Ideen in der Corona-Krise:Was sich Bar-Betreiber im Lockdown einfallen lassen

Bari

Ein "Geisterbild" der Bar Zum Wolf.

(Foto: Jochen Hirschfeld)

Die Lokale sind geschlossen, doch viele Betreiber wollen die Krise nicht tatenlos über sich ergehen lassen: Sie laden zum virtuellen Drink mit Freunden, lassen eigenen Whisky brennen oder liefern aus.

Von Laura Kaufmann

Emanuele Ingusci sperrt seinen Barroom in der Milchstraße nun am Wochenende wieder auf. Virtuell zumindest. "Die Leute wählen sich ins Portal ein und jeder bekommt seinen Tisch", sagt der Gastronom. Ihre Cocktails haben sie vorher im Barroom bestellt und abgeholt. Jetzt sitzen sie hinter dem heimischen Rechner und können sich, wie bei einem normalen Barbesuch, aussuchen, ob sie alleine bleiben wollen, virtuell mit Freunden reden oder mit neuen Leuten. Inguscis Laptopkamera zeigt den Tresen des Barrooms, die aufgereihten Rumflaschen. Das, was die Gäste sonst sehen, wenn sie ihn in seiner charmant-winzigen Bar besuchen. Auch online begrenzt der Barchef die "Sitzplätze", der Service soll so erstklassig sein wie in der Bar. Ingusci fragt nach, ob der Cocktail schmeckt, ob er ein bisschen stärker oder süßer sein soll, und empfiehlt dann ein paar Tropfen mehr aus diesem und einen Schuss mehr aus jenem Fläschchen, das er mitgegeben hat.

"Die Leute haben Spaß. Es ist mal ein bisschen was anderes", sagt er. "Viele meiner Gäste sind seit Monaten im Home-Office abgeschottet." Jetzt machen sie sich wieder ausgehfein für einen Barabend bei ihm. Trotzdem, "erst habe ich mit der Idee gefremdelt". Sein Stammgast Justin Scholz hatte ihm das im ersten Lockdown vorgeschlagen. Jetzt, im zweiten, dachte sich der Barchef: Warum eigentlich nicht?

Ideen in der Corona-Krise: Emanuele Ingusci und Justin Scholz im Barroom.

Emanuele Ingusci und Justin Scholz im Barroom.

(Foto: Catherina Hess)

Beschäftigt bleiben, die Unkosten decken, mit Gästen Kontakt halten: Es gibt viele Gründe für Gastronomen, sich nicht einfach mit der abgesperrten Tür abzufinden.

Findig sind sie ohnehin, manche Ideen kommen von außen. Jochen Hirschfeld ist so ein treuer Gast wie Scholz. Er mag viele Bars in München, die Barkultur, die Cocktails. Als im November die Schanigärten wieder dicht machen mussten, erinnerten ihn die aufwendig dekorierten Parkplätze ohne Gäste an kleine Geisterstädte. Und der Fotograf kam auf das Projekt "Geisterbars". Ein Teil davon ist es, Barkeeper in ihren Läden als geisterhafte Schemen zu fotografieren. Ein Kunstprojekt, das die Situation trifft und eine poetische Note hat. Der andere Teil des Projektes ist, dass Leute sich über seine Seite www.geisterbars.de einen persönlichen Cocktail kreieren lassen können, auf ihren Namen, mit professionellem Foto, für 500 Euro. "Es gibt Gäste, die ihre Lieblingsbar unterstützen wollen und denen es das wert ist", sagt Jochen Hirschfeld. Auch Spirituosenfirmen haben das Projekt entdeckt. "Es gibt den Gast aus Singapur, der anonym bleiben möchte, oder das Pärchen aus Stuttgart, wo er ihr einen nach einem Gedicht von Rilke kreierten Drink geschenkt hat." 17 000 Euro sind so mittlerweile für die Bars zusammengekommen, an die 20 Lokale hat Hirschfeld fotografiert.

Eines davon betreibt Wolfgang Götz. Er führt das kleine American-Diner-Smokehouse Little Wolf in der Pestalozzistraße und die Blues-und-Bourbon-Bar Zum Wolf schräg gegenüber. Den Restaurant-Wolf kann er mit Take-away über Wasser halten. Und für den Bar-Wolf hat nun endlich, rechtzeitig für das Weihnachtsgeschäft, ein Projekt geklappt, das er schon lange umsetzen wollte: ein hauseigener Bourbon. Zum Wolf für zu Hause. Produziert hat ihn die Firma Maker's Mark in Kentucky, und fertig gewesen wäre er schon im Sommer. Dann aber hing der Whisky im Zoll, und Götz fehlte nach dem ersten Lockdown das Geld, um ihn dort auszulösen. Nach einem Deal mit dem Whiskyproduzenten ist der sechs Jahre gereifte Tropfen jetzt in München, "er verkauft sich schon sehr gut", sagt Götz. Das ist auch wichtig, denn die Staatshilfen aus dem Herbst hat er nach wie vor nicht auf dem Konto. Der Bourbon ist stark, "würzig, aber auch ein fetter Schokoladenwahnsinn", schwärmt Götz. "Ich persönlich bin mit 2 cl über zwei Stunden beschäftigt." Zu beziehen ist eine Flasche für 129 Euro über zumwolf.com, die Seite soll in nächster Zeit ausgebaut werden. "Wir wollen virtuelle Tastings und Whiskyschulungen anbieten", sagt der Barchef. Er will auf diesem Weg nah an seinen Gästen bleiben, so lange er kein Gastgeber in seinen Lokalen sein darf.

Ideen in der Corona-Krise: Robinson Kuhlmann liefert mit dem Rad aus.

Robinson Kuhlmann liefert mit dem Rad aus.

(Foto: Robert Haas)

Robinson Kuhlmann ist gerade mit dem Fahrrad im Glockenbachviertel unterwegs. Er liefert Weine aus, gute Tropfen der Winzer, mit denen er auch als Gastronom zusammenarbeitet. "Wir können da sehr spezifisch empfehlen. Wenn jemand zum Beispiel einen Wein zur Roulade braucht, aber keinen Rotwein mag." Bis gerade eben hat er noch vor Ort in seiner Bar in der Corneliusstraße 14 verkauft, mit dem verschärften Lockdown möchte er das nicht. Der Shop ist jetzt online unter robinsonkuhlmann.com, und im Sortiment sind nicht nur Weine, sondern auch: sein eigener Rum, Shirts von befreundeten Bars, ein Fotobuch über Schanigärten und bedruckte Socken. Außerdem: Ein Flachmann, auf dem steht: "Es eskaliert eh."

In München eskaliert momentan vor allem das Virus. Aber die Gastgeber der Stadt lassen sich davon nicht unterkriegen. Bis sie ihren Gästen wieder vor Ort einen Schwipps machen dürfen.

© SZ vom 19.12.2020/van
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