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Kultur in München:Kollegah-Konzert zum zweiten Mal abgesagt

Rapper Kollegah weist Antisemitismus-Vorwürfe erneut zurück

Felix Blume, so heißt der Rapper mit bürgerlichem Namen, wird Antisemitismus, Homophobie und Frauenfeindlichkeit vorgeworfen.

(Foto: Matthias Balk/dpa)

Nach der Absage des Backstages wollte Kollegah am Samstagabend im "VIP Club" auftreten - das ist ebenfalls geplatzt. Weil der Rapper von angeblichen Drohungen spricht, mischt sich sogar Oberbürgermeister Reiter ein.

Von Linus Freymark und Ingrid Fuchs

Kommt er nun, der selbsternannte Boss - oder kommt er nicht? Zunächst sah es gut aus für seine Fans: Nachdem das Backstage das ausverkaufte Konzert des Rappers Kollegah am Samstagabend nur einen Tag vorher abgesagt hat, sollte der Musiker stattdessen im "VIP Club" in der Schwanthaler Straße auftreten. Die 1200 Fans, die sich bereits vor langem Tickets für die "Monument"-Tour gekauft hatten, durften sich freuen - zumindest kurz.

Denn nun ist auch Kollegahs Auftritt im VIP Club abgesagt worden. Das teilte der Rapper am Samstagmittag in einer Videobotschaft auf Instagram mit. "Die versuchen uns hier mit aller Macht, einen Strich durch die Rechnung zu machen", sagte Kollegah, gerichtet ist die Aussage an die Münchner Polizei. Die wiederum widerspricht der Darstellung des Rappers: Kollegah selbst habe die Entscheidung getroffen, nicht aufzutreten, teilte ein Sprecher mit. Es habe - anders als von Kollegah behauptet - keinerlei polizeiliche Anordnungen gegeben, wegen denen das Konzert abgesagt wurde.

Und weil in Kollegahs Instagram-Story noch davon die Rede ist, dass dem Besitzer des VIP-Clubs gedroht worden sei, der Rapper schreibt nur etwas diffus von "Polizei, Oberbürgermeister, usw.", meldete sich auch noch Oberbürgermeister Dieter Reiter (SPD) selbst zu Wort und distanziert sich von Drohungen jedweder Art. Er könne der Polizei gar nicht vorschreiben oder verordnen, irgendein Konzert zu verbieten. Die Betreiber des VIP Clubs äußerten sich auf Nachfrage nicht zum Ausfall des Konzerts.

Seit Wochen war darüber diskutiert worden, ob der umstrittene Rapper in München auftreten darf. Felix Blume, so Kollegahs bürgerlicher Name, wurde wiederholt Antisemitismus, Homophobie und Frauenfeindlichkeit vorgeworfen. Bei der Echo-Preisverleihung 2018 hatten er und der Musiker Farid Bang mit antisemitisch bewerteten Texten für einen Eklat gesorgt, der Preis wurde abgeschafft. Mehrere ihrer Titel stehen auf dem Index für jugendgefährdende Schriften.

Kritiker wie Charlotte Knobloch, Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde, oder das Linke Bündnis gegen Antisemitismus forderten deshalb schon lange vom Backstage, den Rapper auszuladen. Das erklärte Ziel von Backstage-Betreiber Hans-Georg Stocker war es jedoch, Künstler, Fans und Kritiker zusammenzubringen. Das habe man monatelang mit enormem Aufwand versucht, der neue Manager von Kollegah habe sich dafür offen gezeigt, erzählt Stocker. Doch bis zuletzt wollte sich keine der drei Seiten für ein offenes Gespräch auf die Bühne stellen.

Am Freitag dann, 24 Stunden vor dem Konzert, die Absage. Der Grund? "Ausschlaggebend war die absolut destruktive Haltung des Künstlers", sagte Rainer Sontheimer, der als Musiksoziologe den Club berät. Das Backstage schrieb in einer Erklärung: "Für uns war es immer Voraussetzung gegenüber dem Veranstalter und dem Künstler, dass dieses Konzert - wenn überhaupt - nur stattfinden kann, wenn bei diesem eine ehrliche, kritische Auseinandersetzung stattfindet und der Künstler sich im Vorfeld eindeutig und glaubwürdig anders darstellt. Dies hat der Künstler nicht gemacht."

Glaubwürdig anders darstellen? Dafür hätte Kollegah nach Sontheimers Ansicht von früheren Aussagen abrücken müssen. In Interviews hat er zwar schon beteuert, kein Antisemit zu sein - in seinen Texten klingt das dennoch anders. Zudem habe er sich jüngst bei Auftritten über seine Kritiker lustig gemacht, sagte Sontheimer, etwa bei einem Konzert in Köln Mitte November. Die Konsequenz sei nun die Absage des Konzerts auf der Bühne des Backstages.

Die Entscheidung komme zwar spät, teilte Charlotte Knobloch am Freitagnachmittag nach der Absage durch das Backstage mit, "aber sie ist die einzig richtige". Club-Betreiber Stocker und sein Team gaben sich nachdenklicher: Vielleicht sei es naiv gewesen, zu glauben, "man könnte eine differenzierte Auseinandersetzung mit allen Akteuren im Engagement gegen Antisemitismus realisieren". Genau die sei aber nötig, um junge Fans über die Probleme mit Kollegahs Texten aufzuklären.

Kollegah selbst sah in seinem Verhalten im Vorfeld jedenfalls keinerlei Fehler. Über seinen Instagram-Account hatte er sich am Freitag an seine Fans gewandt, machte Werbung für sein neues Album und beklagte die Absage. "Ich habe mich auf das letzte Konzert der Tour besonders gefreut, es sollte ein übertriebener Tour-Abschluss im Backstage werden". Nun endet die Tour des Rappers ohne Konzert in München.

© SZ.de/infu/kbl/lfr
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