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Münchner Clubkultur und Fotografie:Es wird uns eine Leere sein

Christian Schmid fotografiert Münchner Clubs und Bars - Motto: "Geschlossene Gesellschaft". Wo sonst das Nachtleben tobt, droht in der Corona-Krise der Kulturstättentod. Mit seinen Bildern will der Künstler helfen: Er reicht die Erlöse weiter

Clubs zur Geisterstunde, da tobt das Leben. Menschentrauben, Bier und Schweiß, tanzende Körper, Flirts, Ekstase. Das Nachtleben ist ein verlässlicher Kosmos, besser: war. Gefühlt vor einer Ewigkeit. Wer in diesen Tagen um die Häuser zieht, Lockerungen hin oder her, dem bietet sich ein anderes Bild. Von einem "abnormalen Zustand" spricht Christian Schmid, wenn er auf seinen Streifzügen im Dunkeln vor verschlossenen Türen steht und über das Fehlen von allem staunt, was diese Orte prägten: gestylte Menschen, Lachen und Weinen, knutschende Pärchen, der Rauch der Zigaretten. Diese Leere sei "eigentlich nicht zu fotografieren", sagt der Münchner Grafikdesigner. Weil es sie nicht gibt. Zumindest nicht in einer Welt vor Corona. Inzwischen hat das Virus so einiges auf den Kopf gestellt, und Christian Schmid tut das, was er nicht für möglich hielt. Er fotografiert Münchner Clubs und Bars, nachts, so menschenleer wie surreal. Unter dem Motto "Geschlossene Gesellschaft" postet er jeden Tag mindestens ein Porträt auf Instagram, auf seiner Webseite sind die Bilder größer zu sehen. Hier kann man sie als Fotoabzüge bestellen (je nach Format ab 40 Euro). Etwa 60 Motive hat er bereits gesammelt, seit er Anfang Mai damit begonnen hat. Das erste Bild zeigt die Boazn Zur Gruam; die Alte Utting gleich daneben hat er auch dokumentiert. "Zu Beginn der Pandemie dachte ich mir: Wahnsinn, ich gehe sofort raus und fotografiere das leere München." Dann habe er in den sozialen Medien festgestellt: "Die Idee hatten viele." Also richtete er den Fokus auf die Indie-Clubs und Kneipen.

Seine Bilder sind Lehrstücke der Leere, Dokumente des nie Geahnten, richtige Schönheiten einer falschen Welt. "It's only Rock'n'Roll, but i like it" steht an der Fassade der Musik-Spelunke Maxe Belle Spitz in der Sonnenstraße - kein Mensch weit und breit. Oder, in Fußnähe, der einladend erleuchtete Durchgang zum Harry Klein. Dort, wo sich sonst Schlangen bilden - nichts und niemand. Wie auch auf den Bänken vor der Milla, vor dem Blitz-Club, vor dem Strom. Schmids Konzept: Nachtaufnahmen ohne Ausnahme, im Fokus die Eingänge, nicht zu nah dran. Räumlich sollen die Bilder sein, die Menschenleere soll sich entfalten. Sie sind auch Boten eines drohenden Todes. Niemand weiß, wie viele Clubs die Pandemie dahinraffen wird.

Dazu passt die Motivation des Künstlers. Denn Schmid, geboren 1978 in Pasing, macht das nicht, um sich als Künstler zu verwirklichen. Ein bisschen bestimmt auch, aber sein Antrieb ist ein anderer. An den Erlösen seiner Werke beteiligt er die Clubs. "50 Prozent des Preises gehen direkt an den Lieblingsclub des Käufers", verspricht Schmid. Der Rest decke Herstellungskosten und Versand. Für den Künstler bleiben: ein gutes Gewissen, ein bisschen Ruhm und Referenz. Jenes "Solidaritätsgefühl", das er als Kreativer spüre, treibe ihn an. Der 42 Jahre alte Vater, der einst oft um die Häuser gezogen sei, inzwischen "noch ab und zu", sagt: "Die Clubs und Bars können nichts machen", in der Kette der Lockerungen stünden sie ganz weit hinten. Das Projekt ist noch klein, Zugriffszahlen und Follower sind bescheiden. Doch das Feedback ist positiv. "Die meisten finden die Sache gut", sagt Christian Schmid und erzählt von Jungs, die sich vor dem Backstage spontan als Models angeboten hätten oder von Polizisten vor dem Substanz, die ihn informiert hätten, dass er aufpassen solle, dass ihn kein Auto überfährt. Man sehe ihn so schlecht mit seinem Stativ. Kritik gibt es auch, die gibt es immer. Eine Frau habe ihn über "Ruhestörung" belehrt, ein fast schon dadaistischer Einwand; einer der Clubs bemängelte öffentlich, dass man nicht gefragt wurde. Schmid lernt mit seinen Aufgaben. Seit 2004 ist er selbständiger Grafikdesigner und Art Director. Die Fotografie ist seine Leidenschaft. Wie es nach der noch nicht terminierten Öffnung der Clubs weitergeht, ist offen. "Man könnte das Projekt weitertreiben, mit Menschen, die Abstand halten. Oder aber es ist dann abgeschlossen." Ein Ziel steht indes fest: "Eine Ausstellung wäre ein großer Traum."

Infos: schmidchristian.com, instagram.com/geschlossenegesellschaft.muc

© SZ vom 04.06.2020
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