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SZ-Serie: Streifzüge durch die Stadt:Als München noch 17 Hektar maß

Wer sich auf die Spuren der zwei Stadtmauern begeben will, muss genau hinschauen: Hinweise und Überreste finden sich auf Schildern, Pflastersteinen und in Häusern eingebaut.

Von Dominik Hutter

Stadt der kurzen Wege würde man das heute wohl nennen. Wobei vermutlich hohe Stiefel angesagt waren und eine gewisse Toleranz gegenüber üblen Gerüchen - in mittelalterlichen Städten herrschten andere Hygienevorstellungen. Knapp 500 Meter sind es von der Ecke Kaufinger-/Augustinerstraße bis zum Turm des Alten Rathauses, den man von hier aus gut über dem Gewimmel der Passanten erkennen kann. Hier wie dort endete einst die Stadt. München umfasste schlappe 17 Hektar, heute sind es 31 000.

Durch das Talburgtor, später zum Rathausturm umfunktioniert, gelangte man von Osten, von der Isar aus, in die noch nicht übermäßig bedeutende Stadt. Es ist das einzige erhaltene Tor der ersten Münchner Stadtmauer, die im 12. Jahrhundert errichtet wurde. Im Westen lag der Schöne Turm, dessen Umrisse - man muss etwas genauer hinsehen - mit roten und grauen Pflastersteinen in der Fußgängerzone vor dem Kaufhaus Hirmer zu sehen sind. Wer wissen will, wie der 1807 abgebrochene und einst reich bemalte Turm aussah, findet eine Tafel an der Kaufhausfassade.

Zudem ist das verschwundene mittelalterliche Stadttor an der Ecke der Fassade an der Augustinerstraße dargestellt. Der Mann darunter ist der Goldschmied vom Schönen Turm, dem einer Sage nach ein wertvolles Geschmeide abhanden kam, für dessen Verlust er zum Tode verurteilt wurde. Er soll gesenkten Hauptes durch den Turm geschritten sein, an dem das Armesünderglöcklein läutete, und dabei weiterhin seine Unschuld beteuert haben. Nach der Hinrichtung dann soll die Preziose wieder aufgetaucht sein. In einem Dohlennest in der Glockenstube des Schönen Turms. Armer Schmied.

An dieser Stelle verlief einst die Stadtmauer, von der nichts mehr zu sehen ist. Deutlich erkennbar aber ist bis heute der gebogene Verlauf der Straßen - die Augustinerstraße und auf der anderen Seite der Fußgängerzone der Färbergraben. Es ist kein Zufall, dass die Kaufinger- hier zur Neuhauser Straße wird. Nahezu alle querenden Straßen ändern bis heute an der alten Stadtmauer ihren Namen.

Bei einem Spaziergang kann man dem Verlauf der Mauer folgen. 1400 Meter ist er lang, und man darf sich keine Illusionen machen: Man sieht nicht mehr viel von Münchens erster Stadtbefestigung, die von einem Wassergraben umgeben war. Es ist einfach ein netter Weg rund um die Altstadt: die Augustiner- und Schäfflerstraße entlang, über den aktuell von Baustellenabsperrungen geprägten Marienhof und weiter durch Hofgraben (mit Zugang zum Alten Hof, der ersten Residenz der Wittelsbacher in München), Pfister- und Sparkassenstraße zum Viktualienmarkt.

Übrigens lohnt sich ein kleiner Umweg in die parallel zur Sparkassenstraße verlaufende Burgstraße: Wie sonst nur am Sebastiansplatz nahe dem Stadtmuseum sind hier besonders viele Altmünchner Häuser zu sehen (wenn auch nicht aus der Zeit der ersten Stadtmauer). Zurück zum Ausgangspunkt geht es über Rosental und Färbergraben. Am Rindermarkt steht noch der 23 Meter hohe Löwenturm, der wohl aus dem 12. Jahrhundert stammt. Ob er tatsächlich, wie ein Schild behauptet, Teil der ersten Stadtbefestigung war, ist allerdings umstritten.

Nicht einmal 100 Jahre nach Vollendung der ersten Stadtmauer platzte München bereits aus allen Nähten, eine Erweiterung des Stadtgebiets und damit eine zweite Stadtmauer waren fällig. 1253 begann deren Bau, der 1337 mit der Fertigstellung des Isartors abgeschlossen war. Dort beginnt auch der zweite, nunmehr vier Kilometer lange Spaziergang entlang des Mauerrings, der bis zum Ende des 18. Jahrhunderts, als München seinen Festungsring schleifte, bestand.

