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Kurzkritik:Durchtriebene Drahtzieherinnen

In der Aufführung von Mozarts "Figaro" bei den Münchner Opernfestspielen überzeugen besonders die Frauen.

Von Sarah Maderer, München

Während der Ouvertüre hat Figaro noch gut lachen. Eben selbst noch eine Marionette steigt er als fleischgewordener Puppenspieler von einer Miniaturbühne auf die tatsächliche Bühne des Münchner Nationaltheaters - doch werden im Laufe des Abends umgekehrt eher ihm die Dinge über den Kopf wachsen. Vom Spieler zum Spielball, diesen Prozess müssen die Figuren in Mozarts Opera buffa "Le nozze di Figaro" mehrmals durchlaufen. Daraus resultiert ein skurriles Durcheinander der Stände und Emotionen: Der Graf liebt die Zofe, die Mutter heiratet fast den Sohn, Rache und Eifersucht befeuern die Handlung mehr als Liebe.

Christof Loy bringt mit seiner Inszenierung Klarheit ins Wirrwarr. Vor fast kahlen weißen Räumen, die mit der Handlungsverdichtung mitwachsen, bis die Figuren nicht mehr an den Türknauf heranreichen, lässt er der Ausdruckskraft der Sängerinnen und Sänger den Vortritt. Das Orchester unter der Leitung von Ivor Bolton unterstreicht diesen Fokus, indem es engen Kontakt zwischen Bühne und Orchestergraben herstellt und dadurch den Sängern freie Gestaltung ermöglicht.

Alex Espositos Figaro beweist komödiantisches Geschick, ohne die Figur ins Alberne zu verkehren - seinem erhabenen Bass sei Dank. In Petticoat und Sonnenbrille verleiht Emily Pogorelc dem Spitzbuben Cherubino eine Portion Rockstar-Attitüde und interpretiert dessen berühmte Arietta No.12 mit jugendlicher Frische. Der Publikumsliebling des Abends ist aber die Gräfin Almaviva, deren Liebesschmerz die Sopranistin Golda Schultz fühlbar werden lässt. Ihre technische Perfektion geht niemals auf Kosten von Ausdruck, was sie besonders durch gefühlvolle Stellen im Piano beweist. So wurden die Frauenpartien dieser Darbietung ebenso stark besetzt, wie Mozart sie als Charaktere angelegt hat. Mag auch Figaro der Titelheld oder der Graf der mächtigste Mann am Hofe sein, sind doch die Frauen - oder wie Figaro sie besingt "die Meisterinnen des Betrugs" - ihren hitzköpfigen Männern stets einen Schritt voraus.

© SZ/arga
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