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Königsplatz:Ein Echo aus dunkler Zeit

Ein Kunstprojekt macht den labyrinthischen Untergrund des ehemaligen NS-Parteiviertels hörbar. Für ihren oberirdischen "Soundwalk" haben die Künstlerinnen die Gewölbe präzise vermessen.

Marschieren, paradieren, exerzieren, das will hier niemand. Schon gar nicht an dieser Stelle. Kaum losgelaufen, bilden sich schnell Lücken in den Reihen, wie bei einer etwas störrischen Reisegruppe, die eine ambitionierte Stadtführung über sich ergehen lassen muss und sich ermüdet zerstäubt. Die Menschen, die an diesem Spätnachmittag auf dem Parkplatz der Musikhochschule in nur loser Formation dem Trompeter Florent Farnier und dem Bassposaunisten Christian Eiband folgen, sind jedoch mit hellwachen Sinnen unterwegs. Beinahe, als würden sie über ein Minenfeld laufen. In gewisser Weise tun sie das auch, denn beim "Walk on a deeper ceiling" bewegen sie sich nicht nur über mitunter tiefen Gängen und Stollen, sondern auch auf geschichtlich hochkontaminiertem Gelände.

Königsplatz in München

Symmetrie des Hässlichen: Der Königsplatz um das Jahr 1934, links im Hintergrund die Baustelle des sogenannten Führerbaus.

(Foto: SZ Photo)

Unter ihnen liegen die Gewölbe des ehemaligen "Führerbaus", man könnte sagen die Krypta des NS-Regimes, würde das nicht allzu pathetisch klingen und der Maßlosigkeit der Monumentalarchitektur schmeicheln. Denn das Kunstprojekt von Cornelia Böhm und Agnes Jänsch ist genau das nicht, pathetisch. Mit ästhetischer Strenge und wissenschaftlicher Akribie machen die Künstlerinnen, unterstützt von den Bläsern und dem jungen Komponisten Henrik Ajax, den labyrinthischen Untergrund des ehemaligen NS-Parteiviertels hörbar. Der "Soundwalk" über den Gewölben ist Teil der Reihe "Frequenzen - akustische Dimensionen der Stadt", mit dem das Kulturreferat den öffentlichen Raum von Künstlern erkunden lässt. Es ist vielleicht das ambitionierteste unter den insgesamt acht Projekten der Reihe.

Walk on a deeper Ceiling Soundwalk

Der Computerbildschirm zeigt das Wasserfalldiagramm des Faltungshalls, quasi die "Antwort" des Raumes auf einen synthetischen Impuls, den sie zuvor hinein geschickt haben. Auf Basis dieser Daten entstand die Komposition für den "Soundwalk".

(Foto: Agnes Jänsch/oh)

Florent Farnier ist stehen geblieben, die Trompete gibt nun einen lang gezogenen hohen Ton von sich, die Bassposaune antwortet dunkel grollend. Es ist das Signal für die Teilnehmer, dass sich rückseitig der Musikhochschule beziehungsweise unter dem Gebäude sehr tiefe, weite Räume befinden müssen. Die Musiker durchmessen den Parkplatz in strengen Achsen, stoppen, kehren um, biegen ab. Die Klangstrukturen greifen das Echo eines unterirdischen Labyrinths auf. Der Hörbarmachung der Gänge, Keller und Bunker ging ein aufwendiger Prozess voraus. "Wir sind viel in Archiven unterwegs gewesen", erzählt Agnes Jänsch. Sie und die Sound-Künstlerin Cornelia Böhm, beide mit neuen Technologien vertraut, wollten mit präzisen Vermessungsdaten arbeiten.

Walk on a deeper Ceiling Soundwalk

Vermessung des Maßlosen: Cornelia Böhm und Agnes Jänsch in einem der Gänge unter dem ehemaligen NS-Parteiviertel.

(Foto: Agnes Jänsch/oh)

Einer, der ihnen bei ihrer Recherche helfen konnte, war Karlheinz Kümmel, der ein Luftschutzarchiv für München aufgebaut hat und die Katakomben unter dem ehemaligen NS-Parteiviertel wohl kennt wie kein zweiter. Auch die Musikhochschule, die einige Kellerräume zu Lagerzwecken nutzt, konnte aktuelle Daten liefern. Mehr Probleme machte der Untergrund des Zwillingsbaus auf der anderen Seite der Brienner Straße. Dort, im Haus der Institute, sind heute unter anderem das Zentralinstitut für Kunstgeschichte und das Institut für Ägyptologie untergebracht. Früher war es der NSDAP-Verwaltungssitz, verbunden durch einen Tunnel mit dem Führerbau. "Zunächst gab es dazu nur Scans von Originalplänen des Architekten Paul Ludwig Troost, die schwer lesbar waren", sagt Jänsch. Wo die Datenlage dürftig war, haben die Künstlerinnen selbst vermessen, in den Kellern Distometer und Computer aufgebaut, um die Volumina der Räume und ihr akustisches Verhalten zu ergründen. Eine mitunter gruselige Erfahrung dort unten, sagt Böhm. Doch einem Spiel mit Nazi-Geisterbahn-Schauder verweigert sich das Projekt radikal. Es gibt nichts zu sehen, nur zu hören.

Vorbei am NS-Dokuzentrum hat die Gruppe die Brienner Straße in Richtung Haus der Institute gequert. Begleitet von den irritierten Blicken einer russischen Touristengruppe. Gesprächsfetzen, Straßenlärm, Polizeisirenen, die Sound-Welle des Heute schwappt gleichgültig über die dunkle Geschichte des Ortes. Und vermischt sich mit der stotternden Partitur der Bläser. Komponist Henrik Ajax musste aus den abstrakten Daten einen klanglichen Abdruck schaffen. Ein anspruchsvolles Verfahren, bei dem er die räumlichen mit musikalischen Parametern koppelte. "Eine sehr ungewohnte Aufgabe für mich, Neuland", sagt der Schwede, der an der Musikhochschule lehrt und 2018 den Bayerische Kunstförderpreis erhielt. Die Tonspur habe sich quasi selbst komponiert, streng gekoppelt an den Datensatz.

Walk on a deeper Ceiling Soundwalk

Cornelia Böhm hält Posaunist Christian Eiband die Noten.

(Foto: privat)

Doch kann man einem Ort, von dem Menschheitsverbrechen ausgingen, mit wissenschaftlicher Neutralität begegnen? Eine Antwort gibt es am Ende des "Soundwalks". Zwischen Brienner Straße und dem Haus der Institute kauern, von Pflanzen überwuchert, Mauerreste eines der beiden "Ehrentempel", in denen einst NS-Märtyrern gehuldigt wurde. Die Bläser holen Notenständer aus dem Gebüsch und spielen. C-Moll, d-Moll, die Töne scheinen nun melodisch fassbar, sie haben eine menschliche Dimension bekommen. Henrik Ajax hat für diese letzte Walk-Station einige Sequenzen aus dem Klavierstück "Variationen und Fuge über ein hebräisches Volkslied" zitiert. Viktor Ullmann hatte es 1944 in Theresienstadt komponiert, kurz bevor man ihn nach Auschwitz deportierte und ermordete.

"Walking on a deeper ceiling", 5. Oktober, 11 und 16 Uhr. Teilnahme kostenlos. Anmeldung via E-Mail an kontakt@deeperceiling.de. Aktuelle Informationen unter www.deeperceiling.de.

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