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Maxvorstadt:Tausend Partygäste vor der Tür

Feiermeile Türkenstraße

Alles dicht: die Türkenstraße in Höhe Georg-Elser-Platz am 29. Mai um 22.45 Uhr von einer Wohnung im oberen Stockwerk aus gesehen.

(Foto: Privat)

Es ist Sommer, und Freiluft-Treffen haben wieder Konjunktur. Neuer Hotspot ist die Türkenstraße. Beschwerden wegen Lärm und Dreck häufen sich. Ein Alkoholverbot soll helfen.

Von Ilona Gerdom

"Eine Straße, die glücklich macht", hieß es vor fast 20 Jahren in der SZ. Gemeint war die Türkenstraße. Heute macht sie die Anwohnerinnen und Anwohner aber eher unglücklich. Denn nachts verwandelt sich der Straßenzug in eine Feiermeile. Der Bezirksausschuss (BA) Maxvorstadt versucht nun gegenzusteuern.

Eigentlich ist ein Gotteshaus ein friedlicher Ort. Seit der BA allerdings wegen der Corona-Regeln in der St.-Markus-Kirche tagt, wird hier die ein oder andere Diskussion geführt. Am Dienstagabend war die Stimmung besonders aufgeheizt, denn zu BA-Chefin Svenja Jarchow-Pongratz (Grüne) und den BA-Mitgliedern hatten sich an die 30 Bürger gesellt.

Die meisten wollten über das Thema "Feiern in der Maxvorstadt" reden. Im Viertel, entlang der Türkenstraße und am Georg-Elser-Platz, habe sich eine "nur schwer tragbare" Situation entwickelt, sagte Jarchow-Pongratz: Bis in die Morgenstunden versammeln sich dort Menschen und machen Party.

Lieferdienste bringen neuerdings Essen und Alkohol vorbei. Sie verlangen Supermarkt-Preise

Einer der Anwohner lebt seit 20 Jahren an der Türkenstraße und erkennt sein Quartier nicht wieder. Gerade im Bereich Schellingstraße, Blütenstraße und Georg-Elser-Platz seien abends "Massen von Feierwütigen" unterwegs. Am nächsten Morgen kämpfe man sich dann durch "Berge von Müll, Scherben und Erbrochenem". Sein zwölfjähriger Sohn habe gesagt: "Papa, es ist ganz schön eklig geworden, hier zu wohnen". Dazu kommt, so erzählen die Maxvorstädter, dass das Gebiet "eine komplett öffentliche Toilette" geworden, sei. Beides betrifft auch die Grundschule, die an den Georg-Elser-Platz angrenzt. Hausmeister Dominik Braun berichtet von "massiven Schäden", zerbrochenen Flaschen, Abfall auf dem Schulhof. Dazu bringt das Ganze die Bewohner sprichwörtlich um den Schlaf. Eine Frau klagt, sie höre die Feierenden noch im fünften Stock.

Viele Anwohner erzählen im BA an diesem Abend solche Geschichten. Schließlich meldet sich Stephan Funk, der Leiter der Polizeiinspektion, zu Wort: "Vieles können wir so bestätigen". Die Tendenz, sich im öffentlichen Raum zu treffen und zu feiern, habe in der ganzen Stadt zugenommen. Als Gründe nennt er: Corona, der lange Wegfall der Gastronomie, das gute Wetter, die gelockerten Pandemie-Maßnahmen. Dazu kommt ein recht neues Angebot: Lieferdienste, die zu Supermarkt-Preisen Essen, aber auch Alkohol ausfahren. Ein Bürger unterstreicht: "Da stehen sechs bis sieben Einsatzwagen und der achte ist der Getränkelieferant."

Wer die Leute sind, die sich im Viertel treffen, kann auch Funk nicht genau sagen. Es handle sich nicht um eine "homogene Gruppe", sondern einfach um "Feiersuchende". Die kämen eben dahin, wo schon andere sind. Mit dem Infektionsschutz habe die Polizei einen größeren rechtlichen Rahmen zum Eingreifen gehabt. Nun könne sie nur Ordnungsstörungen ahnden. Auch taktisch stehen die Beamten vor einer Herausforderung.

Die meisten Fälle seien zwar durch Kommunikation zu lösen, aber: "Die personellen Möglichkeiten sind sehr limitiert." Bei der Zahl an Partygängern, Funk spricht von 500 bis 1000 Personen, müsse man häufig Unterstützung anfordern. Fest steht für ihn trotzdem: "Wir wollen nicht mit Helm und Schlagstock auf den Georg-Elser-Platz gehen."

Die Stadtviertelvertreter fordern eine Strategie, um Feierwütige an Orte zu lotsen, wo sie nicht stören

Was tun? Für den BA ist klar, dass die Polizei das Gebiet priorisieren muss. Gerade die Wohnstraßen seien schützenswert. Dazu fordert das Gremium ein nächtliches Alkoholverbot - mit Ausnahme der Gastronomie. Zudem müsse man sehen, dass man mit Gegenmaßnahmen die Hotspots nicht einfach verlagert. Daher will man ein Gesamtkonzept. "Die Stadt braucht einen Party-Bypass", formulierte Richard Weiss (Grüne). Also öffentliche Plätze, wo sich Menschen zum Feiern treffen können, ohne Anwohner zu stören. Eine entsprechende Strategie soll nach Vorstellung des BA das Sicherheits- und Aktionsbündnis München (SAMI) erarbeiten.

Am Ende scheinen die Bürger zumindest etwas besänftigt zu sein. Auch wenn die BA-Vorsitzende Jarchow-Pongratz einräumt: "Die Forderung nach einem Alkoholverbot ist zwar plakativ, das heißt aber jetzt nicht, dass das umgesetzt wird."

© SZ vom 17.06.2021/amm, van
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