Ausstellung:Die Unsichtbaren sichtbar machen

Ausstellung: Der Spanier Santiago Sierra lässt für die Performance "Krauss-Maffei Raus" Geflüchtete aus Kriegsgebieten fotografieren - von hinten.

Der Spanier Santiago Sierra lässt für die Performance "Krauss-Maffei Raus" Geflüchtete aus Kriegsgebieten fotografieren - von hinten.

(Foto: Santiago Sierra, Courtesy of Estudio Santiago Sierra)

Der Kunstraum München zeigt Arbeiten von Franz Erhard Walther und Santiago Sierra - darunter eine eindringliche Videoarbeit zum Thema Migration.

Von Jürgen Moises

Europa ist ein Garten, in dem es die beste Kombination aus politischer Freiheit, ökonomischem Wohlstand und sozialem Zusammenhalt gibt. Und der Rest der Welt? Ist weitgehend ein Dschungel. So heißt es zumindest im Video "The Maelström" von Santiago Sierra, das derzeit an den Öffnungstagen um 16 und 18 Uhr im Kunstraum München läuft. Wenn die Gärtner nichts tun, so sagt es die männliche Stimme, werden die Menschen aus dem Dschungel kommen. Wobei auch eine Mauer sie nicht aufhält. Sie, das sind im Video junge, schwarze Männer. Man sieht sie nur von hinten. Sie laufen gebückt mit gefesselten Händen oder stellen sich mit erhobenen Händen an die Wand. Irgendwann sieht man sie nur noch als Silhouetten. Diese werden zu Mustern und am Ende zum Wirbel, zum "Maelström".

Die sich ständig wiederholende Stimme stammt von Josep Borrell Fontelles, dem Hohen Vertreter der EU für Außen- und Sicherheitspolitik. Im Oktober 2022 hatte der Spanier sich mit seiner im Netz auffindbaren Rede an 50 junge Diplomaten an der European Diplomatic Academy gewandt. Seine Botschaft: Kümmert euch um den Dschungel da draußen. Und auch wenn Borrell dabei für Austausch und Diplomatie plädiert: Dass er den Rest der Welt als Bedrohung für das "privilegierte" Europa "inszeniert", klingt überheblich und bedenklich. Ein Schwarz-Weiß-Bild, das Ängste schürt und das Sierra eindringlich kritisiert, indem er es zum "Maelström" übersteigert.

Der Spanier Santiago Sierra ist vor allem für seine provokanten Performances bekannt. Und für die Doppelausstellung "Santiago Sierra / Franz Erhard Walther" wurde er auch in erster Linie als Performance-Künstler eingeladen. So wird am 15. Oktober um 15 Uhr noch einmal im Kunstraum und an der Isar die von ihm konzipierte Performance "Krauss-Maffei Raus" durchgeführt. Dabei werden Geflüchtete aus Kriegsgebieten fotografiert. Nur wird man sie auf den Fotografien genauso wie die Männer im Video nur von hinten sehen. Stellvertretend für viele anonyme Kriegsopfer?

Der Prozess- und Aktionskünstler Franz Erhard Walther war früher Lehrer von Santiago Sierra. Deshalb werden sie nun in der zum Jubiläumsprogramm "50 Jahre Kunstraum" gehörenden Ausstellung zusammen präsentiert. Walther wird am 7. Oktober um 19 Uhr für ein Gespräch im Kunstraum (Holzstraße 10) sein. Einen Tag später wird er von 15 Uhr an im Haus der Kunst und danach im Kunstraum aus Baumwollstoff gefertigte Objekte "aktivieren". Das machte er 2020 schon im Haus der Kunst, das ihm damals eine Retrospektive widmete. Davor wurde der in den letzten Jahren wiederentdeckte Künstler 2017 in Venedig mit dem Goldenen Löwen geehrt.

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