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Pflege:"Kommt niemand oder kommt ein Roboter?"

Statt eines Pflegers oder einer Pflegerin könnte künftig ein Roboter ans Krankenbett kommen, um zum Beispiel ein Getränk zu bringen.

(Foto: Yoav Kedem)

Die LMU-Klinik an der Ziemssenstraße erforscht, wie ein Roboter das Pflegepersonal unterstützen kann - einen Menschen ersetzen kann und soll er aber nicht.

Von Ekaterina Kel

Der Fuß schmerzt. Und sie hat Durst. Die Patientin nimmt ihr Handy und scannt einen QR-Code, der neben ihrem Krankenhausbett hängt. Es öffnet sich eine App, die nach dem Wunsch der Patientin fragt. "Getränke", tippt diese an, und wählt dann "Sprudelwasser" aus. Wenige Minuten später hält sie eine kleine Flasche Wasser in den Händen - und kein Mensch war da.

Wenn es nach Uli Fischer und seinem Team geht, könnte das schon in wenigen Jahren der neue Klinikalltag sein. Die Gruppe aus Pflegewissenschaftlern und Gründern aus der Münchner Start-up-Szene erprobt gerade, wie eine Service-App und ein Roboter den Pflegekräften einfache Aufgaben abnehmen können. Dafür haben sie einen Flur im neu errichteten Gebäude des LMU-Klinikums an der Ziemssenstraße besetzt - der Bau ist noch nicht ganz abgeschlossen und steht leer. Hier, auf der Station 1A wartet Jeeves, der Service-Roboter, auf seine Aufgaben.

Wenn die Patientin in der App "Cliniserve" also ein Wasser bestellt, setzt Jeeves sich von seiner Ecke im Flur aus in Bewegung. Beinahe geräuschlos gleitet er mit einem Kilometer pro Stunde über den Boden und macht an der Tür der Patientin halt. Dann dreht er sich, rollt hinein, stoppt vor dem Bett. Bitte Schublade öffnen, erscheint auf seinem Monitor, dann kann man ein Getränk entnehmen. Jeeves, der von der Münchner Firma Robotise entwickelt und schon in mehreren Hotels eingesetzt wird, ist sehr leise. Er blinkt nicht, gibt keine ulkigen Töne von sich und sagt auch nicht "Hallo". Ein Roboter wie man ihn sich ausmalt, ist Jeeves nicht.

Aber im Idealfall könnte er einmal sehr nützlich werden. Denn im Moment läuft so einiges im Krankenhausalltag noch anders. Wenn der Patient ruft, muss die Pflegekraft kommen. Meistens sieht sie nur ein Lämpchen aufleuchten. Was der Patient gerade hat, weiß sie nicht - bis sie ins Zimmer kommt. Es könnte ein Notfall sein, oder eben der Wunsch nach Wasser. Aber was ist, wenn die Pflegekraft eigentlich gerade dabei ist, einen anderen Patienten zu waschen?

In der neuen LMU-Klinik in der Innenstadt wird der Roboter "Jeeves" derzeit getestet.

(Foto: Yoav Kedem)

Dieses ständige Gefühl der Zweiteilung ist besonders für Pflegerinnen und Pfleger stressig, sie müssen häufig eine Arbeit unterbrechen, um eine andere zu verrichten. Uli Fischer nennt das "Nursing Distress", es sei "ein Riesenproblem" im Arbeitsalltag. Fischer war selbst einmal Pfleger und leitet mittlerweile die Stabsstelle Klinische Pflegeforschung und Qualitätsmanagement am LMU-Klinikum. Der Service-Roboter Jeeves solle nicht, wie manche vielleicht befürchten, Pflegekräfte ersetzen, sagt Fischer. Es stehe nicht die Frage im Raum, ob ein Roboter oder eine Pflegerin kommt.

Angesichts des Pflegekräftemangels werde man in den kommen Jahren vielmehr häufiger vor der Frage stehen: "Kommt niemand oder kommt ein Roboter?" Mit einem Service-Roboter möchte man dem Personal die vielen Laufwege abnehmen: Sei es das Getränk der Wahl oder der Transport von medizinischem Material, das mal hier mal dort gebraucht wird. Gleichzeitig will man dafür sorgen, dass die Pflegekräfte mehr Zeit haben für die tatsächlich pflegerischen Tätigkeiten, für die Kommunikation mit den Patienten, für ein tröstendes Wort oder einen beruhigenden Blick.

Das klingt sehr gut, doch der Weg bis dahin ist noch lang. Im Moment befindet sich das Projekt in der Anfangsphase, auf echte Patienten im echten Klinikalltag hat man den ruhig vor sich hingleitenden Jeeves noch nicht losgelassen, dafür sind noch zu viele Fragen ungeklärt. Im Herbst dieses Jahres könnte er vielleicht zum ersten Test-Einsatz ausrücken, sagt Fischer. Bewährt er sich auch im stressigen Betrieb? Das wird herauszufinden sein.

Bleibt noch die Ethik. "Möchte ich, dass da ein technisches System kommt?", fragt Inge Eberl, Professorin für Pflegewissenschaft an der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt. Sie begleitet das Projekt aus Forscherperspektive. Denn, sagt Eberl, man müsse auch die Grenzen der Technik kennen. Und die lägen dort, wo es um Beziehungen gehe.

© SZ vom 24.03.2021/wean
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