Klassik:Schöne neue Welt

Klassik: Bei Jonas Kaufmann und Anja Harteros als "Tristan und Isolde" geht es nicht um Scheitern und Sterben - sie zeigen einen Gegenentwurf zu gängigen Liebeskonventionen.

Bei Jonas Kaufmann und Anja Harteros als "Tristan und Isolde" geht es nicht um Scheitern und Sterben - sie zeigen einen Gegenentwurf zu gängigen Liebeskonventionen.

(Foto: Wilfried Hösl)

Dirigent Kirill Petrenko macht aus Richard Wagners "Tristan und Isolde" beim Auftakt der Münchner Opernfestspiele eine Feier des Lebens. Ist das Kitsch? Manchmal - aber der gehört zu einer ganz großen Liebe.

Von Reinhard J. Brembeck

Was für ein herrliches Kostüm! Anja Harteros singspielt die Isolde im Bayerischen Nationaltheater und trägt zur gelben Bluse eine weite schwarze Hose. Später hilft ihr der angehimmelte Tristan - Jonas Kaufmann ist an diesem Abend durchgehend zum Anhimmeln - in einen schwarzen bodenlangen Mantel mit goldenen Broschüren auf weißem Grund und einer Fütterung in Magenta. Was für eine Farborgie!

Im zweiten und dritten Akt von Richard Wagners fulminanter Liebessucheoper "Tristan und Isolde" trägt Harteros dann nur noch Rot. Das mischt sich wunderbar zu ihrem ersten Outfit, das sie noch als elegante Dame jener Welt ausgibt, der sie sehr bald mit ihrem Lebensmenschen Tristan entflieht. Um mit ihm in ihrem milden Schlusstanz zu versinken, einem veritabler Schieber der Hochromantik, in einer für Diesseitige in der Regel unerreichbaren Liebeswelt, die keine rosa Herzen kennt, sondern rotglühend die Protagonisten versengt. "Tristan" in München ist keine Tragödie, sondern eine Feier des Lebens, die in dieser Potenz allerdings auf Erden kaum oder gar nicht zu haben ist. Wagners Musik lässt beide Schlussfolgerungen zu.

Dirigent Kirill Petrenko und das Bayerische Staatsorchester mischen in der Eröffnungspremiere der diesjährigen Opernfestspiele genau solche raffinierten Farbmischungen zusammen. Das ist klanglich ein Wunder. Petrenko meidet zudem jedes Pathos, alles Übermenschliche, alles Bombastische. Er ist an diesem Abend der große Tanzmeister, der bei Wagner immer wieder mal eine betörende Walzerseligkeit entdeckt. Alles ist bei diesem grandiosen Dirigenten im Fluss. Petrenko nimmt ernst, was Krzysztof Warlikowski, der Regisseur des Abends, ziemlich konsequent und letztlich ganz zu Recht ausblendet: das Wasser. Der erste Akt spielt auf dem Meer, der zweite und dritte am Meer, von Seefahren ist immer wieder die Rede. Das auf der Bühne zu zeigen - in wie vielen Aufführungen kam da nur Banales heraus! Überhaupt ist der "Tristan" ein Stück gegen die Bühne. Wer die banale Liebes- und Ehebruchsgeschichte brav an der Oberfläche bebildert, der erhält nur dürftige Langeweile.

Petrenkos "Tristan" ist keine Utopie, sondern ein So-geht-es-auch

Die Handlung konsequent in Wagners bilderreicher und nie absoluter Musik zu zeigen, das Meer ins Orchester zu verlegen, das ist neu. Petrenkos Staatsopernmeer ist jene schöne neue Welt, nach der sich das Liebespaar sehnt. Es will in ihm versinken, in ihm lösen sich auch die vielen Aporien des Textes wundersam stimmig auf. Das Orchestermeer steht für das ideale Liebesidyll, fernab vom trubeligen Tag und der noch trubeligeren Gesellschaft. Der finale "Liebestod", der Begriff stammt nicht von Wagner, ist bei Petrenko eine Hymne ans Leben und an die Liebe. Es ist ein Tanz auf die Erlösung zu. Das macht Petrenko deutlicher als jeder andere Dirigent. Hier geht es nicht um Scheitern und Sterben, hier geht es um einen Gegenentwurf zu gängigen Liebeskonventionen. Petrenkos "Tristan" ist keine Utopie, sondern ein So-geht-es-auch. Wenn vielleicht auch nur in der Musik.

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Der "Tristan" von Kirill Petrenko (hier ein Foto von 2019) ist keine Utopie, sondern ein So-geht-es-auch. Wenn vielleicht auch nur in der Musik.

(Foto: Bernd von Jutrczenka/dpa)

Anja Harteros fügt ihre Isolde als große Liebende stimmig und beseligend in Petrenkos Liebeswogen ein. Sie weiß von Anfang an, dass sie und Tristan das Dreamteam der Operngeschichte sind. Deshalb ist sie von Anfang an zu Mord und Selbstmord entschlossen, weil sie diese Liebe in der gängigen Realität nicht für lebbar hält. Auch Tristan ist von der Unabwendbarkeit dieser Liebe überzeugt. Aber er ist wie so viele Männer zu feige, diese Liebe zu leben. Er verschachert seine Isolde stattdessen an den besten Freund. Um so seinen Frieden zu haben, aber auch, das gesteht er sich nicht ein, um die ferne Geliebte in Griffweite zu haben. Was für eine Verblendung.

