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Neue Corona-Maßnahmen:"Ein versteckter, neuer Lockdown der Gastronomie"

Im Frühjahr sah es in fast allen Münchner Lokalen so aus wie hier im Sax: leer. Viele Gastronomen fürchten, dass es bald wieder so aussehen könnte - und viele für immer zusperren müssen.

(Foto: Stephan Rumpf)

Wegen der hohen Inzidenzwerte gelten in München strengere Regeln. Die Politik fürchtet in der Corona-Krise das "Feier- und Partygeschehen" - und die Gastronomie ihren Tod.

Von Franz Kotteder

Gaststätten und Hotels haben besonders unter den Corona-Auflagen zu leiden: Alkohol- und Reiseeinschränkungen schmälern ihre Überlebenschancen, und dann wechseln sich die Maßnahmen auch noch ziemlich schnell ab. Mal sind zehn Personen aus unterschiedlichen Haushalten an einem Tisch erlaubt, dann wieder nur fünf. Am Mittwoch hat der Vorstand des Münchner Hotel- und Gaststättenverbands Dehoga deshalb einen Brandbrief an Oberbürgermeister Dieter Reiter (SPD) geschrieben und sich über die "Unverhältnismäßigkeit" beklagt: Beim Aufenthalt in Gaststätten seien die Hygienemaßnahmen vorbildlich, Infektionen könnten wegen der Gästeregistrierung gut nachvollzogen werden, die Gefährdung sei deshalb minimal. Dennoch folge eine drastische Auflage der nächsten.

Inzwischen hat Reiter auf den Brief ausführlich geantwortet. Ihm sei bewusst, schreibt er, "dass die kürzlich beschlossenen Maßnahmen insbesondere auch für die Gastronomie- und Beherbergungsbetriebe unserer Stadt eine erneute erhebliche Belastung darstellen". Die Entscheidung sei aber keineswegs leichtfertig getroffen worden. Der gefährliche Schwellenwert von 50 Infizierten innerhalb von sieben Tagen je 100 000 Einwohnern sei inzwischen mehrfach deutlich überschritten worden, der Krisenstab habe also handeln müssen, denn die Gesundheit der Menschen habe unbedingt Vorrang.

"Die Begrenzung des Alkoholausschanks auf 22 Uhr und die Reduzierung der Gruppengröße auf fünf Personen an den Tischen", so Reiter weiter, "muss ich unter dieser Prämisse als zwar einschneidend und belastend, aber in der aktuellen Situation auch als notwendig und angemessen einordnen." Inzwischen sind die Regeln in München sogar noch strenger geworden - auf Basis einer Verordnung der bayerischen Staatsregierung. Von 22 Uhr an ist nun der Verkauf jeglicher Speisen und Getränke in Lokalen verboten, wenn der Inzidenwert von 50 überschritten wird.

"Alkoholkonsum konterkariert jegliche Vorsicht"

Das Argument der Dehoga, laut Robert-Koch-Institut trügen Gaststätten und Bars nur 0,5 Prozent zum Infektionsgeschehen bei, will Reiter so nicht gelten lassen. Das zitierte Bulletin des Instituts beziehe sich auf einen Zeitraum von fünf Monaten seit dem 24. Februar und erwähne auch die "massiven Gegenmaßnahmen", die in dieser Zeit ergriffen wurden: "Dies bedeutet, dass durch den Lockdown bis Mitte Mai das Gastro- und Hotelgewerbe schlicht und ergreifend nichts zum Infektionsgeschehen beitragen konnte." Reiter verschweigt allerdings, dass dieses Argument genauso für viele andere Branchen und Schulen ebenso gilt.

"Das zunehmende Feier- und Partygeschehen", so Reiter, habe nach einer Beruhigung der Lage bis Mitte Juli wieder zu einem deutlichen Anstieg geführt, ebenso wie "vermehrte Reisetätigkeit und ein oftmals sorgloserer Umgang". Die Wahrscheinlichkeit, dass sich das Virus verbreite sei höher, wo mehr Menschen länger und in größeren Gruppen zusammenkämen: "Vermehrter Alkoholkonsum konterkariert dann schlussendlich jegliche Vorsicht."

Auf das Argument der Gastronomen, in ihren Betrieben seien die Begegnungen und mögliche Infektionen nachvollziehbar und man halte sich streng an Hygieneauflagen, im Unterschied zu vielen privaten Treffen, geht der Oberbürgermeister in seinem Brief nicht ein.

140 Gastronomen im Raum München wurden befragt

Gerade hier legt nun die Gastro-Initiative "Save our local Gastro" (SolG) noch einmal nach. Sie hat eine Umfrage bei 140 Lokalen im Raum München gemacht. Demnach wurde in 95 Prozent der Betriebe bisher kein Corona-Fall nachgewiesen. In sieben Lokalen gab es jeweils eine Ansteckung, in vieren beim Personal, dreimal bei Gästen. Nur in einem dieser Fälle musste das Lokal durch die Behörden informiert werden, und nur in einem Fall kam es zu einer Folgeansteckung.

Dennoch, so die SolG, werde die Gastronomie jetzt mit Alkoholverbot und neuer Sperrstunde bestraft: "Damit wurden nun endgültig die Weichen für das Ende vieler gastronomischer Betriebe gestellt", sagt Pressesprecherin Luzie Seitz, und SolG-Mitglied Leonie von Canarp von der Goldenen Bar im Haus der Kunst sagt: "Die neue 22-Uhr-Regelung ist für viele Bars ein versteckter, neuer Lockdown der Gastronomie."

Der Nightclub im Bayerischen Hof sperrt lieber gleich zu

Feiern und Trinken werde nun vermehrt privat stattfinden, das sei nachweislich der Bereich mit den meisten Ansteckungen. Der Nightclub des Bayerischen Hofs hat jedenfalls bereits am Freitag seinen persönlichen Lockdown verkündet: Man werde bis zum 28. Oktober schließen, teilte die Leitung des Clubs mit.

Die 140 befragten Lokale sehen ebenso wenig zuversichtlich in die Zukunft. 50 Prozent von ihnen rechnen allein durch das Ausschankverbot mit einer Halbierung des Umsatzes, 28,3 Prozent schätzen ganz nüchtern, dass er nun auf unter ein Drittel des Vorjahres sinkt. 21,6 Prozent der Lokale immerhin glauben, sie seien von der neuen Einschränkung eher nicht betroffen, weil sie ohnehin keinen oder nur sehr wenig Alkohol ausschenken.

Ein gutes Drittel der Gastro-Betriebe schätzen die Chancen für ihren Fortbestand aber als schlecht oder sogar sehr schlecht ein. 17 Prozent machten das in der Umfrage von weiteren Einschränkungen abhängig, 39 Prozent hoffen darauf, dass sich die Gäste im Winter auch in die Gasträume trauen.

Viel Zuversicht herrscht bei den 140 Befragten allerdings nicht: Nur 8,8 Prozent sind sich sicher, dass es ihr Lokal auch im nächsten Jahr noch geben wird.

© SZ.de/infu
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