diese Initiative 2019 "keine Aufnahme in die Neuordnung der Bedarfsplanung gefunden", wie ein Referatssprecher sagt. Trotzdem setzt das Referat "weiterhin auf Gespräche mit der KVB und den Kassen, um eine Lösung für die Ungleichverteilung der Kinderarztpraxen zu finden".

© SZ vom 15.06.2020/vewo
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