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Obdachlosigkeit in München:Erfolgreicher Protest

Gegen die Schließung ihrer Notunterkunft untertags protestierten Obdachlosen am Odeonsplatz.

(Foto: Catherina Hess)

Die Notunterkunft in der Bayernkaserne bleibt tagsüber geöffnet

Die gut 20 Männer und Frauen vor der Feldherrnhalle halten Transparente in der Hand: "Wir wollen nicht obdachlos sein", steht da, oder: "Wir wollen wie Menschen leben". Die Schilder künden von den Sorgen der Ärmsten, und sie erzählen von einem großen Durcheinander. Dieses Durcheinander ist in die Bayernkaserne eingezogen, in den dortigen "Übernachtungsschutz". Den bietet die Stadt als humanitäre Leistung Obdachlosen an, die meist aus EU-Ländern kommen und keinen Anspruch auf reguläre Unterbringung haben. Früher durften sie in der Bayernkaserne nur im Winter im "Kälteschutz" nächtigen, seit 2019 gibt es dieses Angebot ganzjährig, seit März hat die Notunterkunft auch tagsüber geöffnet. Wegen der Corona-Pandemie bietet die Stadt zudem kostenloses Essen, morgens, mittags und abends. Der Stadtrat hat beschlossen, dies bis Ende Juni beizubehalten.

Umso überraschter waren die Nutzer, von denen viele als Tagelöhner Arbeiten verrichten, die sonst niemand macht, als vergangene Woche ein Zettel in der Bayernkaserne hing: Vom 1. Juni an sei das Haus spätestens um neun Uhr zu verlassen, Einlass sei um 17 Uhr. "Alle persönlichen Wertsachen bitte ausnahmslos mitnehmen. Zurückgelassenes Gepäck wird entsorgt." Das rief die "Initiative für Zivilcourage" auf den Plan: Die Menschen könnten sich nicht ausreichend vor dem Virus schützen und wüssten nicht, wie sie einen Job finden sollen, wenn sie immer ihr Gepäck bei sich haben müssen.

Lisa Riedner von der Initiative kündigte eine Demo an. Kaum war der Protest publik, lenkte Wohnungsamtschef Gerhard Mayer ein: "Wir haben die Reduzierung des Tagesangebots überdacht", man belasse es nun aber doch. Hintergrund dürfte die angespannte Haushaltslage sein.

Die Obdachlosen freuten sich, doch womöglich zu früh: Laut Riedner berichten Bewohner, dass Sonntag und Montag kein oder eingeschränkt Essen ausgegeben worden sei. Also müssten sie die Unterkunft verlassen, dürften aber erst um 17 Uhr wieder rein. Was denselben Effekt habe wie die gerade eben verhinderte Schließung tagsüber. Mayer betont auf SZ-Nachfrage, dass dies nicht im Sinne der Stadt sei, man habe jedenfalls Essen für die Bewohner geordert. Man werde dies mit dem Betreiber klären, auch den Wiedereinlass. Riedner wiederholt derweil generelle Forderungen: Dass etwa der Standard in der Notunterkunft angehoben werde, die Zimmer nicht voll belegt würden und es Zugang zum Internet gebe.

© SZ vom 02.06.2020/huy

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