Michaelibad "Die Jugendlichen bringen Frust mit, den sie im Alltag erfahren"

Hecht vom Sprungturm im Michaelibad.

(Foto: Florian Peljak)

Ein Sicherheitsdienst sorgt in Freibädern dafür, dass sich die Prügeleien zwischen Jugendlichen nicht wiederholen. Wenn es sein muss, zerstreuen sie mit Schreien und rudernden Bewegungen einen Massenauflauf.

Von Julian Hans

Was den Tumult ausgelöst hat, lässt sich hinterher gar nicht mehr feststellen. Gerade noch herrschte ausgelassene Sommerstimmung pur auf der großen Liegewiese des Michaelibads. In kleinen Gruppen lagern Jugendliche auf ihren Badetüchern, die Hautfarben, Sprachen und Akzente wild gemischt. Sie reden, scherzen, hören Musik. Ein paar kicken Bälle hin und her. Ein langer, sonniger Tag neigt sich dem Ende zu.

Aber jetzt steht da ein Mann in schwarzem T-Shirt mit der Aufschrift "Security" inmitten eines Pulks und schreit: "Hey! Alle weg jetzt! Alle weg!". Er rudert dazu mit den Armen wie ein Schwimmer, der das Wasser teilt; er versucht, die Menschenmenge zu zerstreuen, die sich innerhalb von Sekunden angesammelt hat. Wer sich da gerade prügeln will und wer nur von Sensationslust angelockt wurde, ist kaum zu unterscheiden. Manche johlen vergnügt. Zwei Buben halten Pommes-Tüten in der Hand und glotzen. Fünf Minuten später ist der Spuk wieder vorbei, die Menge löst sich auf.

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Wenn ein paar Tausend Jugendliche ohne Eltern auf engem Raum unter sengender Sonne einen Tag verbringen, dann kann das ein großes Gefühl von Freiheit und Gemeinschaft sein. Dann kann aber auch ein nichtiger Anlass genügen und die Stimmung kippt.

Nachdem das in der Woche vor Pfingsten vier Mal so ausgeufert ist, dass die Polizei anrücken musste und sogar Ermittlungen wegen Landfriedensbruchs aufnahm, haben die Stadtwerke eilig einen Plan aufgestellt, um der Situation wieder Herr zu werden. Von Ende des Monats an gibt es kostenlosen Eintritt für Minderjährige nur noch mit "Sommerbäderpass". Der braucht ein Foto, eine Adresse und die Unterschrift der Eltern. Dass ein paar Tage Polizisten vor dem Michaelibad standen, hat schon Wirkung gezeigt. Seit Anfang der Woche setzen die SWM zusätzlich zu den Bademeistern private Wachmänner ein. Etwa zwei Dutzend sollen es insgesamt in den Bädern sein, heißt es. Offiziell will niemand die Zahl bestätigen. Die Männer sind unbewaffnet. Sie schauen am Eingang in die Taschen, erinnern die Gäste an die Regeln. Und wenn es sein muss, zerstreuen sie mit Schreien und rudernden Bewegungen einen Massenauflauf.

Martin Skulteti hätte sich das ganze anders vorgestellt; mit Angeboten für die Jugendlichen statt Verboten. Der 27-Jährige arbeitet seit acht Jahren im Michaelibad. Heute ist der Meister für Bäderbetrieb Schichtleiter. Manche der Jugendlichen kennt er noch aus dem Alter, als sie Schwimmflügel an den Armen trugen. "Wenn man sich mit denen gut versteht, dann sind die auch ein bisschen unsere Augen und Ohren auf der Liegewiese". Die kommen dann zu ihm und warnen ihn, wenn sich Streit anbahnt oder jemand Shisha raucht. Das ist verboten. Alkohol ist erlaubt - in Maßen und natürlich ohne Glasflaschen.

Bademeister Martin Skulteti wünscht sich mehr Angebote für junge Burschen, damit diese Dampf ablassen können.

(Foto: Florian Peljak)

Als der Oberbürgermeister Dieter Reiter Mitte April bekannt gab, dass Jugendliche bis 18 Jahre in dieser Saison kostenlos in die Freibäder dürfen, da sind viele Eltern zu Skulteti gekommen und haben ihm gesagt, wie toll sie das finden. Er hat dann immer gelächelt, er findet das ja eigentlich auch toll mit dem freien Eintritt. Aber gleichzeitig grübelte er, wie das gut gehen soll? "Wir haben das Problem schon vorher gesehen, das entsteht, wenn Jugendliche unkontrolliert rein und raus gehen", sagt er. Das sei dann auch bei diesen zwei größeren Auseinandersetzungen im Michaelibad so gewesen. Schlägereien möchte er sie eigentlich nicht nennen. Eher Schubsereien oder Gerangel. Die Jugendlichen hätten sich per Handy für eine feste Uhrzeit verabredet, um auf der Liegewiese ihre Rivalitäten auszutragen. Viele hatte noch nicht einmal eine Badehose dabei.

Zwischendurch rausgehen, drei Wodka Red Bull zischen und dann angeglüht zurück ins Bad - der Bäderpass, der seit diesem Mittwoch an allen Kassen und bei den SWM-Verkaufsstellen erhältlich ist, soll dieses unkontrollierte Kommen und Gehen verhindern. Für die Kosten ist es ja fast egal, wie viele ins Bad kommen, die Ausgaben für Technik und Energie sind ja fast dieselben. Es gehe mehr darum, nachvollziehbar zu machen, wer kommt, sagt Skulteti. Die Eltern sollen einbezogen sein und es soll den Hebel geben, bei Verstößen den Bäderpass zu entziehen.

Zum türkisen Polohemd der SWM trägt Skulteti eine bordeauxrote Basecap auf der in dicken Buchstaben "Ossi" steht. Als er selbst Jugendlicher war, wäre er fast Profischwimmer geworden. Dann ist er aus einem kleinen Ort in Sachsen nach München gekommen, um eine Ausbildung bei den Bäderbetrieben zu machen. Seine Leidenschaft für das Wasser hat er beibehalten, aber es ist eine neue Leidenschaft dazugekommen, die für Menschen. Gerade in Perlach seien die Bademeister gleichzeitig Pädagogen, sagt er: "Die Jugendlichen bringen Frust mit, den sie im Alltag erfahren. Wir versuchen, diesen Frust in Spaß umzuwandeln. Damit sie das Bad nicht als Kanal für ihre Wut sehen, sondern als Ort, wo sie zeigen können, was sie drauf haben". Ein Arschbombenwettbewerb am Sprungturm kann ein gutes Ventil sein.

(Foto: Florian Peljak)

"Die Zeiten, in denen der Bademeister direkt nach dem Bürgermeister kam, die sind vorbei", sagt Skulteti. Autorität funktioniere heute nicht mehr am Beckenrand, man müsse einen Dialog aufbauen. Aber wie bei 4000 Gästen am Tag? Mancher Jugendliche auf der Wiese sage: "Die Bademeister, das sind voll die Opfer."

Ideen für Angebote haben er und seine Kollegen jede Menge. Ein regelmäßiges Fußballturnier zum Beispiel, den Michaelibad-Pokal, Zeitmessung an der Rutsche, Spätschwimmen mit Musik. Das wären alles Anlässe, um mit den Jugendlichen in Kontakt zu kommen, eine Beziehung aufzubauen, ihr Vertrauen zu gewinnen. Dann wäre ihre Energie auch besser lenkbar als mit Verboten. Aber dafür kam der kostenlose Eintritt zu überraschend und jetzt muss man improvisieren.

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