Oper:Furioses Finale

Der wendende Punkt
Nikolaus Bachler

Abschied mit Rilke: Nikolaus Bachler liest zwischen Opernszenen und Musiknummern von "Der wendende Punkt".

(Foto: Wilfried Hösl)

Die beiden letzten Abende mit Nikolaus Bachler als Intendant der Bayerischen Staatsoper werden zu einem großartigen, bewegenden Abschied.

Von Jutta Czeguhn und Egbert Tholl, München

Gerold Huber spielt ein, zwei Töne auf dem Klavier, die wie aus dem Nichts kommen, die, so der Einruck, vielleicht gar nicht richtig da waren, bevor sie schon wieder verschwanden. Zarteste, filigrane Erschaffung eines Liedes ist das, "Abschied" von Franz Schubert, das Christian Gerhaher alle umfassend anfassend singt, "Lebet wohl! es muss so sein". Die Intendanz von Nikolaus Bachler endet mit vollendeter Poesie. Denn obwohl dieser Abend nicht der letzte ist - am nächsten Tag kommt noch "Tristan" für alle -, so ist er doch der Abschiedsabend. Und wer auch immer ihn zusammenkomponiert hat, er nahm keine Rücksicht darauf, dass der scheidende Chef ein nach eigener Aussage völlig unsentimentaler Mensch ist.

Vier Dirigenten - Ivor Bolton, Asher Fisch, Kent Nagano, Kirill Petrenko -, zwei Pianisten - Huber und Constantinos Carydis - und eine schier überbordende Fülle von Gesangsstars erschaffen drei Stunden mit fast ausschließlich dunkelschattiger Musik, es wirkt wie ein Opern-Requiem in 21 Stationen, nur der Chor fehlt. Dabei wird ja Bachler nicht aus der Welt sein, er ist halt nicht mehr an diesem Haus. Und tatsächlich, am Ende, inmitten der Phalanx der Stars, grinst Bachler, und Kirill Petrenko feixt. Zuvor rezitierte Bachler zwischen den Opernszenen und Musiknummern Rilke: "Wolle die Wandlung. O sei für die Flamme begeistert, drin sich ein Ding dir entzieht, das mit Verwandlungen prunkt." Der Abend trägt den Titel "Der wendende Punkt".

Der wendende Punkt: Marlis Petersen

Marlis Petersen versenkt sich mit stimmlicher Überlegenheit in Salomes Hysterie.

(Foto: Wilfried Hösl)

Der Bühnenraum könnte von einem Teil von Andreas Kriegenburgs "Ring"-Inszenierung herrühren, wie sich überhaupt einige der Auftretenden Teile aus den Inszenierungen, in denen sie an der Staatsoper unter Bachler wirkten, mitgebracht haben. Der wundervolle Wolfgang Koch zum Beispiel Hans Sachs' lustige mobile Schuhwerkstatt im Wellblechkastenwagen; sein "Wahn"-Monolog, begleitet von Kirill Petrenko, ist einer der Höhepunkte dieses mit Höhepunkten vollgestopften Abends. Und endet mit einem fabelhaften Übergang zur nächsten Nummer. Hat Koch geendet, taucht in der Schuhwerkstatt erst ein Arm auf, dann ein Bein, dann die ganze Marlis Petersen, die sich mit stimmlicher Überlegenheit in Salomes Hysterie versenkt, immer in eine Kiste lugend, in der man den Kopf des Jochanaan vermuten kann. Stimmt aber nicht, denn in der folgenden Szene fördert Jonas Kaufmann daraus Fotografien zu Tage, die er während des Schlussgesangs aus Korngolds "Die tote Stadt" verbrennt. Abschied nehmen, hinter sich lassen, auf zu etwas Neuem.

Damit ist die Opernliteratur ja voll. Zumindest mit Abschied und dessen transzendentaler Dimension. Ob das nun der "Abendstern" aus dem "Tannhäuser" ist - Simon Keenlyside springt damit für den erkrankten Bryn Terfel ein, und zwar gar nicht besonders weh introspektiv, und ist beim Schlussapplaus schon wieder weg - oder die Marshallin aus dem "Rosenkavalier" (Andrianne Pieczonka), bei der ja alles Abschied ist, aber voller Lebensklugheit. "Die Zeit, die ist ein sonderbar' Ding." Oder der "Liebestod", gesungen von Nina Stemme. Danach tobt das Haus.

Der wendende Punkt: Kirill Petrenko, Christian Gerhaher, Nikolaus Bachler, Georg Zeppenfeld, Nina Stemme, Anne Schwanewilms, Marlis Petersen

Nikolaus Bachler (3.v.li.) feiert Abschied inmitten der Opernstars Kirill Petrenko, Christian Gerhaher, Georg Zeppenfeld, Nina Stemme, Anne Schwanewilms und Marlis Petersen (v. li.).

