bedeckt München 15°
vgwortpixel

Pädiatrie an Münchner Kliniken:Die große Not der kleinen Patienten

Kinderklinik im Schwabinger Krankenhaus in München, 2018

Buntes Entree: Eingang zur Kinderklinik des städtischen Krankenhauses in Schwabing.

(Foto: Alessandra Schellnegger)
  • Die Kinderkliniken in München stecken in Schwierigkeiten: Voll ausgestattete Betten stehen leer und sind gesperrt, weil Pflegekräfte fehlen.
  • Wenn in München keine der vier Kinderkliniken mehr Patienten aufnehmen kann, werden die Patienten nach Augsburg, Garmisch-Partenkirchen oder Starnberg gebracht.
  • Der Grund für die Situation ist nicht nur der Mangel an Krankenpflegern, die sich das teure München nicht leisten können, sondern auch das System, nach dem die Krankenkassen abrechnen.

Ein Kleinkind wurde in der Nacht mit einem Fieberkrampf eingeliefert. Und ein schwer kranker Junge mit Atemnot. War noch etwas? Die Ärztin überlegt kurz. Ach ja, auf der Intensivstation sind alle Betten belegt. "Deswegen habe ich uns abgemeldet", sagt sie. Ihre beiden Kollegen nicken. "Vielleicht werden heute zwei Kinder von der Intensivstation verlegt." Dann gäbe es im Laufe des Tages wieder freie Betten. Vielleicht aber auch nicht.

Eine Kinderklinik in München. Morgendliche Übergabe der Nachtschicht an den Tagesdienst. "Dass wir morgens ein freies Bett haben, kommt nur sehr selten vor", sagen die Ärzte. Können sie keinen Patienten mehr aufnehmen, melden sie sich bei der Rettungsleitstelle ab. Besonders im Winter sind alle Kinderkliniken in München ständig überlaufen und abgemeldet. Fällt dann ein Kind vom Klettergerüst, hat einen schweren Infekt mit Atemnot oder wird vom Auto angefahren, müssen die Ärzte und Pfleger improvisieren. Herumtelefonieren, um noch irgendwo ein freies Bett zu finden.

Medizin "Wir steuern auf eine Katastrophe zu"
Medizin

"Wir steuern auf eine Katastrophe zu"

An vielen Kliniken in Deutschland müssen Ärzte junge Patienten abweisen. Es fehlt an Personal und Ressourcen. Über ein ignoriertes Problem.   Von Inga Rahmsdorf

Die Ärzte, die bei der Übergabe dabei sind, möchten nicht mit Namen genannt werden. Klinikleitungen sehen es nicht gern, wenn ihre Mitarbeiter öffentlich darüber sprechen, wie dramatisch die Situation ist. Das beunruhige Eltern, schrecke potenzielle Fachkräfte ab und würde die Klinik in ein schlechtes Licht rücken. Dabei kämpfen alle Kinderkliniken in München mit den gleichen Schwierigkeiten. Voll ausgestattete Betten stehen leer und sind gesperrt, weil Pflegekräfte fehlen. Während kranke Kinder nicht immer so versorgt werden können, wie es für sie das Beste wäre.

"Die medizinische Versorgung von Kindern in unseren bayerischen Krankenhäusern ist insgesamt nach wie vor auf hohem Niveau gesichert", sagt Gesundheitsministerin Melanie Huml (CSU). Und tatsächlich sehen die Zahlen nicht schlecht aus: In München gibt es insgesamt etwa 700 Betten in der Jungend- und Kindermedizin und Kinderchirurgie. Die waren 2018 durchschnittlich nur zu etwa 80 Prozent ausgelastet. Allerdings sagt das auch nicht viel aus über die tatsächliche Versorgung. Denn mitgezählt werden dabei auch die gesperrten Betten. Wer ein Viertel seiner Betten wegen Personalmangels schließen muss, kann auch nur eine maximale Auslastung von 75 Prozent erreichen. Und wird ein ansteckendes Kind in ein Mehrbettzimmer gelegt, darf kein anderer Patient dort liegen.

Wenn in München keine der vier Kinderkliniken mehr Patienten aufnehmen kann, fragen die Ärzte in Augsburg, Garmisch-Partenkirchen oder Starnberg an. Dann werden die Patienten mit dem Rettungswagen oder dem Hubschrauber dorthin gebracht. Das kommt besonders während der Grippesaison regelmäßig vor. Im Stich gelassen wird niemand. Aber die lange Suche, das Hin- und Herschieben zwischen den Stationen und den Kliniken erhöht das gesundheitliche Risiko für die Kinder, ist für alle Beteiligten stressig und kostet die Ärzte und Pfleger viel Zeit.

"Wenn wir nirgendwo ein Bett finden oder es ganz akut ist, muss man triagieren", sagt ein Arzt. Triage, das Wort hört man häufig in Kinderkliniken. Kranke Kinder werden nach Schweregrad sortiert. Weil überall Kapazitäten fehlen. Wie bei diesem Baby: Es war erst wenige Tage alt, als es mit Atemnot in eine Münchner Notaufnahme gebracht wurde. Die Intensivstation war bereits überbelegt. "In so einer Situation kann ich ein Neugeborenes nicht in eine andere Klinik weiterschicken", sagt der Arzt, der an dem Tag in der Notaufnahme war. Damit er das Kind aufnehmen konnte, musste er ein anderes Kind von der Intensiv- auf die Normalstation verlegen. Eines, das weniger schwer krank war, das im Idealfall aber auch noch eine Nacht auf der Intensivstation geblieben wäre.

"Dass die Versorgung schlechter geworden ist, ist unbestreitbar", sagt auch Stefan Burdach, Direktor der Kinderklinik Schwabing, die von der städtischen München-Klinik und dem Klinikum rechts der Isar der Technischen Universität (TU) getragen wird. Der Chefarzt betont, dass er keine Panik schüren möchte. "Unsere Krankenhausträger engagieren sich enorm. Aber es ist nicht verständlich, dass es für die reichste Stadt Deutschlands keine Lösung für die Probleme bei der Versorgung kranker Kinder gibt", sagt er. Burdach könnte auf der Stelle 20 weitere Krankenpfleger einstellen, wenn es sie nur gäbe.

Der Grund für die Situation ist aber keineswegs nur der Mangel an Krankenpflegern, die sich mit ihrem Gehalt die teuren Mieten in München nicht leisten können. Sondern auch das sogenannte DRG-System, nach dem die Krankenkassen abrechnen. Kindermedizinische Leistungen werden darin nicht aufwandsgerecht abgebildet. "Profitabel ist nur, wer immer mehr Patienten mit möglichst invasiven Maßnahmen in immer kürzerer Zeit abarbeitet", sagt Florian Hoffmann, Sprecher der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI) und Oberarzt am Haunerschen Kinderspital der Ludwig-Maximilians-Universität München (LMU). Kranke Kinder kann man aber nicht durchtakten. Wer sie behandelt, braucht viel Zeit und Geduld, muss Vertrauen aufbauen und meist auch noch die besorgten Eltern beruhigen.