Coronavirus in München:"Die Lage ist beschissen, aber nicht hoffnungslos"

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Coronavirus in München: Petra Hahn, seit 1986 Marktfrau auf dem Viktualienmarkt, schätzt, dass Touristen rund 70 Prozent ihres Umsatzes ausmachen. Diese fallen in der Coronakrise weg.

Petra Hahn, seit 1986 Marktfrau auf dem Viktualienmarkt, schätzt, dass Touristen rund 70 Prozent ihres Umsatzes ausmachen. Diese fallen in der Coronakrise weg.

(Foto: Stephan Rumpf)

Keine Touristen, kein Gedränge: Für die Händler auf dem Viktualienmarkt sind die Zeiten schwierig - doch in der Krise erleben sie auch Überraschendes.

Von Janina Ventker

Der Kontrast könnte größer kaum sein. Vor genau vier Wochen entstand auf dem Viktualienmarkt ein Bild, das im Internet hohe Wellen schlug: Viele Menschen waren darauf zu sehen, die nahe beieinander die Frühjahrssonne genossen, dazu Wein und noch vieles andere, was der berühmte Markt zu bieten hat. Weil Italien und Spanien damals schon still standen und die Kanzlerin zum Kontaktverzicht aufrief, wirkte das bizarr: viel zu bunt, viel zu unbedarft, viel zu sorglos angesichts der Corona-Pandemie.

Inzwischen geht es am selben Ort ganz anders zu: wesentlich beschaulicher. Weit und breit kein Gedränge mehr, keine klirrenden Weingläser. Der Viktualienmarkt hat nach wie vor geöffnet, "Viktualien" bedeutet schließlich "Lebensmittel" und Lebensmittel zu kaufen - das gehört zu den wenigen Dingen, die noch möglich sind. "Die Supermärkte werden überrannt", sagt Michael Schlegel, "aber den Viktualienmarkt in seiner Versorgefunktion, den haben die Leute nicht mehr auf dem Schirm." Das sei schade, findet der Standl-Betreiber. Er will aber auf keinen Fall jammern, das ist ihm wichtig. Er sei zufrieden, dass er überhaupt öffnen könne. "Wir halten die Fahne hoch", sagt der Feinkost-Verkäufer.

Einige andere Standl mussten schließen, jene, die Blumen und Dekoration anbieten. Und so sind die Ostergestecke unter den Planen vertrocknet. Etwa bei Elke Fett, der sonst so aktiven Marktsprecherin. Sie muss daheim bleiben und kämpft laut eigener Aussage oft mit den Tränen, wenn sie aus dem Fenster auf den Markt schaut. Nur ein kleiner Trost: Die Stadt hat den Händlern in der Not eine Stundung der Umsatzpachtvorauszahlung angeboten.

Petra Hahn verkauft Lebensmittel. Die wenigen Kunden, die an diesem Tag auf den Markt gekommen sind, bedient sie mit einem Lächeln. Normalerweise wäre jetzt Hochsaison, denn der Deutschen liebstes Saisongemüse, der Spargel, ist da. Doch anstehen muss heute keiner. Und generell gilt, wie in den Supermärkten: Abstand halten, mindestens eineinhalb Meter. Am Viktualienmarkt ist das problemlos möglich, anders als auf den Wochenmärkten, die es in vielen Vierteln gibt. Dort herrscht mancherorts so viel Andrang, dass die Stadt Sicherheitskräfte eingesetzt hat. Sie sollen sicherstellen, dass sich die Warteschlangen nicht kreuzen.

Petra Hahn ist seit 1986 Marktfrau auf dem Viktualienmarkt, sie führt das Obst- und Gemüse-Standl Tretter in fünfter Generation. Sie sagt: "Die Lage ist beschissen, aber nicht hoffnungslos." Einige Aushilfen musste sie heimschicken, ihre festangestellten Mitarbeiter kann sie weiter beschäftigen. Hahn hat schon schlimmere Zeiten mitgemacht auf dem Viktualienmarkt. Vor 34 Jahren, im April 1986, erschütterte die Nuklearkatastrophe von Tschernobyl Europa. Die Menschen hatten Angst vor verstrahltem Gemüse. "Da haben sich die Leute fast nur noch von Konserven ernährt", erinnert sich Hahn.

Coronavirus Viktualienmarkt

Standl-Betreiber Michael Schlegl ist froh, dass er überhaupt öffnen kann.

(Foto: Stephan Rumpf)

Die Umsatzeinbußen spürt Petra Hahn momentan vor allem bei den Obstsäften, die sonst bei den Touristen sehr beliebt seien. Die Safttheke hat sie vorübergehend geschlossen. Ebenso die Ecke mit dem Trockenobst, "aus hygienischen Gründen", denn die Kunden füllen sich Pflaumen und Aprikosen hier selber ab. Überhaupt - die Touristen fehlen. Hahn schätzt, dass diese ihr sonst rund 70 Prozent des Umsatzes bescheren. Und jetzt: Keiner da. 70 Prozent Touristen, das sei mehr, als vielen Händlern lieb ist. "Die Münchner mögen oft nicht kommen, weil es ihnen zu voll ist." Und so erobern derzeit das erste Mal seit Jahren die Einheimischen den Viktualienmarkt zurück.

Wer nicht selbst kommen mag, kann von Samstag, 18. April, an einen Lieferservice in Anspruch nehmen. Ab einem Einkaufswert von 30 Euro kommen einige Händler nun auch zu den Kunden. Es gibt eine Homepage mit genauen Informationen (www.mein-viktualienmarkt.de), die Bestellung erfolgt jedoch ganz altmodisch per Telefon.

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Was Petra Hahn auffällt: Die Kunden sind derzeit besonders höflich. "Jeder ist etwas bedachter, es ist weniger hektisch." Zudem bekomme man mit, dass die Menschen wieder mehr kochen - und auch was. An diesem Tag hätten besonders viele Kunden Saubohnen gewollt. Hahn zuckt mit den Schultern. Vermutlich hat's irgendein Fernsehkoch vorgemacht. Und: Kartoffeln seien wieder sehr gefragt.

Die Beobachtungen teilt auch Händler Schlegel. "Viele Eltern kochen jetzt selber für ihre Kinder, was sonst der Hort übernimmt." Er will weitererzählen, doch ein Mann läuft vorbei und grüßt ihn: "Hey Michi, alles Gute noch zum Geburtstag!" Schlegel bedankt sich. Kürzlich ist er 43 geworden. Er hat den Tag nur mit der Familie verbracht, ohne Freunde. Ungewohnt sei das gewesen. Vielleicht wird er davon eines Tages seinen Enkelkindern erzählen: Wie das damals war, im Frühjahr 2020, als sich das Treiben auf seinem Markt so abrupt so radikal veränderte.

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