Das Isartor ist das mit Abstand am besten erhaltene Münchner Stadttor. Es verfügt als einziges der drei noch bestehenden Tore nach wie vor über seinen großen Torturm. Stadtauswärts, über den Hof, befindet sich das Vortor mit zwei kleineren Türmen - bei Sendlinger Tor und Karlstor ist jeweils nur dieses Bauteil noch intakt. Das vierte Haupttor, das Schwabinger Tor am heutigen Odeonsplatz, existiert gar nicht mehr. Es musste 1817 der Anlage der Ludwigstraße weichen. Der zweite Mauerring verfügte zusätzlich über zahlreiche weitere, kleinere Tore. Das Kosttor etwa, nach dem eine Straße nahe dem Hofbräuhaus benannt ist, oder das Einlasstor, durch das man auch nachts gegen Zahlung einer Gebühr noch in die Stadt gelangen konnte.

Direkt nördlich des Isartors, nur einmal über die Fahrbahn des Tals, befindet sich die Straße Lueg ins Land, benannt nach einen Wachtturm der zweiten Stadtmauer, von dem aus man weit ins Land lugen konnte. Auf dem rechten Bürgersteig deuten rote Steine den Verlauf der Stadtbefestigung an. Die Straße führt direkt auf die Reste des Lueg ins Land zu. Eine Schießscharte ist noch zu sehen. Auf dem Gehweg ist, wiederum mit roten Steinen, der Grundriss des früheren Turms zu sehen.

Was heute noch steht und Außenmauer eines Hauses ist, ist eigentlich die Innenseite des Turms. Rechts, etwas versteckt und wenig einladend, führt eine Treppe in den Hof des Hauses Thomas-Wimmer-Ring 1. Dort befinden sich in einer wenig ansehnlichen Grube die Reste des Prinzessturms. Der gehört nicht direkt zur zweiten Stadtmauer, sondern war Teil der im 15. Jahrhundert ergänzten Zwingermauer - eines zweiten, wenige Meter stadtauswärts verlaufenden Parallel-Mauerrings, der den Wassergraben ersetzte und die Verteidigungsfähigkeit der Stadt erheblich verbesserte (weil Feinde nach Überwinden dieser ersten Barriere sozusagen in der Falle saßen). Im 17. Jahrhundert wurde dieses System noch durch einen Festungswall mit Bastionen ergänzt. Eine dieser Bastionen befand sich auf dem Gelände des heutigen Finanzgartens (auch: Dichtergarten) hinter den Hofgartenarkaden.

Zurück zum Isartor, führt die Mauer-Tour auf der gegenüberliegenden Seite weiter durch die Westenriederstraße. Auf der linken Seite, es sieht ein wenig aus wie eine steinerne Ruhebank, sind weitere Reste der Zwingermauer zu sehen. Sie gehören ursprünglich auf das weiter westlich gelegene Grundstück Westenriederstraße 10, wo sie bei Bauarbeiten entdeckt und an den neuen Standort versetzt wurden. An der Ecke zur Sterneckerstraße befand sich einst das Taeckentor, ein vermutlich um 1400 zugemauertes kleineres Tor der zweiten Stadtmauer. Davon ist allerdings nichts mehr zu sehen.

Der Weg führt weiter über Viktualienmarkt und Blumenstraße sowie An der Hauptfeuerwache zum Sendlinger Tor, einem der Haupttore, dessen Hofumrandung teilweise erhalten ist. Wo sich heute die Kreuzung mit der Sendlinger Straße befindet, stand einst - analog zum Isartor - der Hauptturm. Die Mauer verlief weiter über die Herzog-Wilhelm-Straße zum Karlstor, dem früheren Neuhauser Tor. Auf dem Stachus befand sich einst eine Barbakane, eine zusätzliche Befestigung direkt vor dem Stadttor.

Weiter geht es durch die Herzog-Max-Straße zur Herzog-Max-Burg, von der nur noch der Turm an der Pacellistraße erhalten ist. Die Neue Maxburg, in der Gerichte untergebracht sind, zählt zu den schönsten Fünfzigerjahre-Bauten Münchens, ihre Architekten sind Sep Ruf und Theo Pabst.

Von der Pacellistraße (man kann durch die Passage der Maxburg hindurchgehen) geht es in die wenig bekannte Rochusstraße und weiter zum Rochusberg. An dessen Ende, vor der Durchfahrt zur Salvatorstraße, muss man links und dann gleich wieder rechts einen Haken schlagen in die Jungfernturmstraße. Dort sind auf der rechten Seite Reste der zweiten Stadtmauer sowie des Jungfernturms zu sehen. Links zum Amiraplatz, dann rechts in die Brienner Straße und über den Odeonsplatz, auf dem früher das Schwabinger Tor die Nordzufahrt nach München darstellte.

Der Mauerweg geht weiter über Hofgartenstraße, in die Alfons-Goppel-Straße, Falkenturmstraße (der namensgebende Turm der zweiten Stadtmauer diente als Gefängnis; im Linksknick dem Verlauf der Straße folgen), Am Kosttor (auch dies ein früheres Stadttor, diesmal mit Armenspeisung), Neuturmstraße und Marienstraße zum Lueg ins Land und Isartor. Wo einst München endete. Heute müsste man bis zur Stadtgrenze noch rund zehn Kilometer weitermarschieren. Luftlinie.

© SZ vom 17.11.2020/van/syn
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