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Landkreis München:Berufswahl im Blindflug

Ausbildung in der Pandemie

Anna Müller hat ihre Ausbildung bereits vor der Pandemie begonnen. Die 19-Jährige lernt Hotelfachfrau im Hotel zur Mühle in Ismaning und steht kurz vor dem Abschluss.

(Foto: Robert Haas)

Die Zahl der Lehrlinge ist 2020 gesunken. Nach Einschätzung von Wirtschaftsverbänden liegt das auch daran, dass es die Krise erschwert sich ein Bild von den Jobs zu machen.

Von Julius Baumeister

Damit trotz der Corona-Krise auch künftig dringend benötigte Fachkräfte zur Verfügung stehen, hat die Bundesregierung die Ausbildungsprämie für Betriebe zum 1. Juni erhöht. Tatsächlich ist die Zahl der Auszubildenden auch im Landkreis München in den vergangenen zwei Jahren merklich zurückgegangen. Wirtschaftsverbände und Gewerkschaften sind sich aber einig, dass das nur zum Teil auf die Folgen der Pandemie zurückzuführen ist.

Nach Angaben der Industrie- und Handelskammer (IHK) starteten im Landkreis München vergangenes Jahr 1234 Auszubildende in Betrieben aus Industrie, Handel und Dienstleistungen ins Berufsleben. Das sei ein Minus von 13,7 Prozent zum Vorjahr, heißt es in einer Pressemitteilung der IHK. Viele Betriebe seien zwar gewillt auszubilden, erklärt der Vorsitzende des IHK-Regionalausschusses für den Landkreis München, Christoph Leicher, doch die Pandemie habe auch Maßnahmen zur Berufsorientierung junger Menschen zum Erliegen gebracht. "Schnupperpraktika, Ausbildungsmessen und persönliche Bewerbungsgespräche konnten nicht stattfinden." Darunter habe schließlich auch die Bewerbungsphase im vergangenen Frühjahr sehr gelitten, sagt Leicher.

Noch immer finden Veranstaltungen zur Berufsorientierung nur in digitaler Form statt. Besonders für das Handwerk seien Ausbildungsmessen und Workshops in den Betrieben allerdings wichtig, betont Jens Christopher Ulrich von der Handwerkskammer München. "Die Leute müssen dabei sein können, wenn Menschen ihr Handwerk vorstellen, müssen selbst mit anpacken können und die Möglichkeit haben, die Werkstoffe anzufassen." Auch im Handwerk habe es 2020 einen Rückgang der Lehrverträge um 3,9 Prozent im Vergleich zum Vorjahr gegeben.

Eine Krise des Ausbildungsmarktes aufgrund der Corona-Pandemie sieht man bei der Handwerkskammer laut Ulrich hingegen nicht. Das entspricht auch der Einschätzung der IHK. "Der Ausbildungsmarkt ist trotz der Pandemie aufnahmefähig," sagt Florian Reil von der IHK. Viele Betriebe hätten Alternativkonzepte entwickelt, um ihren Auszubildenden die praktische Übung weiter zu gewährleisten. Hotels hätten etwa ihre Azubis in nahegelegene Reha-Zentren geschickt, um dort mit anzupacken und praktische Erfahrungen sammeln zu können.

"Das funktioniert möglicherweise für die großen Hotelbetriebe, aber wer seine Ausbildung in kleineres Hotels oder Restaurants macht, für den existiert so eine Möglichkeit nicht," sagt allerdings Kristofer Herbers vom Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB). "Es gibt auch Betriebe, die einen so hohen Anteil an Azubis haben, dass sie ihren Ausbildungsbetrieb einfach weiterlaufen lassen können, aber das ist nicht der Regelfall." Bei der Betreuung von Azubis hätten vor allem kleine und mittelständische Betriebe Schwierigkeiten. Leidtragende seien am Ende neben den Betrieben selbst auch ihre Azubis, in denen mancherorts auch schlichtweg eine kostengünstige Arbeitskraft gesehen werde, so Herbers.

Für ihn ist die prekäre Lage auf dem Ausbildungsmarkt mit Blick auf einzelne Branchen deutlich. "In der gesamten Gastronomie gibt es natürlich einen massiven Rückgang. Wer entscheidet sich denn in der aktuellen Lage dazu, eine Kochausbildung zu beginnen?" Abhilfe könnten etwa IHK und Handwerkskammer selbst schaffen, findet Herbers. "Die Kammern haben Bildungszentren, in denen sie unserer Meinung nach Bildungsangebote für Betroffene Auszubildende schaffen könnten." Diese Notwendigkeit sieht man bei der IHK unterdessen nicht. "Wir sehen dafür keinen Bedarf, weil im absoluten Großteil der Betriebe die Ausbildung normal weiterläuft."

Dass die Gründe für den Rückgang der Ausbildungsverhältnisse vielfältig und die negativen wirtschaftlichen Folgen von Corona nicht hauptverantwortlich dafür sind, darüber sind sich auch Herbers und Reil einig.

Auch die Handwerkskammer stellt fest: Der Einfluss der Pandemie auf die sinkenden Zahlen sei geringer, als noch im vergangenen Jahr befürchtet. Stattdessen seien die rückläufigen Zahlen von Faktoren geprägt, die bereits seit Jahren einen Rückgang an Bewerbern auf dem Ausbildungsmarkt verursachen, meint Ulrich. Denn auch wenn die Zahl der Auszubildenden im Jahr 2019 noch deutlich höher war, sinkt die Zahl der jungen Leute, die sich nach ihrem Schulabschluss für eine duale Berufsausbildung entscheiden, bereits seit Jahren. Ein Faktor dafür sei, dass die Zahl der Absolventen allgemeinbildender Schulen abnehme, so die IHK. Bayernweit sank diese 2020 um 4,9 Prozent zum Vorjahr. Auch ein zunehmender Trend zum Studium erschwere die Suche nach Auszubildenden.

"Seit Jahren werden Ausbildungsberufe für junge Menschen immer unattraktiver, weil sie im Vergleich zum Studium viel weniger Aufstiegsmöglichkeiten bieten," sagt Herbers vom DGB. "Immer mehr Schulabgänger entscheiden sich deshalb für ein Studium." Das bestätigen auch die Zahlen der IHK. Während sich im Jahr 2020 bayernweit ein acht prozentiges Minus bei Bewerbern auf Ausbildungsstellen mit Fachhochschulreife auftat, waren es bei Bewerbern mit Abitur sogar 15,5 Prozent weniger als noch im Vorjahr. Nach Angaben der IHK blieben trotz der Pandemie bis zum September 2020 302 Lehrstellen in den Bereichen Industrie, Handel und Dienstleistungen im Landkreis München unbesetzt und das, obwohl auch mehr als zwölf Prozent weniger Lehrstellen durch die Betriebe angeboten worden waren. Im Handwerk suchten Betriebe aus dem Landkreis im vergangenen Jahr für 120 Stellen vergeblich nach Auszubildenden.

Um dies zu ändern, sei es unabhängig von Corona wichtig, jungen Menschen die guten Perspektiven durch eine Ausbildung bewusst zu machen, sagt Jens Christopher Ulrich von der Handwerkskammer. "Wenn ich mir ansehe, dass nicht klar ist, wo manche Absolventen der Universität später tatsächlich landen, dann liefert eine Ausbildung doch eine wirklich sichere Zukunftsperspektive."

© SZ vom 09.04.2021/syn
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