Kritik:Gedankenreich

Christian Gerhaher und Gerold Huber verzaubern ihr Publikum im Prinzregententheater mit Schubert-Liedern.

Von Harald Eggebrecht, München

Die elf Gedichte, die Franz Schubert aus Friedrich Schlegels romantischem Zyklus "Abendröte" zur Vertonung auswählte, geben sich im ersten Anlauf unbeschwert und leichtfüßig, obwohl sie bei aller beschriebenen Landschaftlichkeit und Gefühlsbetonung vor allem doch Gedankenlyrik sind. Schubert komponierte sie um 1820 herum, unprätentiös, kunstvoll einfach und doch den gedanklichen Wendungen der Texte souverän auf der Spur.

Christian Gerhaher und Gerold Huber widmeten ihren tiefsinnigen Liederabend im Prinzregententheater fast ganz Schuberts Beschäftigung mit romantisch-lyrischem Denken. Aber sie begannen mit einer fast zu pompös gestalteten, wuchtigen Ode von Friedrich Klopstock, die "dem Unendlichen" bruchlos huldigt. Auch Schubert findet da kaum Zwischentöne, sondern betont den Lobpreisgestus. Vor der Pause setzten Gerhaher/Huber mit vier Vertonungen von Goethe-Gedichten einen fast rezitativisch ausgekosteten Kontrapunkt. Da geht es bei "Prometheus" um trotzige Ich-Behauptung, bei "Ganymed" um lustvolle Ich-Hingabe, bei "Mahomeds Gesang" um Allmachtsfantasie, leider nur ein Schubert-Fragment, und "An Schwager Kronos" um kraftstrotzendes Lebensgefühl, wie es sich im Sturm und Drang äußert.

Nach der Pause folgte eine Gruppe von Abschieds-, Nacht- und Todesliedern nach Texten des Schubert-Freundes Johann Mayrhofer. Auch Aloys Wilhelm Schreibers "An den Mond in einer Herbstnacht" passte in Duktus und Besinnlichkeit in dieses Programm abgedunkelter Nachdenklichkeiten. Mag sein, dass es für manche zu wenige "Hits" gab, zu wenig Aplomb und Sensation. Doch gerade das Zurückhaltende, Skeptische, auch Unangestrengte dieser raffiniert schlichten Lyrik und Schuberts Staunen erregendes Spiel der harmonischen Farb- und Stimmungswechsel bei der Umsetzung der Texte in Musik vermochten Christian Gerhaher und sein wunderbarer Partner Gerold Huber in - der altmodisch pathetische Begriff sei erlaubt - reine Kunst zu verwandeln, eine Kunst des Zarten, Versonnenen, des Sehnsüchtigen, Traurigen und des Schmerzlichen.

© SZ/pop
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