(Foto: Wilfried Hösl)

So wenig dieser Abend darauf ausgerichtet ist, eine maximale Best-Off-Opera-Show zu bieten (und dann musste auch noch Anna Netrebko absagen!), so wenig ist er auch eine Aneinanderreihung von Ständchen. Jede und Jeder der Auftretenden meint sein Tun sehr ernst, die umwerfende Elīna Garanča genauso wie Anja Kampe wie Pavol Breslik und Günther Groissböck, die beide Prinz und Wassermann aus der "Rusalka" sind, neben dem Wasserbasin, in dem normalerweise Kristīne Opolais wäre, wenn sie da wäre und das Lied an den Mond sänge. Aber sie ist nicht da, nur eine Stoffbahn kündet von ihr, doch die beiden Herren machen ihre Sache sehr gut. Und dann schwebt ein Staatsorchester-Streichquartett aus dem Bühnenhimmel, aufgeräumt in drei Käfige, damit sie nicht herauspurzeln, die drei Musiker und die Musikerin, und sie spielen, in sechs Metern Höhe schwebend, Beethovens Quartett op. 132, einen Satz - den verschatteten natürlich.

In der Pause fegt ein Sturm die Leute vom Marstallplatz, die draußen zusahen. Doch bevor es weitergeht, bricht schon wieder die Sonne durch, in unendlicher Schönheit von einem Neubeginn kündend, den dieser eigenartig wundervolle, versonnen traurige Abend ja letztlich meint: Wende zur Wandlung, kein Ende. Auch wenn eine gute Zeit, wie halt so oft am Theater, ihren Abschied feiern muss. Zu früh.

Im Nationaltheater herrscht am letzten Abend eine elektrisierte Atmosphäre

Der allerletzte Abend also, der Schlussakkord. Mit dem "Tristan", das ist Auflösung nach oben, schwerelos. Was soll da noch kommen? Das Münchner Publikum weiß sehr genau, dass es einer dieser "Weißt-Du-noch-Abende" wird, von dem man sich noch in Jahrzehnten erzählen kann. Und so warten sie in Scharen mit Pappschildern an der Treppe am Nationaltheater und flehen um Tickets, denn man muss drinnen sein. Oper für alle auf dem Marstallplatz ist da nur die zweitbeste, wenn auch wunderbare Lösung. Im Nationaltheater dann eine elektrisierte Atmosphäre, wie vor einem Gewitter. Neben der Garderobe Nikolaus Bachler in Öl, in der Porträtgalerie der Staatsoper zumindest wird er bleiben. Bachler hat offenbar auch Raffi Kalenderian, den Künstler aus L.A., auf Distanz gehalten, und doch hat der Maler ihn getroffen: dieses elegante, grüblerische Bachler-Thronen.

Genauso sitzt er auch an diesem allerletzten Abend in seiner Loge, wie immer an die Säule gedrückt. Und man fragt sich, was diese Säule nun ohne ihn machen wird. Unten im Saal aber die verzweifeltste aller Frage: Hat Oper ohne Kirill Petrenko überhaupt Sinn? Sie stehen schon, als er zum Pult schreitet. Wie soll das erst werden nach der letzten Tristan-Note? Jubelterror für den Scheuen. Eigentlich könnte man nach dem Prelude schon dankbar nach Hause gehen. Aber es gilt ja, auch von Anja Harteros und Jonas Kaufmann Abschied zu nehmen. Wie oft ist dieses geniale Opern-Paar der Bachler-Jahre schon den Liebestod gestorben. Nun also irgendwie final als Tristan und Isolde, seltsam auf Distanz gehalten. Was kaum auszuhalten ist. "Die Musik sagt mir etwas anderes, als ich sehe", meint etwa eine aufgewühlte Senta Berger in der Pause. Und sie bittet, dass man mit ihr den Platz tauschen möge. Der Ticketzufallsgenerator hat sie (Parkettreihe 7) von ihrem Michael (Reihe 9) getrennt. "Ich brauche seine Nähe." Jetzt darf sie also, mit dem obligatorischen Schachbrettplatz dazwischen, bei ihm sitzen.

Tristan und Isolde

Sie waren oft gemeinsam auf der Staatsopern-Bühne zu sehen: Anja Harteros und Jonas Kaufmann hier in "Tristan und Isolde".

(Foto: Wilfried Hösl)

Schachbrett auch draußen auf dem Marstallplatz, ohne Masken am Platz, dafür mit Thomas Gottschalk, was man auch erst mal aushalten muss. "O Weit' und Nähe, hart entzweite!", singt Jonas Kaufmann, und dann müssen alle die Schirme aufspannen. Der Himmel ist aber nur kurz gerührt an diesem Abend. Fast unbemerkt steht Nikolaus Bachler plötzlich an der Seite und beobachtet versonnen das Münchner Publikum. Ein liebevoller Abschiedsblick kommt durch den Bleimantel der Distanz, auch später, als er wieder in seiner Loge sitzt. Unten winken sie mit weißen Taschentüchern und singen hingebungsvoll "Muss er denn, muss er denn zum Städtele hinaus" für Kirill Petrenko - der sich wie stets bei überkochenden Liebesbekundungen ein wenig windet. Noch lange stehen sie und applaudieren. Doch der Vorhang, der hebt sich nicht mehr.

© SZ/pop
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