Anja Harteros ist grundlegend unaufgeregt, selbst in den turbulentesten Momenten. Mit ihrer dunklen, mühelos sich aussingenden Stimme beglaubigt sie in jedem Moment ihr unerschütterliches Vertrauen in diese Liebe. Harteros ist der zweite ruhende Mittelpunkt dieser Aufführung neben Petrenko. Jonas Kaufmanns Tristan dagegen hat einen sehr viel weiteren Weg zurückzulegen, bis er Isoldes Liebeszuversicht erreicht. Schließlich ist er ein Karrierist des real existierenden Patriarchats, ein Funktionär der Macht, ein Handlanger des Materialismus. Isolde dagegen ist als Medizinerin und Heilerin schon immer im Kontakt mit übernatürlichen Mächten.

Klassik: Karrierist des real existierenden Patriarchats: Tristan, bei den Opernfestspielen in München nun dargestellt von Jonas Kaufmann.

Karrierist des real existierenden Patriarchats: Tristan, bei den Opernfestspielen in München nun dargestellt von Jonas Kaufmann.

(Foto: Wilfried Hösl)

Für Tristan kommt diese Megaliebe mehr als ungelegen, fordert sie doch die Aufgabe seiner Karriere. Im Mittelakt kann er sich noch einreden, dass das Ganze bloß eine Affäre ist. Petrenko macht, was er so unnachahmlich kann: Er lässt das Orchester oft magisch leise spielen, oft auch an Stellen, wo man bei anderen Dirigenten die Sänger nicht mehr hört. Für Jonas Kaufmann, im Kern ein lyrischer und kein Heldentenor, ist Petrenko die Chance, diese mörderische Partie nicht nur durchzustehen, sondern sogar tonschön zu gestalten. Das Liebesduett im Mittelakt gerät zu einem feinen Rauschen, in dem die Liebenden mit Nuancen und Schattierungen überraschen, die hier sonst gar nicht singbar sind. Durch Petrenko wird das zu einem elysischen Trio.

Der dritte Akt aber bleibt auch bei Petrenko brutal. Tristan stirbt 45 Minuten lang. Er blutet zu Tode verwundet vor sich hin. Wagner aber fordert in fünf großen Monologen, dass der moribunde Tristan sich dennoch hemmungslos entäußert und das aufgepeitschte Orchester übersingt. Das ist eine Monsteraufgabe, an der alle Tenöre der vergangenen Jahrzehnte gescheitert sind. Petrenko aber findet eine Lösung. Er kultiviert auch hier das Leise, setzt aber auch die großen heftigen Ausbrüche. Vor dem Hintergrund des im Leisen gehalten Grundtons wirken die Eruptionen aber deutlich heftiger, als wenn das Orchester standardmäßig ständig mittellaut spielen würde.

Regisseur Krzysztof Warlikowski setzt auf Abstand statt auf Berührung

So kann Kaufmann die Sterbeszene nicht nur bewältigen, sondern singend überwältigend gestalten. Dieser Tristan ist kein Getriebener der Musik, sondern ein Partner des Orchesters. Dass das dennoch eine Grenzpartie ist, kann niemand überhören. Aber diese Grenzerfahrung setzt Kaufmann stimmig für sein Tristan-Portrait ein. Man muss in der Aufnahmegeschichte schon bis zu dem Kaufmann stimmlich und gestalterisch überlegenen Jon Vickers zurückgehen, 1973 live in Orange mit Dirigent Karl Böhm, um auf ein ähnliches Faszinosum der Charakterisierungskunst zu stoßen.

Regisseur Krzysztof Warlikowski, einer der viel beschäftigten und oft originellen Großmeister der Szene, tut dagegen so gut wie nichts. Er setzt auf Abstand statt auf Berührung, feiert die Statik. So stellt er sich nie dem Trio Harteros/Petrenko/Kaufmann - eine veritable Ménage-à-trois - in den Weg. Er achtet das Primat der Musik, das in dieser Oper ausgeprägter ist als in jedem anderen Bühnenwerk.

Die Szene wirkt erst einmal zwei Akte lang enttäuschend dürftig. Die Bühnenbildnerin Małgorzata Szczęśniak, Warlikowskis Lieblingsausstatterin, hat als Einheitsraum einen dunkel holzvertäfelten Saal mit protzigen Ledersesseln hingebaut. Es ist ein Interieur der Kälte und Macht, aus dem jeder halbwegs vernünftige Mensch entfliehen würde. Es gibt daraus aber, das hat das Bühnenteam Kafka abgeschaut, kein Entrinnen und kein Außen. Deshalb versuchen die Liebenden ein paar Mal an diesem Abend, Selbstmord zu begehen, stets vergeblich. Denn die Degen sind Theaterdegen, das Blut künstlich und die Todestränke gefakt. Es bleibt den beiden letztlich nur, sich in ihre Liebe zu schicken. Zuletzt erwachen sie zumindest im Video gemeinsam in einem Doppelbett, schauen sich verliebt an. Petrenkos Orchesterwogen umgaukeln sie. Ist das Kitsch? Ja. Aber auch der Kitsch gehört zur ganz großen Liebe.

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